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Ohne ihn gäbe es keine Straßen: Der Tiefbauingenieur, ein Held des Alltags

Der Tiefbauingenieur

Ohne ihn gäbe es keine Straßen, kein Wasser, keine Städte, eigentlich keine Zivilisation: Die oft unsichtbare Arbeit des Tiefbauingenieurs wird zu selten gewürdigt, findet Sven Regener.

12.07.2017

Text: SVEN REGENER
Fotos: INA NIEHOFF

„Meinen Job“, sagt der Tiefbauingenieur und dreht dabei die Augen zum Himmel, aber nicht wie einer, der genervt ist, sondern wie einer, der seinen Frieden mit dem gemacht hat, was er ist und was er sagen muss, „braucht man keinem zu erklären. Und man kann ihn auch keinem erklären. Nicht weil das schwierig wäre, sondern weil einem keiner zuhören würde. Für den Job eines Tiefbauingenieurs interessiert sich kein Schwein. Absolut niemand. Ingenieur ist ja für die meisten Leute schon langweilig, sie sind zwar das Rückgrat der modernen Welt, aber irgendwie langweilig, und Tiefbauingenieur, das toppt alles, was den Langweilerfaktor betrifft, da kann man als Gummistrumpfstricker mehr Eindruck schinden als als Tiefbauingenier.“

Und dann ist einen Moment lang Pause. Draußen pflügen große Bagger die Erde um, der Tiefbauingenieur sitzt im Container der Bauleitung, seinen Helm – „denn Helme sind auch auf Tiefbaustellen vorgeschrieben“ – hat er abgesetzt, und nun streicht er die von diesem Helm verformten Haare zurecht. Und dann sagt der Tiefbauingenieur nachdenklich: „Es kommt noch ein anderer Aspekt dazu, den machen sich die meisten Menschen nicht klar: dass der Tiefbauingenieur als Berufsbild eigentlich gar nicht existiert. Wir sind Bauingenieure und theoretisch für beides qualifiziert, Hochbau und Tiefbau, aber das ist nur Theorie, in der Praxis hat das kaum Bedeutung. Da muss man sich schon fragen: Warum entscheidet sich einer für den Tiefbau, wenn er doch auch Hochbau machen könnte? Denn das“, sagt der Tiefbauingenieur und lächelt, „geht doch jedem so: Dass man etwas, das den Begriff ,hoch‘ im Wort hat, für irgendwie besser hält als das mit dem Begriff ,tief‘. Trotzdem sagen die Hochbauingenieure“, sagt der Tiefbauingenieur, „nur selten, dass sie Hochbauingenieure seien, wenn sie denn mal einer fragt, was sie beruflich machen, die Hochbauingenieure sagen meist, sie seien Bauingenieure, die Tiefbauingenieure aber sagen schon öfter mal, dass sie Tiefbauingenieure seien, werden also auf eine Weise konkret, die schwer zu interpretieren ist: Ist es, weil sie sich selbst kleiner machen wollen? Weil sie bescheiden sind? Oder wollen sie sich im Gegenteil hervorheben und abgrenzen, halten sie sich am Ende für etwas Besonderes?“

Das sind nicht einfach Rohre. Für unseren Mann beginnt hiermit erst die Zivilisation

Der Tiefbauingenieur hält inne und schaut nachdenklich aus dem Fenster. Es hat ein leiser Nieselregen eingesetzt. „Es ist ja so“, nimmt er mit einer wegwischenden Handbewegung plötzlich den Faden wieder auf, „dass man zwar Begriffe mit ,hoch‘ beim ersten Hinhören positiver konnotiert findet als Begriffe mit ,tief‘ oder ,nieder‘, dass man damit aber eben oft auch falschliegt, nur dass das keiner merkt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Germanistik“, sagt der Tiefbau-ingenieur, „das wird Sie vielleicht wundern, aber so ist es nun mal, dass sich bei den Tiefbauingenieuren viele Leute finden, die eigentlich mal was anderes machen wollten, dabei aber irgendwie vom Weg abgekommen sind, kaum jemand träumt ja als Kind oder auch als Jugendlicher davon, Bauingenieur zu werden, und wenn, dann ja wohl eher Hochbauingenieur, träumt, wenn überhaupt, von der Arbeit an Bauwerken, die man sieht, von technischen, in den Himmel ragenden Wunderwerken, die Staunen und Bewunderung hervorrufen, aber ich schweife ab, eigentlich wollte ich ein Beispiel aus der Germanistik anführen, was wiederum auch eine Abschweifung ist, das ist mir schon bewusst, aber dafür bitte ich um Verständnis“, sagt der Tiefbauingenieur, „denn sehen Sie: Beruflich geht es bei uns immer so direkt und genau auf den Punkt zu, da ist so viel Effizienz und geradliniges Denken, dass gerade wir Tiefbauingenieure alles Recht der Welt haben, wenigstens in solchen Gesprächen, die über das rein Fachliche weit hinausgehen, bei eigentlich philosophischen Fragen, ein wenig abzuschweifen.


„Wir sind zwar das Rückgrat der modernen Welt, aber gelten doch als langweilig, da toppen wir alles. Da kann man als Gummistrumpfstricker noch mehr Eindruck schinden.“
MAX MUSTERMENSCH

Die meisten Leute glauben zum Beispiel, und da wird es eben jetzt mal einen Moment lang germanistisch, dass mit dem Begriff Hochdeutsch eine höherstehende, in höheren Kreisen und so weiter entwickelte Sprache gemeint sei, manche sagen auch Hochsprache, weil sie denken, es gäbe so etwas, und da sei ein Zusammenhang, dabei wissen sie bloß nicht, dass es Hochdeutsch heißt, weil es das Süddeutsche oder Oberdeutsche ist, die also einst in den höher gelegenen deutschen Gebieten gesprochene Sprache, dass also die hochdeutschen Dialekte eben das Bairische, Alemannische, Sächsische und Fränkische sind, im Gegensatz zum Niederdeutschen, das so heißt, weil es in den norddeutschen, tiefer gelegenen Landschaften gesprochen wurde und sowieso eine ganz andere Sprache ist und das schon seit dem achten, neunten Jahrhundert, als sich südlich der Benrather Linie das Hochdeutsche entwickelte, und niemand weiß, warum. Da können Sie schon mal sehen, wie sehr der Zusatz ,hoch‘ in die Irre führen kann, teuflisch“, sagt der Tiefbauingenieur und beruhigt sich erst einmal mit einem Schluck aus dem Deckel seiner Thermoskanne. „Und dann stellt man auch noch fest, dass es eine ganze Reihe von Wörtern gibt, wo es genau umgekehrt läuft, wo der Wortzusatz ,hoch‘ eine negative Bedeutung bekommt, bei Wörtern wie hochgestochen, Hochmut, hochgefährlich, hoch-toxisch und so weiter und so fort, wohingegen ,tief‘ bei Wörtern wie etwa tiefstapeln, tiefgründig, tiefschürfend und so weiter auch eine glasklar positive Bedeutung hat. Und nun stellen Sie sich vor, Sie sind Bauingenieur und haben in erster Linie mit Hochbau zu tun, würden Sie dann sagen, ‚Ich bin Hochbauingenieur‘? Wohl eher nicht. Weil es hochmütig und hochgestochen klänge. Sie stapeln also tief. Der überwiegend oder ausschließlich mit Tiefbau befasste Bauingenieur aber, möglicherweise aus Bescheidenheit und Demut, aber vielleicht auch aus sehr wichtigen anderen Gründen, zu denen ich später noch kommen werde, kann meist nicht widerstehen zu betonen, dass er ‚Tiefbauingenieur‘ sei“, sagt der Tiefbauingenieur, drückt seine Zigarette aus, setzt seinen Helm auf und geht hinaus auf die Baustelle.

Jetzt bloß Steine, bald ein Gehweg
Kleine Zeichen, aber wichtig: Hier entsteht die Straße
Männer, versteht die Signale: Anlaufstelle ins Haus
Kunst am Bau: Starkstromkabel mit Markierungen

Draußen geht es rauh zu: Tiefbauer sind keine Weicheier, die Maschinen sind laut, die Arbeit ist hart, man schreit, wenn man etwas sagen will, und schaut ansonsten den Maschinen und gerne auch den Menschen bei der Arbeit zu, jederzeit bereit, assistierend einzugreifen; wenn einer schaufelt, hat er drei Assistenten, aber wer schaufelt schon noch, es gibt kleine und Kleinstbagger, die die Schaufelei erledigen, nur das Zuschauen ist dem Menschen vorbehalten, und dass jemand zuschaut, ist keine reine Luxusbeschäftigung, die Arbeit ist gefährlich, man muss bereit sein, jederzeit helfend einzugreifen. „Aber“, sagt der Tiefbauingenieur, „das sind ja alles nur Erdarbeiten hier, das ist ja nur ein kleiner, vielleicht der kleinste Teil dessen, was der Tiefbauingenieur zu planen und zu überwachen hat, wobei wir schon“, sagt der Tiefbauingenieur und zündet sich eine Zigarette an, „bei einem guten Grund sind, warum sich ein Bauingenieur für den Tiefbau entscheidet: Der Tiefbauingenieur plant auch, der Hochbauingenieur nicht. Das ist ein großer Unterschied, jedenfalls aus meiner Sicht“, sagt der Tiefbauingenieur. „Der Bauingenieur ist im Hochbau eigentlich immer nur Bauleiter, die Planung machen Architekten, da ist der Bauingenieur nicht gefragt, das soll ja alles schön aussehen und so weiter, Ästhetik, Fassade, Trallala, müssen wir nicht drüber reden, der Bauingenieur muss auf der Baustelle sein, alles leiten und überwachen, das bringt viel Mühe mit sich, und die Arbeitszeiten sind schlecht, man muss früh aufstehen, oft nervt auch das Wetter, der Kaffee ist mies auf den Baustellen, es gibt kaum oder gar keine Frauen, das ist doch auf Dauer kein Leben“, sagt der Tiefbauingenieur, und schon wandert er weiter, runter von der Baustelle, einer Kneipe in der Nähe entgegen, in der es ein gutes Mittagessen für wenig Geld geben soll. „Der Tiefbauer dagegen darf auch planen, weil es beim Tiefbauingenieur meist um Dinge geht, die man nicht sieht, es gibt da den alten Witz über Tiefbauer und Chirurgen, aber den erzähle ich lieber nicht, der ist unter Tiefbauern so abgedroschen“, sagt der Tiefbauingenieur, „wenn das einer liest, dass ich den erzählt habe, lachen die mich aus, die Kollegen, oder sie stöhnen vielleicht auch nur leise auf, weil sie kein Aufsehen erregen wollen bei so einer Peinlichkeit von einem alten Witz.“

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Der Nieselregen hat die Brille des Tiefbauingenieurs, die eine einfache, sachliche, schmucklose Angelegenheit ist, randlos, man sieht sie eigentlich nicht, mit Wasser besprenkelt, deshalb bleibt er stehen und trocknet sie mit einem weißen Taschentuch ab. „Andererseits …“, sagt er und dreht die nun wieder klarsehenden Augen zum Himmel, dessen dunkle Wolken von noch mehr Regen künden, und macht dann wieder diese wegwischende Handbewegung, die ihm so leicht fällt und in dieser Leichtigkeit so schwer nachzuahmen ist, „nein, lieber nicht“, sagt er, „den lassen wir mal schön weg, den Witz. Jedenfalls ist das Ergebnis unserer Arbeit meist unsichtbar, da schert sich keiner um Schönheit, dabei sollten Sie einmal so einen großen, alten, gemauerten Abwasserkanal in Berlin sehen, das sind Wunderwerke, und schön sind sie auch, aber es ist die Schönheit des Praktischen, die ja bekanntlich keine ist, form follows function ist ja kein ästhetisches, sondern ein Ingenieurskonzept, zugleich aber auch eine Philosophie, und deshalb lässt man uns planen und die Hochbauingenieure nicht, und das ist natürlich eine tolle Sache. Da sitzt man in einem schönen Büro mit Blick über den Großen Zernsee oder über den Alexanderplatz und plant und plant, und es gibt einen gescheiten Kaffee“, sagt der Bauingenieur und nimmt beim Betreten der Kneipe mit dem guten Mittagstisch den Helm ab, „da lohnt sich auch das Tragen von Anzügen und Krawatten, da kann man auch mal aussehen wie aus dem Ei gepellt, und der, der behauptet“, sagt der Tiefbauingenieur, „der, der behauptet“, wiederholt er nach einem längeren Blick auf die Tafel mit den Tagesangeboten, setzt sich und streicht sich das Haar zurecht, „dass die Tiefbauplanung langweilig sei, weiß nichts über die kleinen Vergnügungen der Tiefbauer, aber jetzt, denke ich, ist es erst einmal Zeit für den Zwiebelrostbraten.“

„Es ist doch so“, nimmt der Tiefbauingenieur den Faden wieder auf, als nach dem Essen der Kaffee kommt, „dass auch ein Tiefbauingenieur in der Planung manchmal Möglichkeiten und Spielräume hat, die keiner ahnt. Wenn Sie eine Straße von Ort A nach Ort B planen, sagen wir mal, vom Ortsausgang Ferch bis Kammerode, und der öffentliche Grund, auf dem Sie die bauen sollen, ist nicht arg begrenzt, dann können Sie der Straße einen Schwung verleihen, eine Schönheit in den Kurven, auch unter Berücksichtigung der Landschaft, das ist toll, das glaubt einem zwar keiner, und das merkt auch keiner so direkt, das macht einen nicht berühmt, aber jeder, der die Straße entlangfährt, nimmt davon etwas mit, die Laune der Autofahrer wird ein Quentchen besser, wenn eine harmonische, pythagoreischen Prinzipien folgende Straßenplanung betrieben wurde. Das geht natürlich nicht oft, manchmal aber schon, und dann freut man sich. Und dann gibt es die Großbaustellen, und da ist man dann der Erste, der dran ist, und wenn die Leute merken, dass und was da gebaut wird, wenn also etwas über den Baustellenzaun hinüberwächst, dann haben die Tiefbauer ihren Teil schon getan, und man könnte darunter leiden, dass niemand vorbeigeht und die Arbeit der Tiefbauer würdigt und etwa sagt: ‚Aha! So was also bauen die hier, wie toll ist das denn?!‘, aber wir Tiefbauer wissen eben, dass die Leute nur deshalb ohne Gummistiefel an der nun langsam sichtbaren Baustelle, mit der wir schon nichts mehr zu tun haben, vorbeikommen, weil unter ihnen ein schöner, neuer Gehweg verlegt wurde, auf den sie nur schauen, wenn sie Angst vor Hundekot haben, der ihnen aber immer und für lange Zeit zu Diensten sein wird. Also der Weg jetzt“, sagt der Tiefbauingenieur, „nicht der Hundekot!“

Präzise Arbeit: Temporäre Mauer an einer Brücke – mit isoliertem Rohr. Eine Leistung, die selten beachtet wird. Das bedauert der Tiefbauingenieur manchmal

Die letzte Bemerkung hat den Tiefbauingenieur ein bisschen aus dem Konzept gebracht, aber er überspielt das geschickt durch vorsichtiges Abtrinken des Kaffees aus seiner übervollen Tasse. Dann spricht er weiter: „Und niemand könnte in dem Gebäude, das da entsteht, wohnen, wenn das Grundstück nicht mit Frischwasser versorgt und um sein Abwasser erleichtert würde. Das ist die Grundlage aller Gebäudenutzung und eigentlich auch die Grundlage aller Zivilisation und allen städtischen Lebens, wie wir es heute kennen“, sagt der Tiefbauingenieur. „Ohne die Abwasserkanäle, die unter allen Straßen liegen, könnte niemand in unseren Städten leben. Die furchtbaren Seuchen, vor allem Cholera und Typhus, die im Mittelalter und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Geißeln der Menschen vor allem in den Städten waren und viele Städte sogar immer und immer wieder vernichteten, konnten nur bekämpft werden, sobald man Tiefbauingenieure hatte, die diese wahren Wunderwerke bauten, denken Sie nur an Virchow und wie er sagte: ‚Wo Coli ist, da kann auch Typhus sein‘, denken Sie nur an London im 19. Jahrhundert, die größte Stadt der Welt und im Begriff, an der Cholera zugrunde zu gehen, wo es dann die Tiefbauingenieure waren, die diese phantastischen, gigantischen Abwasserkanäle planten und bauen ließen, mit denen sie die Stadt letztendlich retteten und die zum Vorbild wurden für alle anderen Städte auf der Welt. Bei den Engländern heißt Tiefbau civil engineering, denken Sie ruhig darüber nach. Sie können darüber diskutieren“, sagt der Tiefbauingenieur und hebt zur Unterstreichung seiner Worte einen Kaffeelöffel, „ob man ein Gebäude höher oder tiefer, mit einer solchen oder einer solchen Fassade bauen sollte und ob dort Büros oder Wohnungen rein sollen“, der Tiefbauingenieur wird feierlich in der Stimme, die sich immer mehr festigt und den ganzen Raum ausfüllt, in dem viele Männer sitzen, und alle haben auf den Stühlen neben sich weiße Helme liegen und lauschen gebannt, „aber über eins können Sie nicht diskutieren“, sagt der Tiefbauingenieur und ist so mitgerissen, dass es wirkt, als wolle er jeden Moment aufspringen und einen Zeigefinger heben, man merkt ihm die Spannung an, er steht unter Strom, „über eins können Sie nicht diskutieren“, wiederholt er, „nämlich darüber, ob in dieses Gebäude Frischwasser hinein- und aus diesem Gebäude Schmutzwasser wieder herausgeführt werden muss!“

„Beruhigen Sie sich, Kollege“, ruft ein anderer Essensgast herüber, „Sie sollten diese Dinge nicht so persönlich nehmen, und ich möchte auch darum bitten, dass Sie nicht alles verraten. Die Früchte unserer Arbeit liegen größtenteils unter der Erde, auch unsere Fehler, das haben wir mit den Chirurgen gemein…“ – was immer der Mann noch sagen wollte, es geht im allgemeinen Stöhnen und Augenrollen, ja sogar vereinzelten Buhrufen aus der Kneipe unter. „Im Keller rasselt die Bartwickelmaschine“, ruft ein Mann von einem anderen Tisch, und der Tiefbauingenieur nutzt das allgemeine Durcheinander, um schnell und unter Zurücklassung eines großzügigen Trinkgelds das Lokal zu verlassen.

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„Ich“, sagt der Tiefbauingenieur draußen, während er sich eine Verdauungszigarette anzündet, „kann dafür nichts. Ich habe den Witz nicht erzählt. Außerdem hat der Mann nicht ganz recht, völlig unsichtbar ist unsere Arbeit nicht. Nur das Besondere daran! Was Sie übrigens wissen sollten: Über den speziellen Charakter des Tiefbaus gibt es viele Irrtümer! Keller zum Beispiel gehören nicht zum Tiefbau, die Keller der Gebäude fallen in die Verantwortung der Hochbauingenieure, da kann man nicht mitten im Hausbau die Pferde wechseln, also machen die das, auch den Erdverbau, der dazugehört, das ist alles deren Ding, Keller ist Hochbau, Brücken sind Tiefbau, so geht ein Bonmot der Bauingenieure, und das zeigt, wie verwickelt das alles ist, Brücken sind auch ein schmerzhaftes Thema für uns, denn bei der Planung der Brücken kommen dann doch noch Architekten zum Zuge, aber die brauchen uns umgekehrt natürlich auch, nehmen Sie nur die berühmteste, kühnste Brücke in Deutschland, die Köhlbrandbrücke in Hamburg, die wurde von einem Architekten und einem Bauingenieur geplant, der Bauingenieur war Paul Boué mit Akzent auf dem E, das sind dann die Kompromisse, die man eingehen muss, es ist auch ein sehr schönes Tiefbauwerk geworden, das sehr hoch hinaufführt, vor allem aber, und das ist dann natürlich Paul Boués Verdienst, hält es, das sollte den dreißigtausend Autofahrern, die da täglich drüberfahren, wohl das Wichtigste sein.“


Warum ist denn der Läufer von Marathon nach Athen damals gestorben? Weil es keine anständigen Straßen gab! Da hätte es gute Tiefbauingenieure gebraucht.
MAX MUSTERMENSCH

Der Bauingenieur gelangt zurück an die Baustelle, aber hier haben gerade alle Mittag, da bleibt er mit seiner Zigarette vor dem Container stehen. „Hier draußen ist es gerade so schön ruhig, und sehen Sie“, sagt der Bauingenieur, „natürlich sind unsere Werke nicht alle unsichtbar, vor allem die Straßen nicht, sie sind überall, sie werden benutzt wie nichts anderes und sind der eigentliche Schlüssel zum Verständnis der immensen Bedeutung des Tiefbauingenieurs für die menschliche Zivilisation. Was glauben Sie denn, warum es die Griechen zum Beispiel in der Politik immer nur zu Stadtstaaten oder jedenfalls nur zu relativ kleinen politischen Einheiten gebracht haben, deren Städte lose und meist nur über den Seeweg miteinander verbunden waren?“ Er schaut uns prüfend an, und wir nicken, obwohl das keine Antwort ist, aber ihm scheint es zu genügen: „Ganz genau! Weil die Landschaft in Griechenland gute Tiefbauingenieure gebraucht hätte, um die Städte mit Straßen zu verbinden und damit größere politische Einheiten zu ermöglichen. Warum ist denn wohl der Läufer auf dem Weg von Marathon nach Athen nach nur 40 Kilometern tot zusammengebrochen? So was schafft man doch auch ohne zu sterben?! Weil es keine anständigen Straßen und keine Wasserversorgung gab! Da kommt so was schon mal vor. Und dann sehen Sie sich“, sagt der Tiefbauingenieur und zeigt dabei in eine unbestimmte Richtung, eine Geste, von der man nicht weiß, ob sie auf die ferne italische Halbinsel oder die ferne Vergangenheit verweisen soll, „die Römer an: Sie konnten ein Weltreich schaffen mit gigantischen Städten und einer gut funktionierenden Verteidigung, ein Imperium, das jahrhundertelang Bestand hatte, und warum? Weil sie Meister des Straßenbaus, des Wasserleitungsbaus und der Kanalisation waren. Weil sie Tiefbauingenieure hatten! Die besten der Welt! Noch viele Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches“, sagt der Tiefbauingenieur, und er sagt es eher nachdenklich als triumphierend, „waren in Europa die Römerstraßen die einzigen befestigten Straßen überhaupt, sie hielten und sie dauerten, in Teilabschnitten bis heute, also zweitausend Jahre, weil sie eben auch, und da hat dann der Kollege wieder recht, nicht nur das sind, was man sieht, sondern vor allem auch das, was man nicht sieht. Eine Asphaltdecke oder eine Pflasterung sind eben nicht die ganze Straße, entscheidend ist, was darunter liegt, und die Straßenbaukunst der Römer ist legendär und vorbildlich, und dazu kommen die Frischwasserleitungen, die Aquädukte, die Abwasserbehandlung, denken Sie nur an die Cloaca Maxima des Tarquinius Priscus, es überkommt einen Ehrfurcht und Rührung, wenn man daran denkt. Und danach: tausend Jahre Mittelalter ohne Tiefbauingenieure. So sahen die dann auch aus, diese Jahre. Die Neuzeit beginnt für viele mit der Entdeckung Amerikas, für mich erst mit der Wiener Kanalisation von 1739. Das ist spät, aber das müssen wir Tiefbauingenieure so sehen, und wir haben recht damit, aber wir hängen das nicht an die große Glocke, wir drängen uns nicht in den Vordergrund. Auch unsere heutigen Leistungen stehen hinter den großen geschichtlichen Meilensteinen nicht zurück, aber wir reden nicht darüber. Unsere Verdienste liegen unter der Erde. Wenn Sie eine Straße sehen, dann denken Sie: eine Asphaltdecke, schön und gut. Aber was darunter ist, ist Terra incognita. Und genau dort, unter der Asphaltdecke, unter dem Pflaster, liegt unsere wahre Leistung, und sie ist gewaltig und unsichtbar. Und wie die Straße, so der Tiefbauingenieur: Von dem sehen Sie nur den Mann oder die Frau, mit oder ohne Krawatte, im Büro oder auf der Baustelle, mit oder ohne Helm, mit oder ohne Zigarette, der oder die gerade mal genauer betrachtet zwei bis drei Gewerke zusammenbringt, nämlich die Straßenbauer und die Rohrleger, und vielleicht könnte man die Erdbauer noch als eigenes Gewerk dazunehmen, darum die schwammige Formulierung mit den ‚zwei bis drei‘, wir Ingenieure reden nicht gerne so unpräzise, wir haben mit gutem Grund keinen Mut zur Lücke, aber hier geht es ja um Philosophie, darum sage ich Ihnen: So einen Mann oder so eine Frau sehen Sie, wenn Sie einen Tiefbauingenieur sehen, nur die Oberfläche eben, nur das Pflaster oder den Asphalt, aber seien Sie vergewissert: Es stimmt, was die spontaneistischen Bewegungen der siebziger Jahre als Leitspruch vor sich hergetragen haben, wenn auch vielleicht in einem wörtlicheren Sinne, als diese Leute ahnen konnten: Unter dem Pflaster liegt der Strand!“ 

Quelle: F.A.Z.-Quarterly

Veröffentlicht: 11.07.2017 15:16 Uhr