01.04.2006 · Sein Traum war es, einmal quer durch die Vereinigten Staaten zu reiten. Aber daran war nicht zu denken. Mit einem Gewicht von rund 190 Kilogramm, verteilt auf 185 Zentimeter, fühlte sich Steve Vaught selbst „wie ein Pferd“. Jetzt durchquert er zum Abspecken den Kontinent.
Von Katja Gelinsky, WashingtonSein Traum war es, einmal quer durch die Vereinigten Staaten zu reiten. Aber daran war nicht zu denken. Mit einem Gewicht von rund 190 Kilogramm, verteilt auf 185 Zentimeter, fühlte sich Steve Vaught selbst „wie ein Pferd“ - und zwar wie ein schlecht trainiertes: Schon beim Gang durch den Supermarkt brauchte der 40 Jahre alte Amerikaner Verschnaufpausen. Ziemlich wahnwitzig schien auch deshalb seine Idee, einmal quer durch die Vereinigten Staaten zu gehen. Von Oceanside im Süden Kaliforniens bis nach New York City wollte er wandern. Mehr als 4500 Kilometer. Auf dem langen Marsch sollten die Pfunde purzeln. „Ich will wieder Herr über mein Leben werden“, nahm sich der Familienvater vor.
Inzwischen hat Vaught mehr als 3700 Kilometer zurückgelegt; zur Zeit, so verzeichnet es seine Web-site, ist er in der Nähe von St. Clairsville im Bundesstaat Ohio: „Nur noch knapp 500 Meilen!“ Seit seine Odyssee im vergangenen April begann, hat er rund 52 Kilogramm verloren. Sein Idealgewicht habe er damit noch nicht erreicht, gibt Vaught freimütig zu. Doch habe ihn der lange Weg über Berge, Wüsten und durch die endlos scheinenden Ebenen im Mittleren Westen „gesünder und glücklicher“ gemacht - trotz schmerzhafter Blasen, sich ablösender Zehnägel, wundgescheuerter Oberschenkel und etlicher Blessuren, die er sich bei Stürzen mit seinem mehr als 13 Kilogramm schweren Rucksack zuzog.
Schritt für Schritt zum Ziel
Außerdem ist der „fette Wanderer“ (“Fat Man Walking“), wie Vaught sich selbst nennt, zum Helden einer Nation geworden, die schwer an den Folgen von Fast-food und mangelnder Bewegung trägt. 63 Prozent der Amerikaner sind übergewichtig. Vaught wundert's nicht: Auf den ersten Kilometern seines Marsches entlang sechsspuriger Straßen durch die Autonation Amerika kam er an einem Dutzend Imbißketten vorbei. Mittlerweile verfolgen das Fernsehen und die großen Zeitungen, wie er sich Schritt für Schritt seinem Ziel nähert. Einen Buchvertrag hat er in der Tasche, und ein Filmteam dreht eine Dokumentation über ihn. Hübsche Mädchen rufen ihm im Vorbeifahren zu, was für ein toller Typ er sei, und Fans fahren Hunderte von Kilometern, um ihn dann zu Fuß ein kleines Stück auf seinem Weg zu begleiten.
Vaught ist dankbar für die Anerkennung. Denn in den Jahren, in denen sein Bauch so dick wurde, daß er nicht mehr hinter das Steuerrad mancher Autos und auf die Bänke mancher Restaurants paßte, war auch seine Überzeugung gewachsen, daß die Menschheit „grausam und gemein“ sei. Schon seine Kindheit mit wechselnden Stiefvätern in der Stahlstadt Youngstown, Ohio, war offenbar nicht gerade sonnig. Nach dem Abbruch der Schule ging Vaught zur Marineinfanterie. Damals war er noch ein muskulöser junger Mann. Das änderte sich nach einem Autounfall, den er 1990 nach seinem Ausscheiden aus dem Militär verursachte. Mit seinem Sportwagen fuhr er ein älteres Ehepaar an. Beide starben, und Vaught kam für zehn Tage ins Gefängnis. Er schluckte jahrelang Pillen gegen Depressionen, setzte aber trotzdem immer mehr Kummerspeck an.
„Seelisches Gleichgewicht“ und „geistige Harmonie“
Die Antidepressiva hat er auf seinem Marsch weggeworfen. Der Weg von der West- an die Ostküste ist für Vaught auch zu einem Pfad persönlicher Erneuerung geworden. Er schreitet, so hofft er, einer „positiven Zukunft“ entgegen. Wie die aussehen wird, weiß er noch nicht. „Aber das ist auch nicht wirklich wichtig“, schreibt er in seinem Internet-Tagebuch, in dem er Ratschläge erteilt, wie man nicht nur das Gewicht, sondern das Leben überhaupt in den Griff bekommt. Wichtig sei, nicht zu vergessen, „daß wir alle die Kraft und die Fähigkeit haben, alles zu tun, was wir wollen“. Auch von „seelischem Gleichgewicht“ und „geistiger Harmonie“ ist viel die Rede. Doch der philosophierende Wanderer kann auch anders: „Sieh zu, daß Du einen klaren Kopf bekommst, und dein Arsch wird folgen“, empfiehlt er an anderer Stelle.
So schnell, wie Vaught anfangs gedacht hatte, kommt er allerdings nicht voran. Anfangs wollte er die Strecke in einem halben Jahr bewältigen. Doch statt der geplanten 32 Kilometer schafft er an guten Tagen nur etwas mehr als zwanzig. Anfangs verweigerten ihm seine schmerzenden Füße sogar schon nach fünf Kilometern den Dienst. Wertvolle Zeit kostete ihn ferner eine Knieverletzung, die er sich kurz nach Beginn seiner Reise zuzog. Deshalb ist Vaught nun froh, wenn er noch in diesem Monat, und damit nach einem Jahr, New York erreicht.
Abstecher nach Hollywood
Im Februar, kurz vor dem „Endspurt“, unternahm er noch einen Abstecher nach Hollywood, im Flugzeug. Dort nahm Eric Fleishman, ein Fitnesstrainer, von dem sich Hollywoodstars und Mitglieder der saudischen Königsfamilie für viel Geld in Form bringen lassen, Vaught zwei Wochen kostenlos in die Mangel. Er ließ den Schwerfälligen Gewichte stemmen und erklärte ihm, wie man sich gesund ernährt. Denn Steve Vaught macht sich keine Illusionen darüber, daß er auf dem Weg nach New York weiter abspecken muß: Auf der Ziellinie „zählt allein der äußere Eindruck“.