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Veröffentlicht: 28.09.2013, 19:18 Uhr

Dieter Hallervorden Endlich am Ziel

Zwanzig Jahre lang hat Dieter Hallervorden keine große Kino-Rolle mehr gespielt. Jetzt feiert er ein furioses Comeback – und könnte seinen ewigen Schatten „Didi“ endgültig abschütteln.

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© Universum/DerDehmel Er ruht in sich, jedenfalls für den kurzen Moment dieses Fotos. Denn Dieter Hallervorden verspürt noch immer einen außergewöhnlichen Aktionsdrang.

Wer sich ein wenig mit dem Marathon auskennt, ja vielleicht sogar schon mal einen gelaufen ist, der weiß, dass die Älteren hier keineswegs in der Minderheit sind. Und sie sind nicht die Schlechtesten, die Athleten mit Weiß- oder Silberhaar, die gerade zum Ende hin, wenn weit Jüngere schlappmachen, ungeahnte Energien freisetzen und davon profitieren, dass sie mehr Biss haben, mehr Disziplin, mehr Routine, mehr Bereitschaft vielleicht auch, sich selbst zu quälen.

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Dass Dieter Hallervorden, der in diesem Monat achtundsiebzig geworden ist, in seinem neuen Kinofilm einen Marathonläufer spielt, passt da gut ins Bild. Über viele Jahre seiner lang andauernden Karriere ist der Schauspieler und Komiker ganz vorn mit dabei gewesen; in jüngster Zeit aber, wo ein Gutteil der Strecke hinter ihm liegt, legt Hallervorden ein wahrhaft atemberaubendes Finish hin, mit welchem es ihm endgültig gelingen könnte, jenen Kerl abzuhängen, der ihm seit Jahrzehnten an den Hacken klebt: den Tölpel Didi, Hallervordens Alter Ego seit „Nonstop Nonsens“-Zeiten.

So hat Hallervorden, der seit mehr als fünfzig Jahren das Kabarett „Die Wühlmäuse“ führt, zudem die künstlerische Leitung des Berliner Schlosspark-Theaters übernommen, wo der Intendant auch in seinem nunmehr fünften Jahr oft selbst auf der Bühne steht. Und auch im Kino, wo man ihn lange Zeit gar nicht sah, konnte man ihm zuletzt erstaunlich häufig begegnen, in Rollen, aus denen die unbändige Lust spricht, etwas Neues auszuprobieren: In Jos Stellings „Das Mädchen und der Tod“ ist er ein finsterer Graf, in Zsolt Bács’ Thriller „Das Kind“ ein Pädophiler, und mit „Stirb in Revanche“ hat Hallervorden sogar einen Film in Aserbaidschan gedreht. All diese mal sehr kleinen, mal größeren Auftritte indes wirken wie Dehnübungen, mit denen der Schauspieler sich aufwärmte für jenen Film, der vom 10. Oktober an im Kino zu sehen sein wird: „Sein letztes Rennen“ von Kilian Riedhof.

Sein letztes Rennen © action press Vergrößern Auf der Zielgeraden: Hallervorden beim Dreh von „Sein letztes Rennen“

Die fiktive Figur des Paul Averhoff, der 1956 bei Olympia den Marathon gewann und nun übers Laufen versucht, der Tristesse seines Altenheims zu entkommen, ist Hallervordens erste Kino-Hauptrolle seit zwanzig Jahren und genau die große Altersrolle, die er sich lange gewünscht hat. Und seit Franka Potente in „Lola rennt“ durch Berlin hetzte, dürfte sich kein deutscher Kinostar mehr Kilometergeld verdient haben als eben jetzt Hallervorden mit seinem cineastischen Langstreckenlauf.

Anders als die seinerzeit eher untrainiert wirkende Potente hat Hallervorden, der sich als „Pflichtmensch“ bezeichnet, seinen Körper lang vor Drehbeginn geschunden. Fünfeinhalb Monate lang ist er tagtäglich gejoggt, war im Fitnessstudio und im Schwimmbad, versuchte eine Magnetfeldtherapie, stellte seine Ernährung um, trank keinen Tropfen Alkohol mehr. Neun Kilo hat er in dieser Zeit verloren. Als es dann aber an die entscheidenden Aufnahmen ging, für die sich Hallervorden beim echten Berlin-Marathon ins Getümmel stürzte, kam er dennoch an seine Grenzen. Weil er mit alten Laufschuhen ohne Federung rennen musste, die Kamera ihn nicht immer wie gewünscht einfangen konnte und sowohl Zuschauer als auch Mitläufer lautstark ihre Freude bekundeten, dass das hier doch ihr „Didi“ sei, mussten Szenen immer wieder neu gedreht werden. „Das ging an die Substanz“, erzählt Hallervorden an einem Tisch im Foyer des Schlosspark-Theaters, wo wir uns fürs Gespräch zusammengesetzt haben. „Ich kann Ihnen sagen, dass ich am Ende des Drehtags manchmal wirklich tränenüberströmt irgendwo in der Ecke saß.“

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