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Interview mit Dialektforscher : „Am Hochofen funktionierten Dialekte nicht mehr“

Ohne Klöpse: Georg Cornelissen mit seinem Buch über die Sprachgeschichte Nordrhein-Westfalens Bild: dpa

Nordrhein-Westfalen ist ein verwirrend vielfältiges Bundesland, vor allem auch sprachgeschichtlich. Der Dialektforscher Georg Cornelissen hat sich trotzdem getraut, das dortige Sprachwirrwarr zu untersuchen. Ein Gespräch über Sprache.

          Herr Cornelissen, zwei Kabarettisten haben das Leben im Bindestrich-Land Nordrhein-Westfalen einmal so beschrieben: „Es ist furchtbar, aber es geht.“ Sie haben sich nun an eine Sprachgeschichte dieses verwirrend vielfältigen Bundeslandes gewagt. Wie furchtbar war es?

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Mein Fazit ist entgegengesetzt. Es ist überhaupt nicht furchtbar, aber es geht leider noch nicht. Die an Geschichte und Landeskunde Interessierten haben die rheinisch-westfälische Binnengrenze noch lange nicht überwunden. Das Forschen wird bis heute von der politischen Ordnung definiert, die die Preußen nach 1815 geschaffen haben: In Münster wird strikt westfälisch geforscht, in Bonn strikt rheinisch. Andere Perspektiven kommen so gut wie nicht vor.

          Kann man die Auswirkungen des Wiener Kongresses nicht auch positiv sehen? Das Rheinland und Westfalen sind - anders als die Teilregionen anderer Bindestrich-Bundesländer - schon vor 200 Jahren als Bestandteile des preußischen Staats zusammengekommen. Welche Spuren hat das sprachlich hinterlassen?

          Aus der Perspektive der Dialektforschung waren es negative Spuren. Ein Beispiel: Als die Preußen kamen, gab es im Westen der Rheinprovinz und im Westen der Provinz Westfalen noch Regionen und Orte, in denen man in der Schule Niederländisch lernte. In der Kirche wurde niederländisch gepredigt. Dem hat Preußen ein Ende bereitet. Preußen hat es also erstens geschafft, dass beide Provinzen innerhalb weniger Jahrzehnte rein deutschsprachig waren. Eine Ausnahme war der Raum Malmedy, der damals zur Rheinprovinz gehörte, aber französischsprachig war und blieb. Zweitens galt in Preußen die Schulpflicht. Ende des 19. Jahrhunderts hatten wahrscheinlich alle Leute die Standardsprache kennengelernt - zuerst einmal als Schriftsprache, aber in Ansätzen auch als gesprochenes Hochdeutsch. Und damit stellte sich für die Westfalen wie für die Rheinländer die Frage: Mit wem spreche ich Dialekt, und mit wem spreche ich Hochdeutsch?

          Begann vor 200 Jahren dank der Preußen, sprachwissenschaftlich gesehen, das Ende des Mittelalters?

          Ich sehe das so. Vom frühen Mittelalter an wurde im Rheinland, in Westfalen, im Siegerland der örtliche Dialekt von Ort zu Ort ohne jeden Bruch weitergegeben. Immer von den Eltern an die Kinder, bei Hinzuziehenden von Kind zu Kind. Das funktionierte problem- und reibungslos bis ins 19. Jahrhundert. Zugleich waren die sprachlichen Grenzen immer durchlässig und löchrig. Die Dialektlandschaft zwischen Rhein und Weser taugt deshalb nicht dazu, eine Perspektive „Nordrhein versus Westfalen“ zu pflegen.

          In der preußischen Zeit wurde Hochdeutsch zwar als Amtssprache etabliert, doch im Rheinland und in Westfalen blieben die regionalen Dialekte als Alltagssprache bestehen. Wann begann der nächste sprachliche Epochenwechsel, die große Dialekterosion?

          Der Prozess begann mit den neuen Medien. Zunächst hatte das Radio einen immer größeren Einfluss auf den Sprachgebrauch, dann auch das Fernsehen. Zudem kamen nach Ende des Zweiten Weltkriegs gerade in das von den Briten neu gebildete Nordrhein-Westfalen viele Flüchtlinge. Die örtlichen Sprachgemeinschaften und die Fremden mussten sich entscheiden, wie sie miteinander sprechen. Man hat sich dann pragmatisch auf eine neue Sprache geeinigt. Das ist der Regiolekt, er verdrängt die Dialekte.

          In Nordrhein-Westfalen gab es 1945 also eine ähnliche Entwicklung wie schon seit Ende des 19. Jahrhunderts im Ruhrgebiet?

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