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Veröffentlicht: 19.01.2017, 11:36 Uhr

Dschungelcamp „Die Etablierten wehren sich gegen solche Formen des Zusammenlebens“

Überall wird das Dschungelcamp gefeiert, aber darf man es auch kritisieren? Ein Fernsehabend mit dem ehemaligen Camp-Bewohner Rainer Langhans, der Ikone der 68er-Generation.

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© Jan Roeder, F.A.Z., Sebastian Eder Dschungelcamp: Rainer Langhans und seine große Kommune

Rainer Langhans sitzt auf einer weißen Matratze, die auf dem Boden seiner Münchner Einzimmerwohnung liegt. Über ihm baumeln zwei Birnen von der Decke, sie strahlen auf sein wildes, weißes Haar, auch fast alles andere in dem Raum ist weiß: Die Wände, das Bettzeug, Langhans' Kleidung, Klamotten, die an der Wand hängen. Auf dem Boden sind ein paar Bücher fein säuberlich nebeneinander gestapelt, darauf liegt eine Fernsehprogrammzeitschrift. Die ist wichtig: Langhans will das Dschungelcamp nicht verpassen. Die Symbolfigur der 68er-Generation, die mit Uschi Obermaier in der legendären Kommune 1 lebte, war selbst vor ein paar Jahren Teil der RTL-Sendung.

Halbprominente mit Geldproblemen kämpfen darin um die Gunst der Zuschauer, indem sie in lebenden Insekten baden, Tierhoden essen, oder durch Gruben voller Schlangen robben – Dschungelprüfungen nennt sich das. Die Zuschauer entscheiden per Anruf, wer in die Prüfung muss und wer am Ende „Dschungelkönig“ wird. Das ehemalige Model Kader Loth wurde in dieser Woche mehrmals in eine Prüfung geschickt. „Die Zuschauer sind ganz, ganz böse Sadisten“, sagte sie daraufhin. „Gibt's unter Euch auch Menschen mit Herz? Seid ihr alle Arschlöcher?“

44297205 © dpa Vergrößern Für das ehemalige Model Kader Loth sind die Zuschauer „ganz, ganz böse Sadisten“.

Was gefällt dem Althippie Langhans also an dieser Sendung? „Es ist eine Kommunen-Erfahrung“, sagt er. Im Fernsehen ist gerade das Model Gina-Lisa Lohfink zu sehen, sie sagt in die Kamera: „Der Dschungel hat mir mein Lachen wiedergegeben.“  Langhans wird hellwach: „Das ist das, was da wirklich passiert. Es ist wie eine Therapie. Die Bewohner sind am Ende, sie offenbaren ihr Innerstes und werden neue Menschen. Und das fasziniert die Zuschauer.“

Psychische Probleme werden zur Schau gestellt

Therapie ist ein gutes Stichwort, weil gerade in dieser Staffel des Dschungelcamps die psychischen Probleme der Bewohner besonders genüsslich zur Schau gestellt werden. Die „Bild“-Zeitung titelte am Mittwoch: „Psycho-Akte Dschungelcamp – Wer ist nur ein bisschen irre – und wer ist wirklich psychisch krank?“ Bei „Spiegel Online“ machte sich eine Autorin im ironischen Plauderton über die Berichte von Bewohnern über vergangene Selbstmordversuche lustig („Bitte nicht alle auf einmal!“). Werden hier also nicht doch einfach Leute vorgeführt, die ernsthafte Probleme haben? Langhans sagt: „Probleme haben wir alle. Wir müssen auf unser Inneres schauen und uns offenbaren. Das Private ist politisch. Damit landet man dann eben immer schnell bei den Trash-Medien, die über so etwas berichten.“

44297177 © dpa Vergrößern Die Immobilienmaklerin und Autorin Hanka Rackwitz leidet im Dschungel besonders unter ihren Zwangsstörungen und Phobien.

Es ist nicht einfach, den Gedanken zu folgen, die Langhans sich dann über das Dschungelcamp macht. „Was im Dschungelcamp im Kleinen passiert, macht Donald Trump im Großen“, sagt er. „Auch er macht das Private politisch, mit seinen sehr persönlichen Tweets. Gefühle statt Fakten, nach innen schauen, wie 68. Das macht ihn so glaubwürdig. Und auch er sagt: Ich will raus aus diesem System. Obwohl er darin so erfolgreich ist.“ Im Hintergrund werden zwei Dschungelbewohner gerade in die hohlen Flügel einer Windmühle gesperrt, die voller Insekten sind, das Rad beginnt sich zu drehen, aber da muss man doch kurz nachhaken: Trump hat doch nichts mit der 68er-Bewegung zu tun? 

Sind die Menschen im Dschungel authentisch?

„Doch“, sagt Langhans, „wir müssen uns unsere eigene Mördergrube erst mal gemeinsam anschauen. Da zeigt sich, was für Arschlöcher wir sind, wie bei Trump. Besser als diese ewige Political Correctness. Das ist wie am Anfang im Dschungelcamp. Von da aus müssen wir dann zu einer neuen Menschlichkeit finden.“

Aber sind die Menschen im Dschungel denn wirklich authentisch? „Naja, bei uns haben schon viele eine Rolle gespielt“, sagt Langhans. „Manche schaffen das aber nicht.“ In dieser Staffel gilt das zum Beispiel für Reality-TV-„Star“ Hanka Rackwitz, die in Australien besonders unter ihren Zwangsstörungen und Phobien leidet. Selbst sonst sehr kritische Medienjournalisten fühlen sich davon gut unterhalten. Denn, so heißt es in manchem Artikel, Rackwitz werde nicht nur als Freak dargestellt, sondern erwecke als Mensch Anteilnahme und Interesse. Aber stimmt das, wenn der Moderator sagt: „Sie brauchen keine Angst haben in Deutschland, wir behalten die ganze Truppe erst mal geschlossen hier“? Und auch die herablassende Berichterstattung in der „Bild“-Zeitung („In diesem Dschungel werden mehr Pillen als Maden verspeist“) gehört letztendlich zum Erfolgsrezept der Show.

44297774 © Picture-Alliance Vergrößern Rainer Langhans (zweiter von links) im Januar 2011 vor seinem Einzug ins „Dschungelcamp“ mit den anderen Teilnehmern der fünften Staffel der Reality-Serie

Thomas Stamm ist Psychiater und Psychotherapeut an der Medizinischen Hochschule Brandenburg. Er sagt: „Die undifferenzierte Darstellung von psychischen Erkrankungen und deren Behandlung war schon immer ein Erfolgsgarant für Romane, Drehbücher und zuletzt Reality-TV-Konzepte.“ Letztlich werde durch diese voyeuristische Vorführung aber nur die soziale Distanz zu psychisch Erkrankten gefördert und damit auch ihre Stigmatisierung. „Das Argument, Formate wie das Dschungelcamp könnten zu einem unverkrampfteren Umgang mit psychischen Erkrankungen beitragen ist durch die Antistigmaforschung klar widerlegt“, sagt der Professor. „Letztlich wird hier also auch nur Kasse mit den Schwächsten in der Gesellschaft gemacht.“

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Also, noch mal die Frage an Langhans: Hat er nicht ein wenig Verständnis dafür, wenn man diese Sendung kritisiert? „Die Etablierten werden sich noch lange gegen solche Formen des Zusammenlebens wehren. Etwas Neues wird immer erst mal abgelehnt. So war das auch bei uns in der Kommune. Und so ist das jetzt bei Trump.“ Ob er ihn gewählt hätte? „Ich denke schon.“ Dann geht die Sendung langsam zu Ende, Langhans schaltet den Fernseher aus, er will noch etwas an einem neuen Buch schreiben. „Manchmal ist es schwer, das, was im Inneren ganz klar ist, in Worte zu fassen“, sagt  er. Ein Idee für einen Untertitel habe er aber schon: „Selfies von der Kommune bis zu Trump“.

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