11.05.2007 · Hans Stapel ist seit 1972 Ordensmann in Brasilien. Nun besucht ihn der Papst bei seiner Lateinamerika-Reise auf dem abgelegenen „Gutshof der Hoffnung“. Eine kluge Entscheidung, das Lebenswerk dieses deutschen Franziskaners zu würdigen.
Von Heinz-Joachim Fischer, GuaratinguetáWie er es nur fertiggebracht habe, den Papst zu einem Besuch hier draußen in den Bergen zu überreden, ist er in den vergangenen Wochen und Monaten hundertmal gefragt worden. Er, der deutsche Ordensmann Hans Stapel. Wenn man aber bei seiner „Fazenda da Esperanza“ (Gutshof der Hoffnung) angelangt ist - von der brasilianischen Millionenstadt São Paulo auf der Autobahn etwa 180 Kilometer Richtung Rio de Janeiro, an der riesigen Wallfahrtskirche von Aparecida vorbei, Ausfahrt Guaratinguetá, dann etwa 25 Kilometer durch grünes „Voralpenland“ mit glücklich weidenden Kühen und dann noch in ein Seitental hinein -, sich etwas umsieht in dem Dorf mit neuen Siedlungshäusern, einer zeltartigen weißen Kirche, einer großen Versammlungshalle und vor allem mit vielen, vielen jungen Leuten aus aller Welt, wird umgekehrt ein Schuh daraus.
Papst Benedikt XVI. tat gut daran, sich während seiner fünftägigen Visite bei „Frei Hans“, wie er hier nur genannt wird, einzuladen. Damit bekundet der Papst an diesem Samstag Respekt vor dem Lebenswerk eines deutschen Franziskaners, etwas Demut dafür, wie Karrieren in der katholischen Kirche ganz unterschiedlich verlaufen können, und gibt zugleich einen Hinweis darauf, was er, der 80 Jahre alte, auch nach 12 Stunden Flug schnell gehende Papst, sich für seine Kirche wünscht: mehr Bewegung dieser Art.
Ruhe, Festigkeit und Entschiedenheit des Westfalen
Das Beispielhafte wehrt der 61 Jahre alte Ordensmann mit der Ruhe, Festigkeit und Entschiedenheit des Westfalen (aus Stadt und Erzbistum Paderborn) sogleich ab. Er habe damals, 1972 - nach einer Berufslehre als Graphiker, zweitem Bildungsweg, dem Eintritt in den Orden des Franz von Assisi (OFM) und den theologischen Studien nach Brasilien geschickt oder aufgebrochen -, damals, in den siebziger Jahren, als alle so viel über Reformen in der Gesellschaft und Strukturveränderungen in der Kirche redeten, nichts anderes getan, als sich an das Wort der Bibel zu halten: „Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“
Das war, als ein schwangeres Mädchen zu ihm hier in Guaratinguetá in das Pfarrhaus kam und er doch helfen musste - die Uridee der Frauen-Fazenda. Das war, als er durch seinen brasilianischen Mitstreiter Nelson die Jugendlichen mit Drogensucht und Alkoholismus traf, als Obdachlose und Landstreicher ein wenig Geborgenheit brauchten und man ihnen doch helfen musste - also eine Männer-Fazenda, für die ihm dann das Land hier in den Bergen geschenkt wurde.
„Die Deutschen reden nicht so gern über ihr Versagen“
Alles andere, dauerhafte Organisation, selbsttragende Arbeitsleistungen der Jugendlichen, Ordnung, die in einer Gemeinschaft aus sich einsichtig ist und dafür streng eingehalten werden muss, Gründungen weiterer Gutshöfe an anderen Orten und vor allem die selbstverständliche Ausrichtung an dem christlichen Glauben aus dem Geist des Franziskus, weitab von römischer Regelungswut, aber nahe an den Worten Jesu innerhalb der Kirche, das ist seit 25 Jahren Pater Hans Stapels Werk.
Gescheiterte Existenzen also? „Genau“, sagt Frei Hans, während in dem Raum beim Mittagessen ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. Junge Arbeiter, die sich Anweisungen holen, ein deutscher Bischof, Grothe aus Paderborn, und der Chef des Kinder-Missionswerks, Pilz, aus Aachen, nach langer Reise, gerade angekommen, die sich die würzigen Bohnen mit Reis schmecken lassen, Ordensschwestern, die ständig für neue Essensgäste den Nachschub besorgen und bei jedem „Grüß Gott“ vor Freude strahlen. „Ja, ja, die Deutschen reden nicht so gern über ihr Versagen, da sind die Brasilianer offener. Egal. Wichtig ist, dass die Mädchen und Jungen aus ihrer verfahrenen Lebenslage herauskommen.“ Das hat sich immer mehr in der Welt herumgesprochen, in Lateinamerika, auf den Philippinen, in Afrika bei Aids-Kranken, in Russland und selbst in Berlin - dank www.fazenda.org.br immer schneller.
28 Priester und Ordensleute gehören zur Fazenda
Er habe kirchlich ungewohnte Wege beschritten, aber biblische, meint Frei Hans. Deshalb ist seine „Pastoralinitiative“ als freie Vereinigung von Gläubigen 1999 anerkannt und gleichsam offiziell unter die katholischen „Bewegungen“ (neben der traditionellen Pfarrseelsorge) aufgenommen worden. Deutsche Bischöfe in Rom wie Josef Cordes und Josef Clemens, beide Paderborner, sind diesen zahlreichen „Bewegungen“ überall in der Kirche besonders zugetan. 28 Priester und Ordensleute gehören der internationalen Fazenda an. Das scheint wenig. Aber durch den Multiplikationseffekt des lebendigen Zeugnisses von Überzeugten sind es Tausende, Zehntausende schon, die damit in Berührung kamen und „geheilt“ wurden.
Einige Tausende aus aller Welt werden den Papst herzlich begrüßen, einen Heiligen Vater, dem Drogen, Alkohol, Aids, Schwangerschaft oder Obdachlosigkeit in seinem Leben ziemlich fremd waren, der aber offenbar froh darüber ist, dass „seine Leute“ sich darum kümmern. „Muss man doch“, sagt Pater Hans und erhebt sich. Der für die Sicherheit beim Papstbesuch zuständige Heeresgeneral drängt zu einer Besprechung. Schade, man hätte von dem Ordensmann aus Westfalen gern noch mehr gehört, Geschichten vom barmherzigen Samariter, dem Benedikt danke sagt.
Papst besucht jugendliche Drogenabhängige
Pascal Kado (PJMK)
- 14.05.2007, 01:07 Uhr