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Die erschöpfte Gesellschaft : „Wir brauchen Träume als Korrektiv zum Alltag“

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„Mehrarbeit führt nicht zu mehr Kreativität, sondern wir betreiben Raubbau an unserer Kreativität.“ Bild: Jonas Wresch

Deutschland ist vollkommen erschöpft - und auch noch stolz darauf, sagt der Psychologe Stephan Grünewald. Ein Gespräch über durchgeplante Freizeit, eine nicht aufbegehrende Jugend, unseren Kontrollzwang – und mögliche Auswege.

          Herr Grünewald, aus Ihren Tiefeninterviews mit Tausenden von Deutschen haben Sie den Schluss gezogen: Das Land ist vollkommen erschöpft. Woher kommt das?

          In unseren Untersuchungen äußern immer mehr Menschen das Gefühl, dass unsere Gesellschaft mit ihrem permanenten „Höher! Schneller! Weiter!“ am Ende ist. Aber so gut wie niemand hat eine Vorstellung, was danach kommen könnte. Wir konstatieren also eine Zukunfts-Ungewissheit, die den Menschen Angst macht und dazu führt, dass viele in ihrem Alltag unbewusst auf Autopilot schalten. Sie wollen funktionieren, um irgendwie durch diese Krise zu kommen. Diese Tendenz zur Überbetriebsamkeit haben wir nicht nur im Arbeitsleben, sondern auch in der Freizeit. Alles wird durchgeplant und kontrolliert, mit unseren Smartphones sind wir gleichzeitig auf vielen Hochzeiten unterwegs, was dazu führt, dass wir abends völlig erschöpft ins Bett fallen.

          Sie schreiben, dass viele Menschen auf diese Erschöpfung stolz sind. Warum?

          Früher war der Vertreter stolz auf seinen Abschluss oder der Tischler auf sein Möbel. Heute sind viele Arbeitsprozesse so zerlegt, dass wir kaum Rückmeldung bekommen. Stolz sind viele Menschen daher auf den Grad der Erschöpfung, den sie sich im Laufe des Tages erkämpft haben. Bei einem Werkstück bin ich zu Pausen gezwungen, sei es, weil die Farbe trocknen muss, ich Bedenkzeit brauche, die Werkstatt schließt. Heute sind wir rund um die Uhr betriebsam und haben so das Gefühl, etwas zu erreichen. Irgendwann aber hat man dann ständig Kopfschmerzen oder ist am Rande des Burn-outs.

          Wer rastet, der stirbt. Auch in der Freizeit zählt Leistung und weniger die Erholung.

          Warum sind wir nicht mehr in der Lage abzuschalten?

          Wir leben in einer Welt unendlicher Möglichkeiten, nicht nur beim Einkaufen, auch beruflich und privat, in der Partnerschaft. Wenn wir zur Ruhe kommen, uns besinnen und damit auch mal selbst in Frage stellen, klopfen auf einmal all die offenen und unangenehmen Fragen an: Was mache ich mit meinem Leben? Wofür arbeite ich den ganzen Tag? Wie erziehe ich meine Kinder? Wo will ich eigentlich hin?

          Betrifft das alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen?

          Ja, mit Unterschieden zwischen Jugendlichen und Senioren. Da läuft vieles völlig anders, als man es sich gemeinhin vorstellt. Senioren definieren sich heute als Menschen, die noch genauso aktiv und betriebsam sind wie früher. Sie frönen einem Vitalitätsdiktat und haben das Gefühl, in der Gesellschaft nur dann akzeptiert zu sein, wenn sie immer leistungsfähig sind.

          Das einstige Ideal vom Rentner-Dasein mit Ruhe, Garten und Reisen gilt nicht mehr?

          Reisen zählt, aber sobald man zurück ist, muss man zeigen, wozu man noch in der Lage ist: den Berg bestiegen, im Meer getaucht, die Fahrradtour bewältigt. Diese Urlaubsbeschreibungen haben demonstrative Züge, wie Arbeitsaufgaben, die es noch zu bewältigen gilt. Stunden der Muße sind für heutige Senioren eher ein Schreckgespenst. Ihr Motto lautet: Wer rastet, der stirbt. Was mich besonders verblüfft hat: Das Verhältnis zum Tod hat sich komplett gewandelt. Der Tod wird weniger als Realität, sondern als Bedrohung angesehen, die man abwenden kann, wenn man nur seine Ernährung umstellt oder genügend Sport treibt.

          Wie steht’s um die Jugend?

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