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Margers Vestermanis: Der letzte jüdische Partisan

Der letzte jüdische Partisan

Von Lorenz Hemicker, Riga
Foto: Lorenz Hemicker

26.11.2017 · Margers Vestermanis flieht aus einem Todestreck und überlebt den Holocaust mit einem Karabiner in der Hand. Heute ist er 92. Sein Kampf geht weiter.

R iga, im November. Die Dunkelheit hat sich längst über die Stadt gelegt, als der alte Mann mit dem schlohweißen Haar langsam zum Klavier geht. Behutsam lässt er sich auf einem Bürostuhl nieder und beginnt zu spielen. Sanft und entschlossen drücken seine kräftigen Finger die Tasten. Moll-Akkorde und eine traurige Melodie füllen die hohen Räume im ersten Stock eines Altbaus an der Krisijana Barona Iela. Für einen Augenblick scheint es, als ob er in Gedanken wieder mit den anderen Jungen in einem finsteren Keller unter dem Rigaer Ghetto kauert. Als sie über Flucht und Widerstand sprachen, und die jiddischen Zeilen ihres Liedes sangen. „Ghetto, Ghetto, steh uf fun dein tragischem Cholem.“ Bis auf ihn sind sie längst alle tot: Erschossen oder verhungert, erfroren oder gehängt während des Nazi-Terrors im Baltikum. Der letzte Ton verklingt. Dr. Margers Vestermanis legt die Fingerkuppen aneinander wie um eine kostbare Kristallkugel. Dann blickt er dem Besucher aus Deutschland ruhig ins Gesicht: „Das ist wirklich mein Leben.“

Video: F.A.Z.

Dass Vestermanis 92 Jahre alt geworden ist, grenzt an ein Wunder. Als Mitglied einer gebildeten jüdisch-deutschen Unternehmerfamilie überlebte er vier Jahre des Nazi-Terrors im Rigaer Ghetto, in lettischen Konzentrationslagern und schließlich als Widerstandskämpfer in den Wäldern Kurlands. Das Deutsche habe seiner Familie immer als Zugang zur Weltkultur verstanden, sagt Verstermanis. Doch als die Wehrmacht im Sommer 1941 die Sowjetunion angreift und Riga einnimmt, kommen statt Dichtern Henker.

Margers Vestermanis sieht nur noch auf dem rechten Auge, und das schlecht. Von seinen Recherchen über die Opfer und Retter des Holocaust hält ihn das nicht ab. Foto: Lorenz Hemicker
Vestermanis im Mai 1945 auf einer Aufnahme im Museum „Juden in Lettland“, das er 1990 gründete. Foto: Lorenz Hemicker

Das erste Opfer seiner Familie ist der ältere Bruder, ein Konzertpianist. Er wird am 15. Oktober 1941 im Zentralgefängnis der Stadt erschossen. Am 8. Dezember werden die übrigen Familienmitglieder hingerichtet. Vater, Mutter und Schwester des 16 Jahre alten Margers werden aus dem Rigaer Ghetto, in das alle Juden zuvor eingepfercht worden sind, zusammen mit Tausenden auf einen Todesmarsch in den zehn Kilometer südöstlich der Stadt gelegenen Wald von Rumbula getrieben. Dort erschießen deutsche SS-Leute und ihre lettischen Schergen an zwei Tagen rund 25.000 Menschen in eigens dafür ausgehobenen Gruben. Die meisten Opfer sind Frauen und Kinder. Vestermanis denkt an Flucht. Er schmuggelt Waffenteile ins Ghetto, nimmt dort in einem stockdunklen Keller unter dem Ghetto an Geheimtreffen einer Jugendgruppe teil und singt Widerstandslieder. Während andere brutal ermordet werden, gelingt es ihm mit Glück, die Ghetto-Hölle zwei Jahre zu überleben, bis es geschlossen wird. Es folgen weitere, grauenvolle Monate in drei Konzentrationslagern, in denen die Häftlinge um ihn herum wie die Fliegen sterben. An Hunger, Erschöpfung, Kälte – oder weil sie von der SS hingerichtet werden.


Warum das Leiden? Warum hält man Gericht?
Warum macht man uns Juden zunicht’?
Weil wir – sag es einfach und schlicht,
sind Sündenböcke der Weltgeschicht’.
Namenloser Insasse eines lettischen Konzentrationslagers

„Naja“, knarzt Vestermanis, auf seinem Bürostuhl sitzend knapp, und wischt mit der rechten Hand durch die Luft, so, als wolle er einen Gedanken beiseiteschieben. In seinem Arbeitszimmer reihen sich Kästen und Stapel aneinander. Aus einem zieht Vestermanis eine Klarsichtfolie mit Papieren hervor und legt sie auf seinen schmucklosen Schreibtisch. Große Buchstaben reihen sich in penibler Primaner-Schönschrift aneinander. Vestermanis nimmt die Lupe zur Hand, er sieht nur noch auf einem Auge schwach. Dann liest er vor: „Warum das Leiden? Warum hält man Gericht? Warum macht man uns Juden zunicht’? Weil wir – sag es einfach und schlicht, sind Sündenböcke der Weltgeschicht’.“ Die Zeilen stammen aus einem lettischen Konzentrationslager. Ein todgeweihter Jude hat sie verfasst. Die Abschrift ist das Ergebnis eines Funds aus den Tiefen der Weltkriegsarchive, in die Vestermanis immer noch hineintaucht. Gedichte wie dieses sollen helfen, für die Nachwelt aus den großen, gesichtslosen Opferzahlen des Holocaust wieder Menschen zu machen, die, mitunter zynisch und spottend, sich innerlich den Henkern bis zum Ende widersetzten.

Das Rigaer Ghetto

  • Das ehemalige jüdische Ghetto erstreckt sich in der Moskauer Vorstadt, südwestlich der Rigaer Altstadt. Zwischen heruntergekommenen Gründerzeitbauten und einfachen Holzbauten scheint hier die Zeit stillzustehen. Vieles sieht noch so aus wie 1941, als das Gebiet für Tausende Juden zum Todeslager wurde. Foto: Lorenz Hemicker
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  • Foto: Lorenz Hemicker

So wie Vestermanis selbst. Ihm glückt am 27. Juli 1944 die Flucht, als er zusammen mit Tausenden Häftlingen in Gewaltmärschen quer durch Kurland getrieben wird. Während sich Mithäftlinge auf zwei Wassereimer stürzen und die Wachleute abgelenkt sind, springt Vestermanis von der staubigen Straße über einen Graben – und läuft. Schüsse brechen, Bewacher brüllen „Halt“. „Typisch deutsch“, sagt Vestermanis, während ein süffisantes Lächeln über sein Gesicht huscht, „als ob das einen Menschen beeindruckt, der um seinen Leben rennt. Aber Vorschrift ist Vorschrift.“ Nach Hunderten Metern wirft sich der 18-Jährige ins Moos und wartet – zwei Tage lang. Dann zieht er weiter. Arme Bauern geben ihm zu essen, alte Kleidung und scheren ihm die Haare, um ihn von seiner Häftlingsfrisur zu befreien: Einem glattrasierten Streifen von der Stirn bis zum Nacken.

Bauern sind es auch, die ihn später mit einer Widerstandsgruppe in Kontakt bringen. Die „Waldbrüder“, ein Haufen lettischer Deserteure, russischer Kriegsgefangener und deutscher Fahnenflüchtiger eint vor allem ihr Wille zum Überleben. Vestermanis schließt sich ihnen unter falschem Namen an. Als Jude gibt sich Vestermanis nur dem Anführer zu erkennen, der ihm auch später eine Waffe in die Hand drückt.

Ein Bild der Familie Vestermanis aus der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre mit dem jüngsten Sohn Margers vorne links. Darunter: Holzboxen mit Karteikarten über den Holocaust im Baltikum. Foto: Lorenz Hemicker
Am 22. Juni 1941 griff das Deutsche Reich die Sowjetunion an. Zügig eroberte die Wehrmacht das Baltikum. Die SS folgte und begann unverzüglich damit, die Juden in den besetzten Gebieten zu ermorden. Diese Karte zeigt die grausame Bilanz der Massenexekutionen bis zum 31. Januar 1942. Foto: Archiv

„Haben Sie getötet?“ Vestermanis winkt ab: „Ich hatte einen ziemlich kaputten russischen Karabiner und ganze sieben Patronen. Da ist man nun wirklich sehr sparsam.“ Andere Kameraden hantieren unruhig mit ihren Waffen, werden leichtsinnig und fordern das Schicksal heraus. In den verbleibenden Kriegsmonaten wird die 27-köpfige Widerstandsgruppe von den bereits eingekesselten Wehrmachtstruppen, die immer wieder die Wälder durchkämmen, nahezu aufgerieben. Nur drei der Partisanen erleben Deutschlands bedingungslose Kapitulation. Einer von ihnen ist Vestermanis, der mehrfach wie durch ein Wunder der Gefangennahme und damit dem sicheren Tod entgeht. Am 9. Mai 1945 sieht der 19-Jährige in der Kreisstadt Talsen die deutschen Truppen gesenkten Hauptes mit ihren weißen Flaggen an sich vorbeimarschieren. Es ist der glücklichste Moment seines Lebens. Fünf Schuss hat Vestermanis abgegeben. „Nicht viel für einen großen Kampf“, raunt er. Die Sowjets erkennen ihn als lettischen Partisan an und verleihen ihm Jahrzehnte später noch den Orden des Großen Vaterländischen Krieges Zweiter Klasse. Eine Auszeichnung, die ihm bis heute sehr teuer ist. Mehr noch als der lettische Drei-Sterne-Orden und das Bundesverdienstkreuz, die Vestermanis später noch erhielt.

Aus einem Schrank hinter sich fischt der Historiker eine grüne Plastikmappe, legt sie neben die Gedichte auf den Schreibtisch und holt einen Stapel Papiere hervor. Ein Tabellenmeer, auf dem sich schwarze und weiße Zonen in lettischer und russischer Sprache in unregelmäßiger Folge abwechseln. Es ist das Ergebnis einer weiteren Recherche. „Das sind die Informationen über die geretteten lettischen Juden und ihre Retter“, sagt Vestermanis feierlich. 1469 Menschen, von denen Hunderte während der Okkupationszeit noch gefasst und ermordet wurden und bei denen selbst Vestermanis mitunter weder der Name des Retters noch des Geretteten rekonstruieren konnte. Sechs Jahre lang hat er daran gearbeitet. Bald soll die Studie als Buch erscheinen.

  • Ein karges Haus, eine gepflasterte Straße hinter Stacheldraht, ein Eisenbahnwaggon, der Menschen in den Tod fuhr. Das Rigaer Ghetto-Museum erinnert an das Leben der Juden in Lettland und ihr Schicksal während des Holocaust. Foto: Picture-Alliance
  • Foto: Picture-Alliance
  • Foto: Picture-Alliance
  • Foto: Picture-Alliance

Persönliche Widerstände haben Vestermanis in seinem langen Leben ebenso wenig wie politische davon abgehalten, die Geschichte der lettischen Juden und den Holocaust im Baltikum zu erforschen. Unter den Sowjets erhält er als Mitarbeiter des Historischen Staatsarchivs in den 60er Jahren Zugang zu beschlagnahmten Unterlagen aus der deutschen Besatzungszeit im Baltikum. Den Holocaust an den lettischen Juden beim Namen zu nennen ist verboten. Die Opfer gelten alle nur als „Bürger der Sowjetunion.“ Als er in einer Gedenkschrift einen Aufsatz schreibt, der vorsichtig auf das Schicksal der Juden hinweist, wird er nicht gedruckt – und Vestermanis gefeuert. Über informelle Wege gelangt er an einen Job als Lehrer. Erst in den 70er Jahren gelingt es ihm wieder regelmäßig zu publizieren, vor allem in der DDR. Das Ende des Ost-West-Konflikts und die Unabhängigkeit Lettlands machen ihn in Deutschland wie auch in seiner Heimat zu einem gefragten Experten. Auf die Gründung eines Museums für die „Juden in Lettland“ und des jüdischen Nationalarchivs folgt die Berufung in die Historikerkommission des jungen Landes zur Erforschung der Verbrechen zur Zeit der deutschen und sowjetischen Gewaltherrschaft. In Deutschland selbst arbeitet Vestermanis in den 90er Jahren an der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht in Zweiten Weltkrieg mit.

Auf der Straße vor seinem Arbeitszimmer ist es still geworden. Die Uhr zeigt kurz vor zehn. Ihm bleibe ja nun nicht mehr viel Zeit, sagt Vestermanis. Nur noch einen Aufsatz über das KZ Kaiserwald wolle er schreiben. Es sei schon alles vorbereitet. Dann blickt er auf eine Reihe Boxen neben sich. Wem er seine Karteikarten vermachen soll, mit all den Informationen, die er jahrzehntelang gesammelt habe, wisse er nicht, gesteht Vestermanis nachdenklich. Dann steht er auf und führt den deutschen Besucher hinaus. Als er im Flur die Hand zum Abschied reicht, sagt Vestermanis plötzlich: „Ich hätte Sie heute am liebsten gar nicht empfangen.“ Für einen Augenblick wirkt Lettlands letzter jüdischer Partisan müde. Es sei ihm peinlich, er habe doch nur durch Zufall überlebt. Dann hebt er den Kopf und blickt den Besucher wieder konzentriert an: „Aber ich muss das tun.“ Die Opfer des Holocaust dürften nicht vergessen werden. Das ist sein Leben.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 27.11.2017 10:39 Uhr