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Bilder der Bergleute von Westerholt

© Ben Kuhlmann

Über Tage

Von BEN KUHLMANN

15. Mai 2017 · Der Bergbau hat früher halb Nordrhein-Westfalen ernährt. Mit den auslaufenden Subventionen geht unter Tage endgültig das Licht aus. Die Bilder der alten Bergleute von Westerholt erzählen noch von Stolz und Tragik des Ruhrgebiets.

Seine weißen Bettlaken hängte man hier früher besser nicht im Freien auf. Denn es wurde malocht, die Schornsteine qualmten, und der Himmel war rußverhangen. Heute kann man die weiße Wäsche im Ruhrgebiet wieder auf dem Balkon trocknen. Die Subventionen für den Steinkohlebergbau laufen aus. Was dem Pott einst seine Bedeutung gab, existiert bald nicht mehr. Der Beruf des Bergmanns stirbt aus, und Fördertürme sind nur noch hohle Skelette im größten deutschen Ballungszentrum.

© Ben Kuhlmann Arno Kendzia, vormals Sprengbeauftragter. Fritz Müller, früherer Kohlenhauer. Hermann Paczkowski, ehemaliger Hobelfahrer.

Auch Joachim Schmidt, Arno Kendzia, Hermann Paczkowski, Fritz Müller und Kunibert Kiehne, Mitglieder des Knappenvereins St. Barbara, hauen keine Kohle mehr. 2008 schloss ihr Bergwerk Lippe an der Egonstraße von Westerholt, einem Stadtteil von Herten, nördlich von Gelsenkirchen und westlich von Recklinghausen gelegen.

Nun treffen sich die Knappen in der kleinen Mühlenpforte in der Altstadt von Westerholt. Es gibt Mettbrötchen und Pils. In den engen Räumen finden sich Requisiten aus dem vergangenen Jahrhundert. Die Augen der Schutzpatronin St. Barbara wachen über Werkzeug und Grubenlampen. In Westerholt werden die Erinnerungen aufbewahrt und ausgetauscht. Die Kumpel sind stolz auf das, was sie ihr Leben lang getan haben. Wenn sie am Ende eines Monats den Inhalt ihrer Lohntüten nicht am Tresen einer Kneipe ließen, konnten sie ihre Familien schließlich so gut ernähren wie Akademiker.

© Ben Kuhlmann Kunibert Kiehne, früher Hauer und heute erster Vorsitzender des Bergmannsvereins St. Barbara. Joachim Schmidt, früher Wettersteiger und Grubenwehrmitglied.

So soll es auch in meiner Familie gewesen sein. Als meine Großeltern jung waren, zogen sie aus Norddeutschland in das verheißungsvolle Gebiet zwischen Lippe und Ruhr. Der Großvater musste als Bergmann eine siebenköpfige Familie ernähren. Meine Mutter war ein Kind des florierenden Ruhrgebiets. Bei meinen späteren Besuchen spürte ich die Freude und den Stolz der Großeltern über das, was sie geschafft und geschaffen hatten.

Als Foto-Student wollte ich nach dem Tod meines Großvaters mehr über die Arbeit unter Tage erfahren. Ich fuhr in einem der letzten deutschen Steinkohlebergwerke mehr als 1000 Meter tief in die Erde, das war so beeindruckend wie bedrückend. Die visuelle Bandbreite des Ruhrgebiets faszinierte mich. Ich wollte die Entwicklung des Bergbaus dokumentieren, den Charme des Stillstands in leeren Zechen.

  • © Ben Kuhlmann Die Mühlenpforte in Herten/Westerholt dient als Treffpunkt des Bergmannsvereins.
  • © Ben Kuhlmann Reliquien an der Wand des Vereinsheims der ehemaligen Bergmänner
  • © Ben Kuhlmann Der Bergmannshut ist teil der traditionellen Tracht.
  • © Ben Kuhlmann Eine Statue der heiligen Sankt Barbara. Sie gilt als Schutzpatronin der Bergmänner.
  • © Ben Kuhlmann Ein historisches Grubenlicht (Mitte 19. Jhdt.) noch mit brennendem Docht. Diese waren bald zu gefährlich, wegen möglicher Gasexplosionen.
  • © Ben Kuhlmann Im Knappenverein Westerholt kommen ehemalige Bergarbeiter des Bergwerks Lippe zusammen. Einer von ihnen, Hermann Paczkowski, ist schon gestorben.

Beim Bergwerk Lippe konnte ich die fast unveränderten Arbeitsstätten über Tage dokumentieren; viele Schächte waren mittlerweile mit Schotter oder Beton aufgefüllt worden. Es lag auf der Hand, die Männer ausfindig zu machen, die dort tagein, tagaus gearbeitet hatten. Im Bergmannsverein Westerholt fanden sich die Arbeiter, die täglich an den Maschinen standen, die ein- und ausstempelten und sich in der Waschkaue den Kohlenstaub aus dem Gesicht wuschen.

Wie schnell der Strukturwandel voranschreitet, zeigen nicht nur die schrumpfende Zahl der Bergleute, die Umnutzung alter Industrieflächen und die neuen Windräder neben den alten Fördertürmen. Die früheren Hauer, Steiger und Sprengmeister um den Vereinsvorsitzenden Kunibert Kiehne genießen nach all den Mühen ihren Ruhestand. Einer von ihnen, Hermann Paczkowski, ist schon gestorben. Dem deutschen Bergbau ist er im Tod vorangegangen.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 15.05.2017 13:22 Uhr