28.05.2006 · Mit einem bewegenden Besuch in Auschwitz beendete Papst Benedikt seine Polen-Reise. Dort warnte er vor „Verhängnissen“, die derzeit drohten, da „neu alle dunklen Mächte aus dem Herzen des Menschen aufzusteigen scheinen“.
Von Heinz-Joachim Fischer, Auschwitz„Als Sohn des deutschen Volkes“ hat Papst Benedikt XVI. am Sonntag in den Konzentrationslagern von Auschwitz an alle Menschen einen Aufruf zur Versöhnung gerichtet. „An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte ist der Papst, der aus Deutschland kommt, hier, um die Gnade der Versöhnung zu erbitten“, sagte Benedikt und fuhr fort:
„Von Gott zuerst, der allein unsere Herzen auftun und reinigen kann; von den Menschen, die hier gelitten haben und schließlich die Gnade der Versöhnung für alle, die in dieser unserer Stunde der Geschichte auf neue Weise unter der Macht des Hasses und der vom Haß geschürten Gewalt leiden.“
Der Papst gedachte in seiner Rede aller in Auschwitz Ermordeten aus den verschiedenen Nationen, vor allem der jüdischen und polnischen Opfer, aber auch der deutschen, die als „Abschaum der Nation“ bezeichnet worden seien und wie die Ordensschwester Edith Stein, Jüdin und Christin, sterben mußten. „Es war und ist eine Pflicht der Wahrheit“, sagte der Papst, „dem Recht derer gegenüber, die gelitten haben, eine Pflicht vor Gott, als Nachfolger von Johannes Paul II. und als Kind des deutschen Volkes hier zu stehen“.
Warnung vor neuen Verhängnissen
Eine Schar von Verbrechern habe mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen, „so daß unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und mißbraucht werden konnte“.
Benedikt warnte vor den „neuen Verhängnissen“, die derzeit drohten, da „neu alle dunklen Mächte aus dem Herzen des Menschen aufzusteigen scheinen“. Er nannte den Mißbrauch Gottes zur Rechtfertigung blinder Gewalt gegen Unschuldige, aber auch den Zynismus, der Gott nicht kenne und den Glauben an ihn verhöhne. „Wir rufen zu Gott, daß er die Menschen zur Einsicht bringe, damit sie erkennen, daß Gewalt keinen Frieden stiftet, sondern nur wieder Gewalt hervorruft - eine Spirale der Zerstörungen, in der alle am Ende nur Verlierer sein können.“
Benedikt XVI. war am Sonntag nachmittag von Krakau kommend in Auschwitz eingetroffen. Gegen 17 Uhr fand er sich in der Hauptstelle des ehemaligen Nazi-Konzentrationslagers von Auschwitz ein, das nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs in einer ehemaligen Kaserne der polnischen Armee errichtet worden war. Dort verharrte er schweigend in dem kleinen Hof vor der sogenannten „Todesmauer“, an der Unzählige zwischen 1940 und 1945 erschossen worden waren.
Stiller Konvoi
In dem Gefängnisblock Nr. 11 ehrte der Papst in der „Todeszelle“ im besonderen das Andenken des heiligen Maximilian Kolbe, eines polnischen Franziskanerpaters, der hier sein Leben für einen anderen Häftling hingab.
Nach einem kurzen Besuch des interreligiösen „Dialog- und Gebetszentrums“ und einem Treffen mit 12 Ordensschwestern des Karmeliterordens fuhr der Papst in das drei Kilometer entfernte Vernichtungslager „Auschwitz II - Birkenau“, in dem zwischen März 1943 und November etwa eineinhalb Millionen Menschen, meist Juden, umgebracht wurden, durch Giftgas getötet und in Krematorien verbrannt.
In Stille fuhr der päpstliche Konvoi durch den Vorbau mit der Öffnung für die Deportationszüge, an den Gleisanlagen mit den „Selektions“-Rampen und Wassergräben sowie an den links und rechts hinter Stacheldrahtzäunen stehenden Gefangenenhäusern und Lagerbaracken vorbei, bis zu dem Internationalen Mahnmal aus dunkelgrauen Steinen mit 22 Gedenktafeln in verschiedenen Sprachen.
Bewegte Ansprache auf polnisch
Nach einer Begegnung mit überlebenden KZ-Häftlingen aus verschiedenen Nationen, einem kurzen Gebet, einer Lesung aus den biblischen Psalmen, einem jüdischen Trauergesang des Kaddisch, einer Fürbitte um Frieden in deutscher Sprache und dem Entzünden einer Kerze hielt Papst Benedikt XVI. in polnischer Sprache eine Rede, die durch ihre menschliche Empfindsamkeit und theologische Tiefe im Sprechen von der Ferne und dem Verborgensein Gottes angesichts dieser Menschheitstragödie in Bann schlug. Der Papst habe diese Ansprache mit eigener Hand geschrieben, sagte der Vatikan-Sprecher Navarro-Valls.
Wie die Rede Benedikts in Auschwitz bewegte sich die gesamte Apostolische Visite des deutschen Papstes in Polen in fast allem auf den Spuren seines Vorgängers, „des geliebten Großen Johannes Pauls II.“, wie Benedikt in fast allen Ansprachen und Predigten sagte. Karol Wojtyla war im Oktober 1978 als Kardinal-Erzbischof von Krakau zum Papst gewählt worden und führte bis zu seinem Tod im April 2005 die Weltkirche.
Erstaunlich war dabei, daß die Polen den deutschen Nachfolger ihres Landsmanns auf dem Stuhl Petri zu Hunderttausenden feierten - in der Hauptstadt Warschau und in Krakau, der Heimat Johannes Pauls II., bis zum Abschied am Sonntag. Während der Gottesdienste gab es lebhaften Beifall, „Benedetto“-Rufe erschallten bei dem zugleich ernst-gläubigen und ausgelassen-fröhlichen Treffen mit Hunderttausenden Jugendlichen am Samstag, Massen standen auf Plätzen und in den Straßen Spalier, als das Papstmobil vorbeifuhr, an den blumengeschmückten Häusern hingen zahllose Plakate.
Glauben erfahren
Zu der freundlichen Aufnahme durch die Polen trug bei, daß Benedikt mit Ehren für seinen Vorgänger und mit Komplimenten für die polnische Nation nicht sparte. Krakau, die Heimat von Karol Wojtyla, erklärte er kurzerhand „auch zu meinem Krakau“, so am Sonntag während der Pontifikalmesse vor Hunderttausenden im Krakauer Blonie-Park.
Zudem trug Benedikt immer wieder weite Passagen seiner Ansprachen und Predigten auf Polnisch vor. Dieses sprachliche Bemühen - von Joseph Ratzinger, dem Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation, in 23 Jahren an der Seite Johannes Pauls II. immer wieder geübt - wurde von den Polen besonders geschätzt.
Zudem münzte Benedikt das biblische Motto seines Besuches, „Bleibt fest im Glauben!“, zuweilen um. Er sei nicht nur gekommen, um zu ermahnen, sondern auch, um den lebendigen Glauben der polnischen Nation zu erfahren, aufzunehmen und sich selbst davon bereichern zu lassen, sagte er unter herzlichem Applaus am Sonntag in Krakau.
Schnelle Seligsprechung von Johannes Paul II.
Das hinderte den Papst nicht, in seinen ersten Ansprachen in Warschau, etwa beim Treffen mit Priestern in der Kathedrale, „eine Festigung des Glaubens“ der katholischen Polen zu fordern und zu beklagen, daß auch in Polen Relativismus und Indifferenz in weltanschaulichen und moralischen Fragen verbreitet seien.
Den Samstag hatte Benedikt weitgehend dem Andenken seines Vorgängers gewidmet. Er reiste in dessen Geburtsort Wadowice und an andere Stätten und Heiligtümer der Umgebung, die Karol Wojtyla, am Herzen lagen. Begeisterung bei den polnischen Gläubigen rief Benedikt mit der Zusicherung hervor, die Seligsprechung und Kanonisation von Johannes Paul II. nach Möglichkeit zu beschleunigen.
Auf Querelen innerhalb der polnischen Kirche, wie etwa die politischen Mißlichkeiten um den nationalistisch-katholischen Rundfunksender „Radio Mariya“, ging Benedikt nur am Rande ein. Er ermahnte jedoch die Priester, sie hätten in erster Linie „Spezialisten für Gott zu sein“ und sich von der Politik fernzuhalten. Sich in die Politik einzumischen, sei nach alter Aufgabenteilung Sache der Bischöfe, die dabei einig zu sein hätten.