In dunklen Turnschuhen federt Denzel Washington in das Zimmer im Berliner Adlon Hotel. Ein kräftiger Händedruck, dann läuft er weiter zum Fenster. Draußen „Unter den Linden“ liegt Schnee. „Wow“, ruft Washington, mit beiden Händen lehnt er sich gegen die Scheibe. „Was für eine Aussicht. Das ist wie Amerika: Starbucks, Häagen Dasz, Dunkin Donuts.“ Ein breites Grinsen, dann plumpst Washington in seinen Sessel. Er lehnt sich zurück, das T-Shirt spannt über seinem Bauch. Washington wirkt viel gemütlicher als in seinen action-geladenen Filmen. Er ist redselig, lacht viel. Ein angenehmes Gespräch. Erst beim Abtippen des Interviews fällt auf, wie bissig manche seiner Antworten eigentlich sind.
Herr Washington, zum 84. Mal werden nun in Hollywood die Oscars verliehen. Wie jedes Jahr wird es eine glamouröse Feier geben, übertragen in alle Welt. Sie selbst haben schon zwei Oscars. Wie fühlt sich so eine Verleihung als Beteiligter an?
Vor allem wenn man als bester Schauspieler nominiert ist: lang. Diese Anspannung, da wird einem übel. Ich bin zwischendrin rausgegangen in die Lobby und herumgelaufen, das hält man einfach nicht aus. Nach dem besten Schauspieler sind, glaube ich, nur noch der beste Regisseur und der beste Film dran. Man muss also drei, vier Stunden warten. Und man weiß nicht, ob man gewinnt.
Den Oscar als bester Schauspieler haben Sie vor zehn Jahren für „Training Day“ gewonnen. Was hat das rückblickend für Sie bedeutet?
Ich glaube, dass es vor allem historisch bedeutend war. Am Tag nach der Verleihung bin ich ins Fitnessstudio gegangen, und einer der Jungs da, ein Afroamerikaner, sagte: „Wow, was machst du hier?“ – „Ich trainiere.“– „Mann, du hast gestern den Oscar gewonnen!“ – „Ja, weißt du, das ist schön.“ – „Nein, Denzel, wenn du gewinnst, dann gewinnen wir alle. Wir alle wissen jetzt, dass wir auch eine Chance haben. Das gibt uns Hoffnung.“ Und ich sagte nur: „Wow!“ Ich hatte ja immer nur an mich selbst gedacht, aber letztlich war viel wichtiger, was es für andere, für viele Afroamerikaner, bedeutete.
Hat sich Ihre Karriere, hat sich Ihr Leben durch den Oscar verändert?
Mein Agent hat mehr Geld für mich rausgeschlagen. Aber sonst nicht wirklich.
Und wo sind Ihre beiden Oscar-Statuen jetzt?
Nebeneinander. Wir haben eine Art Bibliothek, wo wir nicht nur meine Statuen, sondern alle Auszeichnungen aufbewahren, die die Familie gewonnen hat, auch die Abschlusszeugnisse der Kinder. Es ist ein Raum, um die Siege aller zu feiern.
Sind Sie noch immer stolz?
Ab und zu schaue ich nach, ob die Statuen noch da sind. Und manchmal, wenn Besuch zu uns rüberkommt, zum Beispiel Schauspieler, dann wollen sie sie sehen.
Auf welchen Film würden Sie denn diesmal bei der Oscar-Verleihung wetten?
Ich werde nicht verraten, für welchen Film ich gestimmt habe. Aber es sieht danach aus, als ob das Rennen zwischen „The Artist“ und „The Help“ entschieden würde. Doch man weiß nie, es könnte auch eine Überraschung geben. Wie heißt der andere noch? „The Descendants“. Oh, und insgesamt sind es ja neun.
Nominiert sind noch: „Extrem laut und unglaublich nah“, „Hugo Cabret“, „Midnight in Paris“, „Moneyball“, „The Tree of Life“ und „Gefährten“.
Ich weiß auch nicht. Was meinen Sie, wer gewinnen wird?
Ich habe nicht alle Filme gesehen, aber „The Artist“ wird ja als großer Favorit gehandelt.
Ja, der scheint der Spitzenreiter zu sein, alle lieben ihn, und . . . nein, ich sollte das nicht sagen, ich muss politisch korrekt bleiben. Ich habe auch Freunde in anderen Filmen, denen ich den Sieg gönnen würde.
Haben Sie bei den Schauspielern Favoriten?
Habe ich, aber ich wills nicht sagen. Oder machen wirs so: Meine Favoriten sind zwei, die ich kenne, mit denen ich zusammengearbeitet habe: Meryl Streep und Viola Davis.
Seit „Training Day“ haben Sie in vielen Action-Thrillern mitgespielt. Auch „Safe House“, Ihr neuer Film, ist einer. Ist das Ihr Lieblingsgenre?
Nein, das ist einfach so gekommen. Und ich mache ja auch noch viele andere Dinge. Ich habe in den vergangenen Jahren als Regisseur gearbeitet, war zweimal am Broadway, und ich produziere Filme. Mein nächster Film wird ganz anders sein, er heißt „Flight“. Ich habe ihn zusammen mit Rob Zemeckis gemacht. Er handelt von einem Piloten, einem Alkoholiker. Es ist ein Drama.
Sie sind jetzt 57. Haben Sie genug von all den Schlägereien, Verfolgungsjagden und Explosionen?
Gibt es in „Safe House“ viele Explosionen?
Sogar eine ganz gewaltige, kurz vor dem Ende.
In der Szene bin ich aber nicht dabei. Und überhaupt geht es mir ja um die Rolle, die ich spiele. Für mich ist das auch keine Action-Rolle. Es sind die äußeren Umstände, die Action verlangen. Daniel Espinosa, der Regisseur, sagt, Menschen kämpfen nicht einfach so, sie kämpfen ums Überleben. Wenn zwei Menschen versuchen, sich gegenseitig umzubringen wie in der Szene mit Ryan Reynolds und dem anderen Kerl, dann ist das brutal, böse, gewalttätig. Das ist wie im Leben. Da steckt viel Realität drin. Es sind keine Action-Szenen, es sind Überlebensszenen.
Macht es Ihnen Spaß, diese Überlebenskämpfe und Verfolgungsjagden zu drehen?
In „Safe House“ habe ich gar keine Verfolgungsjagden gemacht. Ich bin kein einziges Auto gefahren.
Aber Sie saßen bei Verfolgungsjagden mit im Auto.
Ich war im Kofferraum.
Und sie saßen auf der Rückbank und auf dem Beifahrersitz.
Yeah. Saß ich. Und es sind wieder reale Umstände, die hinter den Szenen stecken. Männer versuchen, uns zu töten, und wir versuchen zu fliehen. Also muss man schnell fahren.
Es heißt, Sie haben sich bei einer dieser Szenen verletzt.
Oh ja, es gab einen Unfall. Ryan hat mir mit seinem Kopf ein blaues Auge verpasst.
Hat es weh getan?
Nein. Ich musste nicht weinen.
Tobin Frost, den Sie in „Safe House“ spielen, ist ein ehemaliger CIA-Agent, ein Verräter, ein durch und durch zynischer Mensch. Macht das Alter zynisch?
Tobin Frost ist ein Soziopath. Ich denke, er hasst alles und jeden. Er hat keine Gefühle und kein Gewissen. Hitler war ein Soziopath. Und ich glaube, man kann nicht sagen, er war zynisch. Das würde ja suggerieren, er hätte Gefühle. Tobin Frost will andere zerstören, um Macht zu bekommen. Das ist nicht Zynismus, das ist psychopathisch.
Sie sind bekannt für Ihre gute Vorbereitung. Wie haben Sie sich also darauf vorbereitet, der psychopathische Tobin Frost zu sein?
Ich habe viele Bücher über Soziopathen gelesen. Und wir haben lange an dem Drehbuch gearbeitet, fünf oder sechs Monate lang. Wir haben viele Tage in einem Raum verbracht, dagesessen und geredet. So habe ich auch immer mehr über meine Rolle herausgefunden.
Hat es Ihnen Spaß gemacht, Tobin Frost zu sein?
Ich sage nicht: Es macht mir Spaß, oder es macht mir keinen Spaß. Wenn man sich entscheidet, eine Rolle zu spielen, wenn ich mich für diese Person entschieden habe, dann muss ich sie auch mögen. Außer es geht um einen Menschen, der sich selbst hasst.
Nicht nur der Verräter Tobin Frost, auch die CIA-Agenten in „Safe House“ sind sehr brutal. Sie versuchen, durch Waterboarding an Informationen zu kommen. Geht es Ihnen mit dem Film auch darum, solche Folterpraktiken anzuprangern?
Vielleicht wollte Daniel Espinosa ein solches Statement machen. Ich spiele eine Rolle. Ich bin der Kerl, der dasitzt und gefoltert werden soll. Ich mache mir darüber Gedanken, wie ich die anderen in dieser Situation manipulieren könnte. Nach dem Waterboarding sage ich: „Ihr wart nicht gut genug. Machts noch mal.“ Darüber denke ich nach. Und nicht: Oh, das ist eine Szene, in der es um das Übel des Waterboardings geht. Ich weiß nicht, ob ich je einen Film aus politischen Gründen gemacht habe. Es geht um Unterhaltung.
Und was halten Sie persönlich davon – glauben Sie, dass es Situationen gibt, in der solche Gewalt angemessen sein kann, um politische Ziele zu erreichen?
Politische Ziele werden durch Gewalt erreicht. Das heißt Krieg. Es gibt keinen sicheren Krieg, keinen gewaltlosen Krieg. Niemand weiß das besser als die Deutschen.
Finden Sie Folter angemessen?
Wenn Sie einem Kerl gegenübersitzen, der Ihre Mutter umgebracht hat. Sie wissen das, aber er will nicht gestehen. Und jemand sagt: Wenn wir ihn waterboarden, wird er reden. Würden Sie das Waterboarding zulassen?
Ich hoffe, dass ich nie in so einer Situation sein werde.
Sie hoffen. Aber es gibt Leute, die sind in dieser Situation. Würden Sie?
Ich denke nicht.
Come on, das ist eine Frage, die beantwortet werden muss. Sagen Sies mir: Ja oder nein?
Jetzt sage ich auf jeden Fall: nein. Aber man weiß doch nicht sicher, wie man in so einer Situation reagieren würde.
Oh, Sie wissen es nicht! Es gibt aber Leute, die müssen diese Entscheidungen treffen. Es ist leicht, sich zurückzulehnen, wenn man diese Entscheidungen nicht selbst machen muss, und sagen kann: „Oh, das ist schrecklich!“ Jemand muss die Drecksarbeit machen. Jemand musste in dieses Haus in Pakistan marschieren, Bin Ladin ins Gesicht schießen und seinen Kopf wegblasen. Könnte ich das machen? Nein, ich glaube nicht. Aber diese Jungs sind dafür ausgebildet, sie dürfen nicht zögern, sie müssen eine Entscheidung treffen. Und ich denke, ich hoffe, dass sie es aus den richtigen Gründen machen. Wir Zivilisten können das einfach kritisieren. Und gleichzeitig wollen wir uns sicher fühlen. Wir sagen: „Ich will sicher sein, aber den Gefangenen bitte nur freundlich fragen.“ – „Dürfen wir ihn schlagen?“ – „Ok, schlagt ihn.“ – „Wir haben ihn drei Tage lang geschlagen. Er hat nichts gesagt. Was sollen wir machen? Ihn vielleicht würgen?“ Das ist eine harte Frage.
Vor kurzem gab es in den Vereinigten Staaten eine Umfrage, der zufolge Sie der beliebteste Schauspieler unter Demokraten sind. Johnny Depp liegt bei den Republikanern auf Platz eins. Können Sie sich das erklären?
Wer kommt denn auf so was? Und Johnny Depp, ist der ein Republikaner? Ich weiß nicht, keine Ahnung.
Sind Sie ein politischer Mensch?
Ich wähle. Und ich verfolge, was passiert. Ich versuche, eine fundierte Entscheidung zu treffen.
Barack Obama, den Sie vor fünf Jahren im Wahlkampf unterstützten, wurde damals wie ein Messias gefeiert. Nun scheinen viele von ihm enttäuscht zu sein. Sie auch?
Ich würde niemanden einen Messias nennen, außer den Messias selbst. Barack Obama ist nicht der Messias, und auch kein anderes menschliches Wesen ist es. Der Messias ist der Messias.
Sind Sie sehr religiös?
Ich bin spirituell. Ich mag das Wort religiös nicht.
Was ist der Unterschied?
Religion bedeutet: Ich habe eine Religion, du hast eine Religion, meine Religion ist die richtige. Mein Gott ist gut, deiner ist es nicht. Das passiert, wenn sich die Menschen der Spiritualität bemächtigen. Ich glaube nicht, dass es einen Gott der Juden gibt, einen Gott der Christen und so weiter. Ich glaube, es gibt einen Gott.
Wie beeinflusst dieser Glaube Ihr Leben?
Man wird demütig. Er gibt einem etwas Positives, worüber man jeden Tag meditieren kann. Er erinnert mich, dass ich nicht perfekt bin und dass mir trotzdem vergeben werden kann. Er gibt mir etwas, woran ich arbeiten kann. Aber vor allem geht es um Demut.
Denzel Washington, geboren 1954 in Mount Vernon (New York), studierte Journalismus und Drama in New York. Von dort wechselte er ans Theaterkonservatorium in San Francisco. Er spielte sechs Jahre lang in der Krankenhausserie „St. Elsewhere“. International bekannt machte ihn die Figur des südafrikanischen Freiheitskämpfers Stephen Biko in „Schrei nach Freiheit“. Den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt Washington 1990 mit dem Historiendrama „Glory“. Für seine Rolle als korrupter Polizist in „Training Day“ wurde er 2002 als bester Schauspieler ausgezeichnet. Es folgten Filme wie „Der Manchurian Kandidat“, „Mann unter Feuer“ und „American Gangster“. Derzeit läuft „Safe House“, ein action-geladener Agentenfilm, in den Kinos. Mit seiner Frau, der Sängerin Paulette Pearson, lebt Washington in Beverly Hills. Die beiden haben vier Kinder.
Apropos "Drecksarbeit"
Markus Teuber (arathorn)
- 27.02.2012, 13:19 Uhr
Wozu Folter in Deutschland? Steht ein Richter vor Gericht?
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- 26.02.2012, 16:50 Uhr
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Gutes Interview - interessante Hintergründe
Andreas Müller (Skelzor)
- 26.02.2012, 15:36 Uhr