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Veröffentlicht: 13.06.2017, 16:49 Uhr

Einhorn-Trend Botschafter vom Ende des Regenbogens

Das Einhorn hat jetzt echt magische Kräfte: Egal, was es ziert, ob Bratwürste oder Pyjamas, die Teile verkaufen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit anschließend absurd gut. Woran liegt das?

von Sara Kreuter
© Getty Einhornmütze auf, und alle Sorgen sind verschwunden. Das suggeriert jedenfalls die kindliche Optik.

Wenn sie am Morgen in ihrem Einhorn-Ganzkörper-Schlafanzug, flauschig und rosa, zum Frühstückstisch tapst, verziehen die Brüder der 18 Jahre alten Nele Platte aus Schriesheim keine Miene. Die Abiturientin trägt den Anzug mit Würde – und Überzeugung, auch im Sommer, bei eher pyjamaunfreundlichen Temperaturen. Nichts sehnlicher als genau dieses Outfit wünscht sich auch Conny Ritter, 15 Jahre alt. Die Münchner Schülerin spart gerade für diesen Traum. Eine Einhorn-Lampe und ein Shirt mit dem Motiv hat sie bereits gekauft, bezeichnet sich selbst als des Einhorns größter Fan.

46956739 © dpa Vergrößern Auch vor der Erotikbranche macht der Trend keinen Halt: Glühweinstand auf dem „Santa Pauli Weihnachtsmarkt“ auf der Reeperbahn in Hamburg 2016.

Diesen Titel würde ihr die 38 Jahre alte Daniela Nething allerdings absprechen. Die Mutter und bekennende Einhornanhängerin aus Walldorf hat erst vergangene Woche, zum Geburtstag ihrer Tochter, Schokomuffins mit weißen Einhornköpfen und bunter Regenbogen-Mähne aus Zuckerguss verziert, ganz sorgfältig.

Wohin man auch schaut, es gibt kein Entrinnen. Die kitschigen, rosa glitzernden, traditionell seltenen Fabelwesen sind seit Ende vergangenen Jahres überall: auf Handyhüllen, Schlüsselanhängern, Pantoffeln, Bratwurst- und Kondom-Verpackungen. Innerhalb weniger Monate hat das Einhorn die Herzen Hunderter junger Erwachsener sowie Verkaufsläden und die sozialen Netzwerke erobert. Aber warum eigentlich?

46956733r © Junker, Patrick Vergrößern Die scheuen Fabelwesen mögen plötzlich Techno: Einhorn auf dem „World Club Dome Festival“ in Frankfurt Anfang Juni.

„Sie sind halt unheimlich süß“, sagt Annika Kipper, eine 22 Jahre alte Einhorn-Liebhaberin aus Dorfen bei München. Das allerdings erkläre noch nicht hinreichend, warum Menschen Geld für rosafarbene Einhorn-Bratwürste ausgeben, gibt die Erzieherin zu. Sie beschreibt, was für sie die Faszination des Fabelwesens ausmacht: „Einhörner erinnern an eine Welt, in der es noch keine Probleme gab.“

When dance is cancelled... #belike #unicorn #unicornday #nodance #unicornparty #🦄 #🔥

Ein Beitrag geteilt von Nicolette Durazzo / NICA (@nica_dancer_wc_) am

Für die 22-Jährige und viele andere verkörpert das Einhorn unschuldige Kindheitsträume, eine heile Welt, in der alles möglich ist – auch Zauberei. Die Assoziation liegt nahe, schließlich glitzert das Einhorn und verfügt über magische Fähigkeiten. Außerdem ist das Wesen am Ende des Regenbogens zu Hause. An jenem Sehnsuchtsort also, an dem kühne Träume Wirklichkeit werden – spätestens, seit Judy Garland in dem Filmmusik-Hit „Over the Rainbow“ mit großen Augen „dreams that you dare to dream really do come true“ trällerte.

Ein Konterpart zur Realität

Eskapismus, also Realitätsflucht, nennen Experten solches Denken. Es ist eine plausible Erklärung für die akute Einhorn-Manie. Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien, Anhängerin dieses Deutungsansatzes, beschreibt, das Einhorn sei ein „Konterpart zur Realität“ und stehe für den Wunsch einer Alternative zur Konkurrenz- und Ellenbogengesellschaft. Das Bedürfnis nach „Sicherheit, Harmonie und Idylle“, das im Alltag nicht gestillt werde, äußere sich in der Beliebtheit des Einhorns.

46956743 © dpa Vergrößern Schön schaurig: Ein Einhorn auf Rädern im April bei der „Houston Art Car Parade 2017“

Noch einen Schritt weiter geht der Soziologe und Trendforscher Sacha Szabo. Er deutet das Einhorn nicht nur als Flucht aus der Wirklichkeit, sondern als Protest; als Mittel einer gewissen Gruppe, sich politisch zu artikulieren. Einhorn-Anhänger setzten, so Szabo, ein Zeichen für Offenheit, Toleranz und Buntheit. Auch eine Solidarisierung der Trendträger mit der LGBT-Community – via Regenbogen – sei durchaus denkbar. Auf jeden Fall aber gelte: „So banal, wie das Einhorn zunächst daherkommt, ist es bei weitem nicht.“

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