Die Bühne im Großen Saal des Berliner Admiralspalastes ist, kurz vor Beginn der Show, nicht der beschaulichste Ort für ein Interview. Requisiten liegen herum, Bühnenarbeiter sind zugange, und von der Decke herab senkt sich an einem Seil ein Mond aus Pappmaché. Was hier gleich zu sehen sein wird, ist eine der letzten Vorstellungen der Show „Lachen Machen - Die Könige der Clowns“, mit der fünf berühmte, vielfach ausgezeichnete Künstler durch Deutschland getourt sind: René Bazinet, Avner Eisenberg, Oleg Popov, David Shiner und Peter Shub. Die drei Letzteren haben sich zum Gespräch eingefunden. Noch sind alle ungeschminkt, keiner hat seine Arbeitskleidung angelegt.
Asketisch, elegant und beim Gespräch viel ernsthafter als später auf der Bühne wirkt David Shiner, geboren 1953 in Massachusetts, Star am Broadway und am Cirque du Soleil. Peter Shub aus Philadelphia, Jahrgang 1957, Diplomsoziologe, bekannt geworden beim Circus Roncalli, braucht auch während des Interviews Bewegung und spielt, was anfangs leicht irritierend ist, mit einem Baseballschläger. Dazwischen sitzt, im karierten Sakko, Oleg Popov, geboren 1930 bei Moskau, seit sechzig Jahren in der Manege, Volkskünstler der UdSSR, eine Clown-Legende wie Grock oder Charlie Rivel. Als Einziger der drei trägt er auf der Bühne eine rote Nase. Das Interview wird auf Deutsch, auf Englisch und auf Russisch geführt, Popovs Frau und Bühnenpartnerin hilft als Übersetzerin.
Kann es einen oder mehrere „Könige der Clowns“ geben? Der König und der Narr, das sind ja historisch völlig konträre Figuren.
Shiner: Ich weiß gar nicht, warum das Programm „Die Könige der Clowns“ heißt. Wir sind alle gut, aber es gibt andere gute Clowns.
Shub: Es ist interessant mit den beiden Wörtern, Clowns und Könige. Im Mittelalter war es unsere Aufgabe, das gesamte Königreich zu unterhalten. Und wenn wir nicht lustig waren, wurden wir einen Kopf kürzer gemacht. Um zu überleben, mussten wir komisch sein.
Popov: Ein Clown braucht drei Dinge: den Geist eines Schriftstellers, das Herz eines Dichters und den Körper eines Athleten. Das Wichtigste für einen Clown aber ist es, ein sympathischer und guter Mensch zu sein.
Shiner: Ich stimme zu.
Shub: Und er sollte ein schönes Auto haben.
Popov: Wofür das Auto?
Shub: Wenn du eine schlechte Show hast, kannst du damit schnell flüchten.
Popov: Ich würde ein Flugzeug nehmen.
Man sagt, dass es einen Menschen stark verändert, wenn er eine Uniform trägt: Er strahlt sofort mehr Autorität aus. Was passiert mit Ihnen, wenn Sie Ihr Clownskostüm überstreifen?
Shub: Kostüme sind Materialien, sie beeinflussen dein Verhalten. Wenn du eine Nase aufsetzt oder auch nur einen Hut, dann verhältst du dich anders. Es ist eine Art Statement. Oft entscheide ich mich aber dafür, mich neutral zu kleiden. Dann werde ich durch die Art interpretiert, wie ich mich bewege, und nicht dadurch, wie ich aussehe.
Popov: Für einen Clown ist die Maske eine Möglichkeit, sich zu verstecken. Man kann dann nicht erkennen, was für private Probleme ihn vielleicht bedrücken. Mit einer Maske wird man zum anderen Menschen. Ohne Schminke und ohne Kostüm kann es unangenehm sein, bestimmte Witze zu machen. Es ist dann nicht so einfach, lustig zu sein. Auch weil das Publikum es anders aufnimmt.
Fühlen Sie sich mit Maske stärker, weniger verletzlich?
Popov: Freier. Als Mensch bin ich kontrolliert, mit Maske bin ich frei.
Herr Shub, Herr Shiner, anders als Ihr Kollege Popov verzichten Sie bei Ihren Auftritten auf die klassische rote Clownsnase. Warum?
Shub: Ich war immer ein großer Fan von Charlie Chaplin und Buster Keaton. Sie waren nur minimal geschminkt, hatten ein leichtes Gesichts-Make-up. Bei ihnen waren es die Bewegungen, die zählten.
Shiner: Für uns hat das Wort Clown eine tiefe Bedeutung, es schließt all die alten Filmkomiker ein, all die große Komik. Die jungen Leute dagegen wissen nicht mehr wirklich, was ein Clown ist. Vor kurzem musste ich meinen Wagen zur Werkstatt bringen, und ein junger Typ fuhr mich nach Hause, etwa 25 Jahre alt. Für ihn waren Clowns solche Leute, die auf Geburtstagen Ballons aufblasen und daraus Tiere für Kinder knoten. Ich habe ihn gefragt, du weißt wirklich nicht, was ein Clown ist? Er hat gesagt: Doch, ihr blast die Ballons auf.
Shub: Ich mache das.
Shiner: Breite Teile der Bevölkerung halten Clowns heute für Kinderkram. Das müssen wir ändern. Man muss den jüngeren Leute wieder beibringen, was Clowns sind.
Für die meisten jungen Leute dürfte der bekannteste Clown heute Ronald McDonald sein.
Shiner: Ja, das ist furchtbar.
Shub: Ich mag auch manchmal gern einen Big Mac. Die Pommes allerdings, ich weiß nicht . . . aber David hat recht. Das Problem ist, dass wir in einer verbalen Kultur leben. Comedy bedeutet heute Stand-up-Comedy, sie ist intellektuell. Wir müssen zurück zu mehr körperlichem Humor. In unserer Show kommunizieren wir die meiste Zeit mit dem Körper. Die Arbeit als Clown, hat mal jemand gesagt, lässt sich sehr leicht schlecht machen, und es ist sehr schwer, sie gut zu machen. Zum Teil liegt es an der Idee von der roten Nase. Deshalb nehmen heute viele gute Clowns die Nase ab: Es haftet ein Stigma an ihr. Es gibt so viele schlechte Clowns mit roten Nasen, wenn man die schon sieht, sagt man gleich: Oh nein, nicht diese Art von Clown.
Popov: Im Karneval setzt sich jeder eine rote Nase auf und meint, er wäre ein Clown.
Shub: Das glauben viele Leute: Man braucht nicht mehr als große Schuhe. Es ist, als würde ein verletzter Ballettänzer Ihnen seine Ballettschuhe geben und sagen: Tanz morgen in der Oper die Cinderella für mich. - Doch du brauchst mehr als Ballettschuhe. Du brauchst Training, du brauchst eine Theatertechnik, und du brauchst Ideen.
Shiner: Aber es gibt auch Spitzenclowns mit roter Nase. Es ist einfach eine Frage der Wahl.
Der Clown-Humor gilt als romantisch, unschuldig, kindlich. Passt er nicht in unsere zynische Zeit?
Shiner: Unschuldig? Bin ich nicht!
Shub: Letztlich ist es entweder lustig oder nicht. Wenn du lustig bist, teilen die Leute es dir direkt mit: Sie lachen. Ob du nun zynisch bist oder poetisch. In einem Clown kann man all diese verschiedenen Facetten vereinen.
Shiner: Aber ich verstehe, was Sie meinen. Jeder Mensch hat etwas Böses und etwas Gutes in sich. Ich finde es interessant, wenn wir beide Seiten zeigen können und nicht nur eine Seite, denn das ist ermüdend.
Hat der Clown ein Image-Problem?
Shiner: Total, ja. In Europa ist die körperliche Komik vergessen, die Leute lieben Stand-up. Aber interessanterweise erlebt in den Vereinigten Staaten die physische Comedy ein Revival, während es mit der Stand-up-Comedy bergab geht. Eine der erfolgreichsten Broadway-Shows derzeit ist eine Comedy-Show, und der Hauptakteur sagt kein Wort. Alles, was der Typ tut, ist, dass er viel hinfällt. Und es ist höllisch komisch. ANTWORT: Nach Deutschland kommt alles meist zehn, fünfzehn Jahre später.
Sie leben alle drei seit vielen Jahren in Deutschland. Fühlen Sie sich hier in der humoristischen Diaspora? Die Deutschen gelten als nicht besonders humorvoll.
Shiner: Das ist Quatsch.
Shub: Vor zwanzig Jahren war da vielleicht mehr dran.
Popov: Wenn Sie die Reaktionen der deutschen Zuschauer auf unser Programm erleben, dann wissen Sie, dass die Deutschen Humor haben.
Shiner: Die Deutschen hatten immer viel Humor. 1984, als ich beim Circus Roncalli gearbeitet habe, war das nicht ein großartiges Publikum? Es lachte mehr als alle anderen Zuschauer, vor denen ich je aufgetreten bin. Manchmal denke ich, die Deutschen sind zu einfach. Sie lachen zu schnell.
Auf manche Leute wirken Clowns irritierend, sogar bedrohlich. Warum?
Shiner: Weil sie doof sind! (Gelächter) Nein, manche Leute haben tatsächlich Angst vor Clowns, es gibt sogar eine Krankheit.
Die Coulrophobie. Johnny Depp und P. Diddy sollen daran leiden.
Popov: Bei Erwachsenen kommt so etwas selten vor, aber bei Kindern erlebt man es ganz oft. Die sitzen zu Hause am Computer oder sind fixiert aufs Fernsehen, sie kommen nicht mehr raus. Und wenn sie dann das erste Mal im Zirkus oder woanders einen Clown sehen, dann erschrecken sie, weil sie so etwas noch nie gesehen haben.
Shiner: Carl Jung hätte eine sehr gute Antwort darauf, warum viele Leute Angst vor Clowns haben.
Shub: Er würde sagen, sie erschrecken den Clown in dir.
Shiver: Das ist interessant, ja.
Was meinen Sie damit?
Shub: Was wir im Leben fürchten, ist oft sehr persönlich für uns. Wenn ich als Clown auf der Bühne stehe, sehe ich vielleicht aus wie jemand, mit dem du eine sehr schlechte Erfahrung gemacht hast, jemand aus der Familie oder jemand anderes, der dich erschreckt hat. Wenn ich mit einer roten Nase hervorkomme und sehr laut bin, schockiere ich dich im ersten Moment. Das hinterlässt einen Abdruck in dir. Aber man sagt das Gleiche über Ärzte, Kinder haben oft Angst vor Ärzten.
Bei einer Studie der Universität Sheffield kam 2008 heraus, dass keines von mehr als 250 befragten Kindern zwischen vier und 16 Jahren Clown-Bilder an den Wänden von Krankenhäusern mochte.
Shiner: Kein einziges?
Shub: Weil die Tester den Kindern Bilder vorlegten, von denen sie glaubten, dass sie Clowns zeigten. Es waren Clown-Bilder in den Augen der Forscher.
Hat das Unbehagen auch damit zu tun, dass Clowns unberechenbar sind, dass für sie keine Regeln zu gelten scheinen?
Shub: Es gibt Regeln. Du darfst nicht die Grenze überschreiten, bei der du jemanden verletzt. Solange du niemanden verletzt, bist du so frei, wie du willst.
Shiner: Was viele nicht erkennen: Wenn ich auf der Bühne jemanden schlage, macht es ihm Spaß. Wenn man Leute auf die Bühne holt und mit ihnen interagiert, dann ist der Grat sehr schmal. Doch du musst ihn beschreiten. Manchmal überschreite ich ihn und denke mir, oh, mach das nicht noch mal. Aber es gibt Momente, in denen ich die Grenzen ausdehne: Wie weit kann ich gehen, bevor es unangenehm für alle wird?
In Ihrem Programm gibt es keine Königin der Clowns. Sind Frauen weniger lustig?
Shub: Ich denke, es ist für Frauen schwieriger, lustig zu sein. Es ist wahrscheinlich eine Erziehungsfrage: Jungen dürfen alle Regeln brechen, über den Boden rollen und schmutzig werden, Mädchen sollen zivilisiert aufwachsen. Aber es gibt sehr viele lustige Frauen, in Deutschland etwa Anke Engelke.
Shiner: Es gibt jedoch weniger weibliche als männliche Clowns. Bei den Castings für den Cirque du Soleil war es immer sehr schwer, welche zu finden.
Popov: Das nächste Programm wird ein reines Frauenclown-Programm sein, unseres ist nur die andere Variante. Es ist aber so, dass nicht alles, was ein Mann auf der Bühne zeigt, auch eine Frau bringen kann. Für gröbere Sachen sind Männer besser geeignet.
Die fünf „Könige der Clowns“ sind allesamt reifere Herren, Peter Shub ist mit 54 Jahren der Jüngste. Wo ist der Nachwuchs?
Popov: Wenn geschrieben wird, dass der Zirkus stirbt, dass die Clowns sterben, dann stimmt das nicht. Es gibt sehr gute junge Leute. Die Karriere eines Clowns aber lässt sich mit einer Raketenabschussbasis vergleichen. In der ersten Stufe zeigt man sich, bei der zweiten hebt man ab in die Höhe, mit der dritten hat man die Umlaufbahn erreicht. Es kann sein, dass der Start gut klappt, aber für die nächsten Stufen die Kraft nicht reicht.
Wie würden Sie jungen Menschen das Clown-Dasein schmackhaft machen? Warum lieben Sie Ihren Beruf?
Popov: Warum ich meinen Beruf liebe? Weil ich ihn liebe.
Shub: Es steckt sehr viel Stabilität darin. Man kann viel Geld machen: Wir sind superreich. Ich wollte Medizin studieren, doch meine Eltern flehten mich an: Nein, nein, werde Clown! Wirtschaftliche Sicherheit ist wichtig in diesen Zeiten.
Shiner: Es ist sehr einfach: Wir können Leute für zwei Stunden glücklich machen und sie ihre Probleme vergessen lassen.
Shub: Unser Job ist kurzlebig. Es dauert nur einen Moment. Du kannst furchtbare Probleme haben, die schrecklichsten Dinge stoßen dir zu, doch wenn du die Bühne betrittst, gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft. Es gibt nur diesen Moment, mit diesen Leuten. Und es passiert nur einmal, das ist das Besondere am Theater: Wir werden nie wieder dieses Kollektiv sein. Und ich glaube, wir alle erleben ein großes Gefühl der Befriedigung, wenn wir einen ganzen Raum kontrollieren und zum Lachen bringen können.
Zahmes, einträgliches Clownwesen!
Roland Lukner (spiralartig)
- 19.06.2012, 05:43 Uhr
Keine andere Zeitung schafft es, die Welt aus so unterschiedlichen
Betrachtungswinkeln zu zeigen,
Peter Hoch (luxor)
- 18.06.2012, 20:48 Uhr
behinderte Menschen...
Harald Berlin (Bergtroll68)
- 18.06.2012, 19:10 Uhr
"Und wie kommt es, dass Clowns vielen Kindern keine Freude,
Uwe Bussenius (uwebus)
- 18.06.2012, 18:09 Uhr