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Hilfe für psychisch Kranke : Wie aus der Welt gefallen

  • -Aktualisiert am

Alle für den psychisch kranken Patienten – und jeder hilft auf seine Weise: Daniel Schöttle, Stefanie Böttger und Gyöngyvér Sielaff in der Hamburger Uniklinik (von links). Bild: Lucas Wahl

Menschen, die selbst mal psychisch krank waren, können akut Kranke in manchen Situationen besser unterstützen als Ärzte. Stefanie Böttger zumindest versucht es.

          Ihre beste Depression, erzählt Stefanie Böttger, dauerte drei Wochen. Dann hält sie kurz inne und muss lachen, sie weiß, wie absurd das klingt. Was soll schon gut sein an einer Depression? Doch in den vergangenen 20 Jahren hat die 51-Jährige mit dem blonden Kurzhaarschnitt Dinge erlebt, die eine dreiwöchige Depression für sie beinahe unbedeutend aussehen lassen. Dreimal musste sie sich auf der geschlossenen psychiatrischen Station eines Krankenhauses behandeln lassen, zuletzt vor knapp sieben Jahren.

          Bipolare Störung nennen Fachleute Böttgers Krankheit. Für ihren Alltag heißt das bis heute: Sie erlebt Wochen, in denen sie extrem gut drauf ist, kaum Schlaf braucht, Dutzende Projekte anstößt, kreativ und gesellig ist. Und es gibt Wochen, manchmal Monate, in denen sie zutiefst depressiv ist, sich antriebslos, leer und wertlos fühlt. „Wie aus der Welt gefallen“, beschreibt sie diesen Zustand selbst.

          Psychisch Kranke unterstützen und ihnen Mut machen

          Dass sie heute, an einem Februarmorgen, in einem kleinen, mit Büchern und Pflanzen vollgestopften Zimmer des Hamburger Universitätsklinikums sitzen kann und offen darüber spricht, dass sie manchmal Todesangst und Selbstmordgedanken hatte, hätte sie nie für möglich gehalten. Noch weniger hätte sie sich vorstellen können, dass sie selbst einmal in der Lage sein würde, psychisch Kranke zu unterstützen und ihnen Mut zu machen.

          Später am Tag wird Böttger auf der geschlossenen psychiatrischen Station der Hamburger Uniklinik erwartet. Nicht als Patientin, sondern als Mitarbeiterin. Vor gut sechs Jahren hat sie sich zur sogenannten Genesungsbegleiterin ausbilden lassen. Die Idee: Ein Mensch, der selbst an einer psychischen Krankheit leidet, aber so weit stabil ist, dass er sein Leben wieder besser im Griff hat, soll zum Gesprächspartner und Vorbild für akut psychisch Kranke werden. „Wer das Gefühl der völligen Hoffnungslosigkeit und den Weg daraus aus eigener Erfahrung kennt, ist für einen Patienten in manchen Situationen ein besserer Ansprechpartner als ein Facharzt“, sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Gyöngyvér Sielaff, die die Ausbildung der Genesungsbegleiter in Hamburg koordiniert.

          Die Idee zur Genesungsbegleitung stammt ursprünglich aus Großbritannien und Skandinavien. Seit den 90er Jahren arbeiten dort Menschen mit eigener Psychiatrieerfahrung mit akut Erkrankten zusammen. In Deutschland angekommen ist das Konzept vor gut zehn Jahren. In Hamburg hatte sich damals eine Gruppe von stabilen psychisch Kranken, Angehörigen und Fachleuten zusammengetan.

          Zwölf Module und zwei Praktika

          Unter ihnen war auch Gyöngyvér Sielaff. Gemeinsam überlegten alle, wie sich die Idee der Genesungsbegleiter auch in Deutschland umsetzen ließe, und entwickelten schließlich ein Curriculum für deren Ausbildung. Die dauert heute ein Jahr und gliedert sich in zwölf Module und zwei Praktika in psychiatrischen Einrichtungen. In insgesamt 300 Unterrichtsstunden eignen sich die Teilnehmer Wissen über verschiedene psychische Erkrankungen an, reflektieren ihre eigene Krankheitsgeschichte. In 32 Städten von Rostock bis Regensburg werden heute Genesungsbegleiter ausgebildet.

          Manche dürfen hier länger nicht raus oder nur in den abgezäunten Garten.
          Manche dürfen hier länger nicht raus oder nur in den abgezäunten Garten. : Bild: Lucas Wahl

          Die Standorte arbeiten unabhängig voneinander, gehören aber alle zum Dachverein EX-IN Deutschland. EX-IN steht für Experienced Involvement und bedeutet übersetzt so viel wie „Erfahrung durch eigenes Erleben“. Die Ausbildung zum Genesungsbegleiter muss dieser selbst bezahlen – mit über 2000 Euro kein billiges Vergnügen. Ein Aspekt, der in Online-Foren zum Thema Psychiatrie kritisiert wird. Denn wer lange psychisch krank war, war meist auch arbeitsunfähig und verfügt nicht unbedingt über große finanzielle Reserven. Da die Ausbildung bislang nicht staatlich anerkannt ist, zahlt die Agentur für Arbeit keine Zuschüsse. Viele Standorte bemühen sich in schwierigen Fällen um Unterstützung aus Spenden.

          Böttgers Stelle ist ein 450-Euro-Job

          In Hamburg ist Stefanie Böttger die erste Genesungsbegleiterin auf einer Akutstation. Sie arbeitet dort seit Anfang Januar. Zweimal pro Woche kommt sie für je drei Stunden ins Hamburger Universitätsklinikum. Ihre Stelle ist ein 450-Euro-Job. Mehr darf sie neben der Erwerbsminderungsrente, die sie aufgrund ihrer bipolaren Störung bekommt, nicht dazuverdienen. Die Akutstation liegt im hintersten Teil der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Eine Schleuse sichert den Zugang, denn viele Patienten sind mit einem sogenannten Beschluss hier: Ein Richter hat ihren Aufenthalt angeordnet, weil sie sich selbst oder andere gefährden könnten.

          Böttger drückt die Klingel neben der Milchglastür, eine Schwester öffnet. Böttger bleibt in der Schleuse stehen, bis die Milchglastür hinter ihr zugefallen ist. Erst dann öffnet sich automatisch die zweite Tür zum Stationsflur. Hier ist es laut, die Stimmung scheint gereizt. Mehrere Patienten stehen dicht vor der Tür. Eine Frau, die die Station nicht verlassen darf, hat gerade versucht, wegzulaufen. Jetzt hat sie sich auf den Boden geworfen, und zwei Pfleger versuchen, sie wieder auf die Beine zu stellen. Ein anderer Patient ist bei einem Spaziergang davongelaufen. Doch weil er sich selbst in die Klinik eingewiesen hat, darf er die Station jederzeit verlassen. Die Ärzte lassen nicht – wie es sonst oft passiert – von der Polizei nach ihm fahnden.

          Auch Böttger ist erst vor ein paar Wochen eine Patientin davon gelaufen. Sie war mit der Frau und einem weiteren Patienten spazieren. Als sie den Mann zum Geldautomaten begleitete, sah die Patientin sich in einem Geschäft um. „Und als ich sie fünf Minuten später abholen wollte, war sie weg.“ Böttger machte sich Vorwürfe, verständigte das Klinikpersonal. Die Polizei suchte nach der Frau und fand sie kurze Zeit später unversehrt wieder. „Viele, die weglaufen, kommen zum Glück auch von selbst wieder, weil sie merken, dass sie alleine mit ihrer Krankheit auch nicht klarkommen“, erzählt Böttger.

          Viele Menschen hier sind einsam

          Es fällt ihr nicht leicht, über Situationen zu sprechen, die sie als Genesungsbegleiterin mit Patienten erlebt hat. „Gerade wenn jemand komisch spricht oder sich seltsam bewegt, wird dieses Verhalten in der Öffentlichkeit sehr stigmatisiert, obwohl es in vielen Fällen auch auf die Medikamente zurückzuführen ist, die derjenige nimmt“, erklärt Böttger. Sie kennt diese Situation aus eigener Erfahrung. Als sie nach ihrem ersten Psychiatrieaufenthalt Mitte der 90er Jahre entlassen wurde, bewegte sie sich fast roboterartig. Grund dafür waren die Nebenwirkungen ihrer Psychopharmaka. Besser wurde ihre Situation erst, als sie die Möglichkeit hatte, andere Medikamente zu nehmen.

          Die geschlossene Psychiatrie der Hamburger Uniklinik
          Die geschlossene Psychiatrie der Hamburger Uniklinik : Bild: Lucas Wahl

          An ihren Nachmittagen auf der Akutstation wird Böttger häufig schon am Eingang von einigen Patienten abgepasst. Heute eilt ein hagerer Mann mit eingefallenem Gesicht hektisch auf sie zu. Obwohl es hier drinnen warm ist, trägt er Strickmütze und Winterjacke. Böttger kennt den Mann schon und verspricht, gleich zu ihm zu kommen. Die Station ist groß. 34 Patienten sind hier meist in Zwei-Bett-Zimmern untergebracht. Es gibt zwei eingezäunte Gärten, einen kargen Speisesaal mit Holztischen, einen Aufenthalts- und einen Ergotherapieraum. Die Wände sind in mattem Gelb gestrichen, der Fußboden mit Laminat ausgelegt.

          Viele Menschen hier sind einsam, haben wenig soziale Kontakte. Jemanden zum Reden, der wie Stefanie Böttger auch noch selbst weiß, wie es sich anfühlt, Patient auf der Akutstation zu sein, haben die meisten sonst nicht. Sie will für die Kranken auch ein Vorbild sein. „Wenn jemand denkt, dass es in seinem Leben nie wieder etwas Schönes geben wird, dann bin ich der glaubhafteste Beweis dafür, dass man auch die tiefste Krise überwinden kann“, sagt Böttger.

          Böttger schwieg und fraß alles in sich rein

          Warum Menschen psychisch krank werden, lässt sich nicht immer herausfinden. Böttger selbst kennt die Gründe für ihre Erkrankung hingegen genau. In den Monaten bevor sie zum ersten Mal in die Psychiatrie kam, starb zuerst ihre engste Bezugsperson, ihre Großmutter. Kurze Zeit später wurde bei Böttger Krebs diagnostiziert, und dann gestand ihr damaliger Mann ihr, dass er sie betrogen hatte. Es gab niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte. Böttger schwieg und fraß alles in sich rein. Damals war sie Anfang 30.

          Sie versuchte ihren Kummer mit Arbeit zu betäuben. Als Produktionsplanerin war sie in einem internationalen Konzern angestellt. Regelmäßig stieg sie morgens um sechs in den Flieger, kehrte spätabends zurück und stand am nächsten Morgen wieder früh im Büro. Sie dachte nicht daran, auch mal Pause zu machen – bis sie eines Tages zusammenbrach.

          Ihre anschließenden eigenen Erfahrungen in der Psychiatrie sind der Hauptgrund dafür, dass Böttger sich viele Jahre später für eine Ausbildung zur Genesungsbegleiterin entscheidet. Als traumatisierend hat sie die Zeit in einer Klinik in Schleswig-Holstein empfunden. Wie viele Patienten auf der Akutstation hat auch Böttger einen ihrer Klinikaufenthalte aufgrund eines richterlichen Beschlusses absolvieren müssen. Drei Wochen durfte sie die Station nicht verlassen, nicht ein einziges Mal konnte sie an die frische Luft. Sie hatte das Gefühl, im Gebäude ersticken zu müssen. Böttger verstand nicht, wieso sie in der Klinik bleiben musste, und hatte den Eindruck, ihr ganzes Selbstbewusstsein und all ihre Entscheidungskompetenz an der Tür abgegeben zu haben. Es gab niemanden, der sich Zeit für längere Gespräche mit ihr nahm.

          Vermittlerin zwischen Ärzten und Patienten

          Genau diese Zeit bringt sie heute als Genesungsbegleiterin mit. Im Unterschied zu den Ärzten und Pflegern muss Böttger ihre Arbeit nicht dokumentieren. Wenn ein Patient ihr etwas anvertraut, ist sie nicht verpflichtet, den Ärzten davon zu berichten. Manchmal wird sie von den Ärzten gebeten, sich beispielsweise um einen besonders einsamen Patienten zu kümmern.

          An Tagen wie heute lässt sie alles auf sich zukommen und wartet ab, wer mit ihr sprechen möchte. Auch wenn sie weiß, dass das ein sehr großes Ziel ist. Sie sieht sich als Vermittlerin zwischen Ärzten und Patienten. Bittet ein Patient sie darum, ist sie häufig bei Gesprächen mit Richtern oder Medizinern dabei.

          Daniel Schöttle ist Oberarzt auf der psychiatrischen Akutstation der Hamburger Uniklinik und Befürworter der Genesungsbegleitung. Er kann kaum ein paar Schritte über den Flur laufen, ohne dass ein Patient ihn anspricht oder sein Handy klingelt. Er weiß, dass nicht alle Kollegen seine Haltung teilen: „Manche fürchten, dass die Genesungsbegleiter selbst wieder krank werden – gerade weil sie intensiven Kontakt mit akut Erkrankten haben.“

          In ihrem zweiten Leben angekommen

          Stefanie Böttger sieht diese Gefahr für sich momentan nicht. In der Ausbildung zur Genesungsbegleiterin hat sie auch gelernt, sich vom Schicksal anderer abzugrenzen. Trotzdem hat sie lange darüber nachgedacht, ob sie in der Lage ist, auch auf einer Akutstation zu arbeiten. Davor war sie in einem anderen Hamburger Krankenhaus auf einer offenen Station im Einsatz.

          Mit ihrer Arbeit, sagt Böttger, sei sie in ihrem zweiten Leben angekommen. Nach den ersten Phasen ihrer psychischen Erkrankung hatte sie versucht, wieder in einem Bürojob Fuß zu fassen, doch die 40-Stunden-Woche brachte sie schnell an ihre Belastungsgrenze. Neben den zwei Nachmittagen auf der Akutstation leitet sie seit vielen Jahren eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit einer bipolaren Störung. Seit dem vergangenen Jahr ist sie außerdem mit ihrem zweiten Mann verheiratet.

          In den nächsten Monaten will Böttger sich vielleicht noch um ein Forschungsprojekt an der Uniklinik kümmern. Auch wenn sie um die Gefahr weiß, dass mit jedem Projekt, das sie sich zusätzlich auflädt, das Risiko wächst, dass sie wieder unter der Last zusammenbricht. Doch momentan, ist sie überzeugt, hat sie ihr Leben gut im Griff. „Für Depressionen“, sagt Böttger, „ist jetzt einfach mal keine Zeit.“ Dann muss sie los. Ihr Patient, der Mann mit Wollmütze, wartet.

          Quelle: F.A.S.

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