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Deutschlands höchste Hausnummer Bei Frau Höchsten ist Schluss

 ·  Es ist nicht die Olpener Straße 1096 und nicht die Bergisch Gladbacher 1246. Auch nicht die Aachener Straße 1420. Eine kleine Wallfahrt zur höchsten deutschen Hausnummer.

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© Christoph Moeskes Kölns Rekordhaus: Christa Höchsten wohnt mit ihrem Mann im Haus mit der höchsten Hausnummer in Deutschland – der Venloer Straße 1503 in Köln.

Weiter, immer weiter, die Venloer Straße in Köln ist noch lang. In der Nummer 1226-1228 die Kirche „St. Johannes vor dem Lateinischen Tore“. Vögel singen. Dann die Megastores und Einkaufszentren. Dann der Stadtrand. Und noch immer ist kein Ende in Sicht, obwohl wir schon in Pulheim sind, Kölns Vorort im Rhein-Erft-Kreis. Links die Baumschule Wunderlich mit der Nummer 1501. Wo aber ist die 1503, die höchste deutsche Hausnummer? Wir tasten uns in ein Gewerbegebiet vor. Am Ende kommen wir dann wirklich zu Frau Höchsten.

Schönes Köln! In kaum eine andere Großstadt führen so viele Autobahnen wie zu dir. Kaum ein Autobahnring ist so verstopft wie deiner. Und nirgendwo gibt es so viele Innenstadt-Ringe, wie du sie hast: Salier-Ring, Hohenzollernring, Theodor-Heuss-Ring, insgesamt neun dieser Ringe umgürten das einst wunderschöne Zentrum und machen Köln zur wohl meistberingten Metropole Deutschlands, stärker noch beringt als die gurrenden Tauben und die gepiercten Jugendlichen auf der Domplatte. Dass es sich um ein und denselben Innenstadtring, nur eben mit ständig wechselnden Namen handelt, soll hier nicht weiter ins Gewicht fallen.

Denn wirklich rekordreif sind die Kölschen Straßen in anderer Hinsicht. Sie können lang sein. Sehr lang. Unter zehn Kilometern machen es die Ausfallstraßen kaum, was für eine erstaunliche Treue der Kölner für ihre alten Handelswege spricht. Anderswo sind sie mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit umgewidmet. Nicht so in Köln, wo etwa die Aachener oder die Luxemburger Straße noch immer in voller Länge anzeigen, wohin sie führen. Keine Salier, keine Hohenzollern, kein Theodor Heuss verderben die Orientierung. Die Aachener Straße führt nach Aachen, die Luxemburger nach Luxemburg. So einfach kann das sein.

Kleine Hausnummernkunde

Doch Köln wäre nicht Köln, wenn sich diese Klarheit nicht umgehend auch in Kurioses wenden würde: So lang die Ausfallstraßen sind, so hoch sind auch die Nummern der Häuser, die an ihnen stehen. Sie gehen über jedes deutsche Maß hinaus, werden spielend leicht dreistellig, nehmen die Acht, die Neun, werden sogar vierstellig. Olpener Straße 1096, Bergisch Gladbacher Straße 1246, Aachener Straße 1420: Das passt in keinen Vordruck, kein Adressfeld mehr. Sind hier denn alle jäck geworden? Das ist ja fast wie in Amerika mit seinen Zehntausender- und Zwanzigtausendernummern.

Aber eben nur fast. In den Vereinigten Staaten werden die Häuser nicht wie bei uns fortlaufend numeriert. Das Land adressiert sich grundverschieden. Amerikanische Hausnummern werden nach der Entfernung vom Straßenanfang bestimmt. Dabei werden die Straßen in Hunderter-Abschnitte eingeteilt, die nach jeder Querstraße beginnen. „12 610 Main Street“ meint ein Haus im 126. Abschnitt und nicht etwa das 12 610. Haus an der Hauptstraße. Amerikanischer Asphalt ist lang, aber so lang, dass mehr als 10 000 Häuser an ein und der selben Straße stehen, ist er auch wieder nicht.

Verglichen mit diesem Raster, wirken die europäischen Hausnummern geradezu mittelalterlich. Sie sind es keineswegs. Erst seit 200 bis 300 Jahren numeriert der Staat überhaupt Häuser. Vorher haben die Menschen einfach in ihnen gewohnt. Erst als Steuer- und Versicherungsangelegenheiten immer komplizierter wurden, Bettler vertrieben und Soldaten rekrutiert oder einquartiert werden sollten, konnte der Staat nicht mehr darauf verzichten, die Gebäude seiner Bürger zu kennzeichnen. Die Untertanen wehrten sich anfangs heftig dagegen, kratzten die Hausnummer ab oder bewarfen sie mit Schmutz, wie es Anton Tantner im maßgeblichen Buch zum Thema beschreibt. Die Hausnummer war eine Art Brandmal des Staates, ein Eingriff in die häusliche Privatsphäre. Doch hatte sie - frühmoderne Vorratsdatenspeicherung hin oder her - einen nicht von der Hand zu weisenden Vorteil: Mit der Hausnummer gab es erstmals auch eine verbindliche Postadresse.

Die frühe Numerierung folgte einem schlichten Prinzip. Man zählte einfach die Häuser. Konskription wird dieses System genannt, das nicht lange gutgehen konnte. Bald wuchsen die Städte schneller, als man zählen konnte. Also ging man im 19. Jahrhundert zum noch heute gültigen Mischsystem aus Straßenname und Hausnummer über. Nur so ließen sich die Städte erweitern und planen. Die Straßennumerierung findet sich auch in weniger komplexen Gebilde wie der Schrebergartenkolonie wieder, wo ein „Tulpenweg 12“ genau anzeigt, wo abends die Grillparty steigt. Man will schließlich nicht in fremden Gärten feiern.

Das Hufeisenprinzip bringt Taxifahrer zur Verzweiflung

Eine Nummer der alten Zählweise allerdings hat sich als Markenname erhalten - natürlich in Köln, das nicht nur über die höchste Hausnummer Deutschlands, sondern mit „4711“ wohl auch über die berühmteste verfügt. Das Kölnisch Wasser wurde Ende des 18. Jahrhunderts im Haus „No. 4711“ gemischt. 1811, als die Straßennumerierung die Konskription ablöste, wurde daraus die „Glockengasse Nr. 12“. Heute residiert das Unternehmen ein paar Häuser weiter.

Hausnummern können starke Marken sein. Wo aber liegt nun die höchste? Die 4711 scheidet aus, ebenso die Olpener 1096 und die Bergisch Gladbacher 1246. Ist es also die Aachener Straße mit ihrer Höchstnummer 1420? Nein, es geht noch höher. Es ist die Venloer. Bis zur Nummer 1503, sagt das Internet, soll sie sich hochschrauben auf ihrem Weg vom Friesenplatz im Zentrum zum Stadtrand. Solch ein Nummerngirl will erkundet werden. Deutschlands Rekordstraße beginnt wie jede andere auch, mit einer unschuldigen „1“. Hier ist - wie könnte es anders sein in Köln? - ein Kiosk untergebracht. Es folgen die 3, die 5, die 7. Ein Glück: Die Venloer Straße ist nach dem gewohnten Zickzackprinzip numeriert, in dem die ungeraden Zahlen vom Ortskern aus auf der linken und die geraden auf der rechten Straßenseite liegen. Man muss also immer nur weiter geradeaus fahren, dann kommt man automatisch zur 1503. Wäre die Venloer Straße nach dem Hufeisenprinzip numeriert, müsste man bei der Hälfte kehrtmachen und wieder zurück Richtung Friesenplatz fahren. Nach dieser preußischen Methode sind noch immer einige Straßen in Berlin numeriert, was selbst erfahrene Taxifahrer zur Verzweiflung bringen kann.

Weiter geht’s. An der Ecke Venloer und Innere Kanalstraße der riesige Rohbau der umstrittenen Zentralmoschee. Willkommen im Stadtteil Ehrenfeld! Die Venloer ist hier eine wuselige Einkaufsstraße mit Dönerbuden, Weinhandlungen, Billigläden und schon jetzt so lang, dass man sich am liebsten einen Döner gönnen würde. Doch es geht weiter, die 400 wird passiert, die 500 und endlich, als die Venloer kaum mehr Verlockungen bietet, die 1000. Hier ließe sich übernachten - in einem Hotel mit dem schönen Namen „1000“. Es wird von Chinesen geführt.

Und dann, nach Megastores, Stadtrand und der Baumschule Wunderlich, ist sie endlich da, versteckt hinter „Schulz Bauschutt“. Stolz prangt die „1503“ auf strahlend weiß getünchter Wand. „So ist das also“, sagt Christa Höchsten und lacht. „Wusste gar nicht, dass wir in Deutschlands höchster Hausnummer leben.“ Mitte der siebziger Jahre sind sie und ihr Mann hierhergezogen. Damals gab es noch kein Gewerbegebiet. Ihr Neubau war ein von Feldern umringter Aussiedlerhof. Die höchste Nummer haben die Höchstens quasi übernommen, denn die 1499 und 1501 gab es bereits. Und wie lebt es sich in diesem deutschen Rekordhaus? „Noch immer gut“, sagt Frau Höchsten. Nur die Post komme nicht immer an. „Die streichen manchmal einfach die 1 aus der Adresse, denk ich. 503 scheint irgendwie plausibler zu klingen.“

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