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Gorpcore-Trend : Mal schnell ein Abenteuer erleben

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Abgedreht: Der Gorpcore-Trend in Paris. Bild: Getty

Daunenjacken, Turnschuhe, schlecht sitzende Hosen: Der Gorpcore-Trend gibt vor, sich um Ästhetik nicht zu kümmern. Er spielt Unschuld.

          Am liebsten würde man eine jener exzentrischen Kolumnen zitieren, die Diana Vreeland zwischen 1936 und 1962 für „Harper’s Bazaar“ geschrieben hat. „Warum“, nur zum Beispiel, „warum tragen Sie nicht violette samtene Fäustlinge zu allem?“ Sofort ist einem leichter ums Herz. „Why don’t you ...?“ Diese offene Frage hat Charme, ist amüsant und ausreichend absurd, um jeden Trend zu erklären. Auch den Gorpcore, den legitimen Erbe von Normcore. Dazu später mehr. Gorpcore jedenfalls steht für G wie granola (Knuspermüsli), o wie oats (Hafer), r wie raisins (Rosinen) und p wie peanuts (Erdnüsse).

          Die energiereichen Lebensmittel im Titel verweisen auf Aktivität. Man rüstet sich mit den unvermeidlichen Daunenjacken, wärmt sich in Fleecehemden und nutzt Schuhe mit praktischen Klettverschlüssen oder ein wetterfestes Nylon-Cape von Givenchy. Offensichtlich bringt der Gorpcore die Außenwelt ins Spiel, den Wind, die Gefahren des Campingplatzes oder des Rasenmähens. Dazu ließe sich dann ein kurzärmeliges Oversize-T-Shirt über einem karierten Holzfällerhemd und ganz zuunterst ein Kapuzenhemd tragen, und zwar so, als hätte es gerade angefangen zu regnen (Balenciaga).

          Den unbedarften, womöglich auf dem Land und in vordigitaler Zeit aufgewachsenen Betrachter könnte das bizarr anmuten. Als hätte jemand den Regen nicht verstanden. Oder als würde der Mann in Kapuze gern ein klein wenig übertreiben. Diese naiven Blicke stören den Gorpcore in der nächsten innerstädtischen Kaffeebar natürlich überhaupt nicht.

          Er ist zu bedeutend. Gorpcore sei ein Trend, der alles verändert, man müsse ihn als Zeichen eines kulturellen Wandels verstehen. Die Ankündigungen und Beschreibungen klingen furchtbar wichtig. Der Gorpcore könnte genauso gut eine Vorlesung halten. Er könnte über seine Motive dozieren, über Konsum in Zeiten des Internets, über die eigene Coolness. Diese Schwäche hat er übrigens von seinem Vater geerbt, dem noch sehr viel strengeren Normcore. Der hat seinerseits behauptet, er würde die Begriffe der Identität und Differenz dekonstruieren.

          Fast ein bisschen irre: Mode in Zeiten des erhöhten Anpassungsdrucks.

          In Form einer Pdf-Datei und als Manifest ist er das erste Mal aufgetreten. K-Hole, das New Yorker Kollektiv aus Künstlern und Trendforschern, hat im Jahr 2013 die Marke Normcore etabliert. Im Zentrum stand die Erfahrung, sich ständig unterscheiden zu müssen, die eigene Besonderheit mit jedem neuen Post herauszuarbeiten, nur um anschließend festzustellen, dass alle anderen das auch so machen. Aus der erbitterten Suche nach Einzigartigkeit versuchte der Normcore ein Konzept zu gestalten und versprach in schlecht sitzenden Jeans und Pullis ohne die leiseste Andeutung von Taille Entspannung von den Lasten des Egos.

          Es war ein bisschen wie im Seminar. K-Hole selbst haben darauf aufmerksam gemacht. Man habe, hieß es im Folgebericht der fünfköpfigen Gruppe, mit dem eigenen Denken sämtliche Probleme lösen wollen. Man habe sich geirrt und brauche jetzt Stärkeres. Am besten ein bisschen Magie. Wie sich also herausgestellt hat, war der Normcore eine ziemliche Überforderung und in modischer Hinsicht ein großer Bluff. Eine Anmaßung, die umso eitler wirkt, je rigider sich der Normcore auf die paar Basics zurückzieht.

          Drei, vier Vokabeln Fashion genügen, glaubt der Normcore. Solange die Marke stimmt und der Rechner läuft. Das Ego des Normcore hat die Erinnerung an die Formen und Linien der Mode nicht nötig. Trotzig wirkt das, überheblich und auf Dauer unglaublich eng. „Vergesst Normcore, hier kommt Gorpcore!“ Diese und ähnliche Losungen versprechen seit Monaten einen Ausweg. Nichts wie raus!

          Ins Freie. Wer im Herbst zufällig Kinder mit ihren Eltern hat Drachen steigen lassen sehen, dem dürfte es aufgefallen sein, was sich da abspielt und wie sehr Erwachsene in Gorpcore den kindlichen Silhouetten ähneln. Doch während die Kinder in Daunenjacken und Stiefelchen die ideale Kleidung zum Toben und Rumtollen tragen, muten die Erwachsenen in Puffer-Jackets und Boots wie unbeholfene Riesen an. Tapsig. Schwerfällig. Aufgeplustert. Der Gorpcore gibt vor, sich um seine ästhetischen Effekte kaum zu kümmern. „It’s just clothes“, scheint er zu sagen. Sind doch bloß Kleider. Dieser Satz wappnet sich mit atmungsaktiven Fasern gegen alles, was kommt. Er spielt Unschuld. In Zeiten extrem erhöhten Anpassungsdrucks ist das wahrscheinlich die beste Tarnung.

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