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Morddrohungen im Internet : Dresdner Oberbürgermeister verteidigt Aleppo-Kunstwerk

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Drei Linienbusse hochkant vor der Frauenkirche: Das Kunstwerk erinnert an ein Bild aus Aleppo, wo Zivilisten eine ähnliche Barrikade gegen Heckenschützen errichteten. Bild: AFP

Wie gedenkt man der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg? Die Stadt versucht, mit einem Kunstwerk eine Brücke zu schlagen zum Leid der Zivilisten in aktuellen Kriegsgebieten. Die Reaktionen sind heftig – bis hin zu Morddrohungen gegen den Oberbürgermeister.

          Noch vor seiner offiziellen Eröffnung am Dienstag hat ein Kunstprojekt in Dresden die Gemüter erregt. Auf dem zentralen Neumarkt vor der Frauenkirche stellte der Deutsch-Syrier Manaf Halbouni am Montag drei Buswracks hochkant auf, um an den Krieg in Syrien und das Leid der Zivilbevölkerung zu erinnern. Vorlage für die Installation mit dem Titel „Monument“ ist ein Bild aus dem zerstörten Aleppo, das 2015 um die Welt ging. Hinter einer Bus-Barrikade  brachten sich Bewohner in der vom Bürgerkrieg zerstörten Stadt vor Heckenschützen in Sicherheit. Am Dienstag sollte das „Monument“, das zwei Monate auf dem Neumarkt stehen wird, offiziell übergeben werden.

          Auch angesichts heftiger Kritik und persönlicher Bedrohungen begrüßte Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert die Errichtung des Kunstwerks. Die Entscheidung zum Aufbau des „Monuments“ vor der Frauenkirche im Rahmen des Gedenkens an die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg sei richtig und „wichtig für die Stadt“ gewesen, sagte der FDP-Politiker am Montag bei der Vorstellung des Werkes. Zugleich warnte er abermals, das Gedenken an die Zerstörung Dresdens durch alliierte Bomber am 13. Februar für einen Opfer-Mythos zu missbrauchen.

          Der deutsch-syrische Künstler Manaf Halbouni beim Aufbau seiner Skulptur auf dem Dresdner Neumarkt.

          Anhänger der Pegida und die AfD hatten der Stadt einen Missbrauch der Kunstfreiheit vorgeworfen. Pegida-Vize Siegfried Däbritz sprach bei einer Kundgebung am Montagabend von „plakativen Umerziehungsversuchen“ einer „multikultikulturrevolutionären Garde“ um Hilbert, der die Menschen in Aleppo wichtiger seien, „als unsere Kultur und die Opfer des 13. oder 14. oder 15. Februar 1945.“ Er rief seine Anhänger dazu auf, am Dienstag zur Übergabe der Installation auf den Neumarkt zu gehen.

          Oberbürgermeister unter Polizeischutz

          Im Internet war Hilbert bereits in den vergangenen Tagen massiv angegriffen worden – bis hin zu Mordaufrufen. Seine Wohnung wird seither von der Polizei geschützt. Hilbert nannte die Anfeindungen „erschreckend“. „Dass man Polizeischutz braucht, ist schon harter Tobak.“

          Sich mit dem Leid der Zivilbevölkerung in gegenwärtigen Kriegen auseinanderzusetzen, stelle das Gedenken an die Opfer der Bombardierung Dresdens nicht in Abrede, sagte der Oberbürgermeister. „Ich dachte, wir sind in dem Prozess der Gestaltung des 13. Februar schon ein Stück weiter.“

          Gerade in Zeiten des erstarkenden Populismus – „nicht nur in unserer Stadt, sondern in der gesamten westlichen Welt“ – wolle Dresden am 13. Februar Akzente setzen. Dabei sei neben Demokratie auch der Frieden „ein ganz wichtiges Gut“, sagte Hilbert.

          Er warnte abermals vor dem Mythos der Zerstörung einer „unschuldigen Stadt“. Nach der Machtergreifung der Nazis sei Dresden eine Stadt gewesen, „die sich sehr schnell dem Zeitgeist angeschlossen“ habe. Es mache ihn nachdenklich, „wie schnell wir da mitbeteiligt waren und Vorreiter waren bei Bücherverbrennung, bei Judenvertreibung. Das sollte nie wieder von unserer Stadt (aus) passieren.“

          Noch im April 1945 habe sein Urgroßvater den Versuch, Zivilisten zu retten, mit dem Leben bezahlt. Zusammen mit zwei weiteren Vertretern einer Gemeinde vor den Toren Dresdens habe er vor der anrückenden Roten Armee die weiße Fahne gehisst. „Die Gestapo hat ihn abgeholt und noch am selben Tag in Radeberg erschossen.“

          „Debatte tut der Stadt gut“

          Beim „Monument“ handele es sich in erster Linie um Kunst, sagte Martina de Maizière, Vorstand der Stiftung Kunst und Musik für Dresden. „Es geht nicht darum, an Flüchtlinge zu denken in diesem Kontext. Sondern wenn, dann geht es darum, an das Leid der Zivilbevölkerung durch kriegerische Auseinandersetzungen zu denken.“ Auch für Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) „gehört“ das „Monument“ auf den Neumarkt, „weil es eine Debatte auslöst, die der Stadt guttun kann“.

          Für ihn sei es unglaublich gewesen, als er die Bilder der Busbarrikade von Aleppo im Internet gesehen habe, sagte Halbouni. Weil er sich vorgestellt habe, wie es wäre, wenn auch Menschen in Europa zu einem solchen Mittel greifen müssten, um ihr Leben zu schützen, habe er eine Collage angefertigt. Dann aber habe er sich gedacht: „Das ist eine Skulptur für sich. Die muss realisiert werden und darf nicht nur auf dem Papier bleiben.“

          Die Heftigkeit der Reaktionen auf sein Kunstwerk habe ihn nach fast neun Jahren in Dresden nicht wirklich überrascht, sagte Halbouni, der sich bereits 2015 mit einer Kunst-Aktion gegen die Pegida-Demonstrationen in Dresden positioniert hatte. „Halbwegs hatte ich schon damit gerechnet. Ich hatte aber keine Vorstellung davon, wie diese Reaktion sein werden.“

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