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Irmela Mensah-Schramm : „Meine Güte, ich bin schließlich volljährig!“

  • -Aktualisiert am

Macht sich schon lange stark gegen Rechts: Irmela Mensah-Schramm Bild: dpa

Irmela Mensah-Schramm ist 72 Jahre alt – und kommt immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Am Wochenende war sie Teil einer Sitzblockade gegen Rechte, die Polizei musste sie von der Straße schleifen. Ein Interview über Aktivismus im Alter.

          Frau Mensah-Schramm, am Wochenende ist ein Video viral gegangen, auf dem zu sehen ist, wie Sie als Teil einer Sitzblockade eine Demonstration der rechten „Identitären Bewegung“ stoppen – und partout nicht aufstehen wollen. Hatten Sie Ihre Teilnahme vorher geplant?

          Passen Sie auf: Ich hatte fest geplant, an dieser Demo teilzunehmen, obwohl ich erst spät am Abend davor von einem Filmfestival in Italien zurückgekehrt bin, was sehr aufregend war. Da wurde ein Film über mich gezeigt. Ich war allerdings ein bisschen verstimmt, weil ein Kamerateam mich an diesem Tag begleiten wollte und ich nicht wusste, wie ich so überhaupt auf die Demo gelangen konnte. Dann konnte ich die Situation allerdings nutzen: Es war schon alles von der Polizei gesperrt, mithilfe des Kamerateams wurde ich aber doch noch durchgelassen – und konnte mich direkt mit in die Sitzblockade begeben.

          Ihre Teilnahme wurde dann von vielen Menschen in den sozialen Netzwerken bejubelt.

          Ja, ich habe auch viele tolle E-Mails bekommen. Die Leute haben sich bei mir bedankt, wollen T-Shirts mit mir drucken und haben sich einfach gefreut. Ich hab‘ mich jedenfalls gleich hingeschmissen, mitten in die Jugendlichen – und die haben gejubelt, sie waren total happy! Es waren allerdings schon diverse junge Menschen weggetragen worden.

          Sie sind ja bekannt dafür, dass Sie Aufkleber mit rechtsradikalen Sprüchen abkratzen und Hakenkreuze übersprühen, wegen Sachbeschädigung mussten sie schon Strafen zahlen. Wie sind Sie dazu gekommen?

          Die Entscheidung kam zwangsläufig. Ich war 1986 am Wannsee und sah einen Sticker mit der Aufschrift „Freiheit für Rudolf Heß“. Heß lebte damals im Kriegsverbrechergefängnis und ich war so konsterniert, als ich ihn dann am Wannsee kleben sah! Damals hatte ich aber ja noch keine Werkzeuge in der Tasche – und blieb erst einmal untätig. Als ich abends wieder daran vorbei ging, klebte da immer noch der Sticker. Da wurde mir klar: Niemand ist mir zuvorgekommen! Da habe ich meinen Schlüssel genommen und so lange daran herumgekratzt, bis nicht mehr zu sehen war. Ich hatte eine Erkenntnis: Mit Nixtun kann nix erreicht werden! Und dann sah ich, dass in der Umgebung noch viel mehr Sticker waren – von da an habe ich mich jeden Abend mit meinem Heimwerkerzeug auf den Weg gemacht. Und heute bin ich hochspezialisiert!

          Auf das Entfernen von Stickern?

          Und von großen Graffiti, kleinen Schmierereien, allem eben. Ich habe jetzt in Bologna hundertmal Sachbeschädigung begangen. Es wimmelte dort nur so von Hakenkreuzen!

          Und wie hat die Polizei bei der Sitzblockade auf Sie reagiert?

          Naja, der Mensch mit der orangenen Weste hat zunächst versucht, mich zu überreden, wieder aufzustehen: ‚Sind Sie wirklich sicher?‘ und ‚Wollen Sie wirklich?‘ etc. Da hab ich ihm aber erst mal gesagt, wie konflikterfahren ich bin. Und meine Güte, ich bin ja volljährig!

          Es gab also keinen Grund dazu, sich um Sie zu sorgen?

          Vielleicht hat er sich wegen seiner Kollegen gesorgt, wegen der Jugendlichen war die Sorge jedenfalls unbegründet. Ich habe von den jungen Leuten noch nie eine andere Behandlung erfahren als diese sehr liebevolle Behandlung, die sie wahrscheinlich auch ihrer Oma zukommen lassen. Und die Jugendlichen waren dieses Mal total begeistert von meiner Teilnahme.

          Warum hätten die Polizisten denn wegen ihrer Kollegen besorgt sein sollen?

          Einzelne Polizeibeamte – nicht alle – waren sehr rabiat im Umgang mit den Jugendlichen. Als ich sah, wie man einem Jugendlichen vom Kinn her den Kopf hochriss, habe ich mich lautstark empört und dem Polizisten zugerufen: ,Wehe, Sie machen das bei mir! Da fliegt direkt mein Gebiss heraus!'

          Die Polizei muss immer wieder auch mit Gewalt von linken Demonstranten umgehen.

          Bei dieser Demo überhaupt nicht. Ich habe gleich gespürt, dass das eine ganz friedliche Gruppe ist – eine Sitzblockade ist auch Ausdruck eines friedlichen Protestes. Wenn ich auf Demonstrationen bin, versuche ich immer, die jungen Leute davon zu überzeugen, keine Gewalt anzuwenden. Die meisten sind aber ohnehin friedlich.

          Wie ist es  auf der Demo für Sie weitergegangen?

          Ich wurde aufgefordert aufzustehen. Da habe ich laut und deutlich „Nein!“ gesagt. Daraufhin wurde ich weggeschleift. Und davon habe ich heute noch Muskelkater. Nach den ersten Metern bin ich aufgestanden. Ich habe den Polizisten meinen Ausweis gegeben und dann wurde es interessant. Die Beamten haben getuschelt und mich angelächelt und einer sagte, er finde es gut, dass ich damals aus „Merkel muss weg!“ ein „Merke! Hass weg!“ gemacht habe – aber das sei natürlich seine private Meinung.

          Wie wurden Sie behandelt?

          Ich hatte den Altenbonus und wurde nicht so grob behandelt wie einige junge Leute. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich eine peinliche Situation ausgelöst habe und sich einige Polizisten für ihre Kollegen schämten. Ich musste feststellen, dass ältere Leute bei diesen Demonstrationen vorteilhaft wären – dann würde sich die Polizei auch den Jungen gegenüber besser verhalten.

          Die Fragen stellte Johanna Dürrholz.

          Irmela Mensah-Schramm

          Seit 31 Jahren entfernt Irmela Mensah-Schramm Hassbotschaften und rechtsradikales Gedankengut aus dem öffentlichen Raum. 2016 wurde sie für das Übermalen des Schriftzugs „Merkel muss weg!“ zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

          Quelle: FAZ.NET

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