Home
http://www.faz.net/-gun-77oxa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Diplomat gegen Hitler Ein Aufrechter allein auf weiter Flur

 ·  Wegen Hitler trat der deutsche Botschafter Friedrich Wilhelm von Prittwitz und Gaffron im März 1933 von seinem Washingtoner Posten zurück. Für einen Diplomaten war das damals ein durchaus radikaler Schritt.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (4)
© Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Vergrößern New York, 1928: Prittwitz mit seiner Frau Marieluise

Am 16. März 1933 telegraphiert Außenminister Constantin Freiherr von Neurath an Friedrich Wilhelm von Prittwitz und Gaffron in Washington: „Für Botschafter persönlich. Reichspräsident hat auf meinen Vortrag Ihrem Wunsch um Enthebung von Ihrem Posten entsprochen und Ihre z. D.- Stellung genehmigt. Bitte für Reichskanzler a.D. Luther Agrément dortiger Regierung einzuholen. Bitte Vorstehendes zunächst geheim zu halten.“ Ein für die Anfangsphase des „Dritten Reiches“ und für das Auswärtige Amt beispielloser Vorgang verbirgt sich hier hinter den zwei Akronymen z. D. für „zur Disposition“ und a.D. für „außer Diensten“. Zum einen quittiert ein Spitzendiplomat als Einziger wenige Wochen nach der „Machtergreifung“ den Dienst, zum anderen stellt sich ein Spitzenrepräsentant der Weimarer Republik dem neuen Regime als Nachfolger zur Verfügung. Und das Auswärtige Amt legt größten Wert darauf, dass es nur ja nicht zum öffentlichen Eklat kommt, dass alles wie ein Routinevorgang aussieht.

Der Jurist und Reserveoffizier Prittwitz, 1884 in Stuttgart geboren, gehörte dem Auswärtigen Dienst seit 1908 an. Nach dem Kaiserreich trat er 1919 der Deutschen Demokratischen Partei bei, in der er im Sinne von Friedrich Naumann und Max Weber für sozialen Fortschritt und internationale Zusammenarbeit wirken wollte. Damals bewarb er sich vergeblich auf einem Listenplatz um ein Reichstags-Mandat. Von 1921 bis 1927 hatte er verschiedene Funktionen - zuletzt als Vertreter des Botschafters - an der Botschaft in Rom inne. Sein Chef war der Karrierediplomat Neurath, den sich Reichskanzler Franz von Papen im Juni 1932 als Außenminister nach Berlin holte. Neurath blieb auch unter Papens Nachfolgern Schleicher und Hitler im Amt (bis 1938).

Der Botschafter macht sich keine Illusionen mehr

Prittwitz traf im Januar 1928 in Washington ein. Als Botschafter und Stresemann-Vertrauter gelang es ihm, die bilateralen Beziehungen nachhaltig zu verbessern und sich hohes Ansehen zu erwerben, nicht zuletzt durch die von ihm propagierte Idee eines „Weltbürgertums“. Die Politik der von Reichspräsident Paul von Hindenburg abhängigen Präsidialregierungen seit 1930 sowie die hohen Stimmengewinne der NSDAP bei der Reichstagswahl vom Juli 1932 erfüllten ihn mit Sorge. Und seit dem Regierungswechsel vom 30. Januar 1933 und seit der „Reichstagsbrandverordnung“ vom 28. Februar, die den Nationalsozialisten die Ausschaltung ihrer politischen Gegner ermöglichte und der Willkür Tür und Tor öffnete, machte er sich keine Illusionen mehr.

Bei der „halbfreien“ Reichstagswahl vom 5. März erzielten die NSDAP mit 43,9 Prozent und der „Kampfbund Schwarz-Weiß-Rot“ (DNVP und Stahlhelm) mit 8 Prozent eine absolute Mehrheit für ihre Koalition. Am Tag darauf telegraphierte der Botschafter: „Für Reichsminister persönlich. Angesichts der innenpolitischen Entscheidung in Deutschland halte ich es für meine Pflicht, Sie zu bitten, dem Herrn Reichspräsidenten mein hiesiges Amt zur Verfügung zu stellen.“ Neurath erwiderte am 7. März: „Dank für Mitteilung. Muss mir Zeitpunkt für Vortrag bei Reichspräsidenten vorbehalten.“

„Gründe des persönlichen Anstandes“

Am 11. März erläuterte Prittwitz in einem Brief an Neurath seinen Entschluss und sein Wirken in Washington: „Getreu meiner Stellung als Berufsbeamter habe ich während dieser Zeit niemals Sonderinteressen irgendwelcher Art in den Vordergrund gestellt und lediglich versucht, meinem Vaterlande zu dienen.“ Allerdings habe er bei öffentlichen Auftritten aus seiner Einstellung nie einen Hehl gemacht, die „in dem Boden einer freiheitlichen Staatsauffassung und den Grundprinzipien des republikanischen Deutschlands“ wurzele.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (14) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Hitler-Kult Was schenkt man einem Führer, der schon alles hat?

Auch für fanatische Nazis gab es in Hitlerdeutschland ein Problem: Jedes Jahr vor dem 20. April mussten sie ein Präsent für ihren Diktator finden. Gar nicht so leicht. Mehr

20.04.2014, 14:22 Uhr | Politik
Deutsche Soldatengräber in Istanbul Was das Leiden im Krieg ausmacht

Sie fielen im Ersten Weltkrieg, begraben sind sie in Istanbul: Warum ein Bundeswehr-Oberst dem Schicksal deutscher Soldaten auf dem Friedhof Tarabya nachspürt. Mehr

19.04.2014, 18:28 Uhr | Feuilleton
Krise in der Ukraine Ohne Eifersüchteleien

Die enge Kooperation Merkels und Steinmeiers in der Ukraine-Krise stößt bei manchen in der Union auf Skepsis. Doch sind die Differenzen zwischen Kanzlerin und Auswärtigem Amt in der Russland-Politik geringer als gedacht. Mehr

11.04.2014, 12:09 Uhr | Politik

15.03.2013, 16:01 Uhr

Weitersagen

Franz Beckenbauer Der Kaiser trägt jetzt Bart

Franz Beckenbauer trägt neuerdings Bart. Seine Frau soll zufrieden sein. Der Kaiser selbst sagt, auf Safari habe er sich eben nicht rasieren können. Warum das keinen Sinn ergibt und weiteren Smalltalk lesen Sie hier. Mehr 4

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden