16.01.2006 · Die Überalterung der Gesellschaft fordert den Strafvollzug heraus: Die Zahl der Häftlinge über 60 Jahre wächst. Schlaganfall, Herzinfarkt und Tod im Gefängnis könnten in Zukunft zum Alltag in den Anstalten gehören.
Von Julia SchaafJoachim B. hat das Zeug zu dem, was man gemeinhin einen rüstigen Rentner nennt. Dicht an dicht hängen an der Wand neben seinem Bett berühmte Gemälde, die er kleinformatig nachgemalt hat. Im Regal stehen juristische Nachschlagewerke, außerdem ist da Piwi, der Nymphensittich, dem B. das Sprechen beibringt.
„Wenn Sie ehrlich mit sich sind, daß Sie in Ihrem Leben versagt haben, dann müssen Sie doch was ändern.“ Der freundliche Zweiundsechzigjährige redet so schnell und eindringlich, als habe er keine Zeit zu verlieren. Insgesamt liegen fast 25 Jahre Gefängnis wegen schweren Raubes hinter ihm. Jetzt ist er in der Sicherungsverwahrung der nordrhein-westfälischen Justizvollzugsanstalt Werl untergebracht. Die Aussichten? Nun ja.
Schlaganfall hinter Gittern
An diesem Donnerstag, an dem Joachim B. seine erste Therapiestunde absolvieren wird, um seine Entlassungschancen zu verbessern, steht ein klappriges Kerlchen mit grauen Bartstoppeln am Kinn in seiner Zelle in Werl und spricht von dem Elend, mit 72 Jahren im Knast zu sitzen. „Es ist ein himmelweiter Unterschied“, sagt Wilhelm H., sich an frühere Haftstrafen erinnernd, als er noch täglich Tennis spielte.
Jetzt hat er einen Schlaganfall und einen Herzinfarkt gehabt, er ist zuckerkrank und sein Blutdruck viel zu hoch; „da ist jede Stunde hier grauenhaft“. Morgens, beim Aufstehen, wird H. schwindelig, abends, zum Einschlafen, braucht er eine Tablette. Außerdem quält ihn die Ungewißheit. Wieviel Zeit wird ihm bleiben, wenn er wieder draußen ist? Wie lange wird er dann noch leben?
Immer mehr Insassen über 60
Der demographische Wandel hat die Gefängnisse erreicht. Obwohl kernige junge Männer viel öfter straffällig werden als Tattergreise mit Rentenanspruch, wirkt sich der steigende Altersdurchschnitt der Gesellschaft aus: Hinter den stacheldrahtbewehrten Mauern der Haftanstalten verschieben sich die Verhältnisse, die Zahl der Senioren wächst. Wenn die Statistik für März 2003 insgesamt 1516 Gefangene ausweist, die die Sechzig überschritten hatten, sind das fast dreimal so viele wie 1994.
Der Anteil der Altersgruppe „Sechzig Plus“ hat sich in einer Dekade von 1,3 auf 2,4 Prozent erhöht. Und bei den Sicherungsverwahrten von Werl klettert jedes Jahr kommastellenweise das Durchschnittsalter nach oben - und damit die Zahl jener, die ihren Lebensabend im Knast verbringen werden. „Am Schluß“, sagt der Psychologe Werner Greve, „muß man sich die Frage der Sterbebegleitung stellen.“
Resozialisierung
Die Krise ist noch nicht da, aber sie kündigt sich an. „Wir könnten ein einziges Mal vorher darüber nachgedacht haben“, sagt Greve hoffnungsvoll, Professor an der Universität Hildesheim. Folgerichtig hat der Entwicklungspsychologe im vergangenen Herbst eine Fachtagung zu den Herausforderungen organisiert, die sich aus der Überalterung der Gesellschaft für den Strafvollzug ergeben werden.
Denn was bedeutet eigentlich „Resozialisierung“, Zauberwort des Vollzugsauftrags, wenn die klassischen Instrumente Ausbildung und Beruf keine Rolle mehr spielen, weil jemand längst im Rentenalter ist? Was ist mit Sträflingen, die hinter Gittern alt geworden sind?
Ein Gefängnis nur für Ältere
Katharina Bennefeld-Kersten berichtet von einem Mann, der Suizid begehen wollte, als er im Alter von siebzig Jahren die Sicherungsverwahrung antreten sollte. „Es fiel ihm schwer, noch einen Sinn in seinem Leben zu finden“, sagt die langjährige Gefängnisdirektorin und ergänzt nach einer Pause: „Und mir fiel es schwer, ihm einen zu vermitteln.“
Erste einschlägige Erfahrungen zum Thema stammen aus einem Gefängnis in einem Singener Wohngebiet, das auch eine Schule oder ein Altenheim beherbergen könnte, wenn da nicht die Gitter an den Fenstern wären. Hier, in einer Außenstelle des Justizvollzugsanstalt Konstanz, sind schon seit 1970 ausschließlich ältere Häftlinge untergebracht.
Kochkurse und Kraftsport
Nachdem das Eintrittsalter aus Mangel an geeigneten Kandidaten vorübergehend auf fünfzig Jahre gesenkt wurde, liegt es derzeit bei 62. Die Hälfte der Insassen sind Sexualstraftäter, der Rest sitzt wegen Gewalt- und Vermögensdelinquenz. Innerhalb des Hauses stehen alle Türen offen, ein kleiner Plausch im Hof über Prostatabeschwerden ist jederzeit gestattet. Das setzt voraus, daß die Häftlinge gemeinschaftsfähig sind. Aber mit wachsender Gebrechlichkeit läßt bekanntlich auch die Gefährlichkeit nach.
Anstelle von Anti-Gewalt-Trainings werden in Singen Kochkurse angeboten, damit die Männer sich nach der Entlassung wenigstens ein Spiegelei braten können. Und wenn die Inhaftierten anderswo von überschüssiger Energie getrieben in die Kraftsporträume drängen, werden sie hier animiert, sich trotz Übergewicht doch wenigstens zum Lauftreff aufzuraffen.
Angepaßt und kooperativ
„Man muß sich mehr Zeit und Geduld nehmen“, resümiert Anstaltsleiter Peter Rennhak die Erfahrungen der in Deutschland einmaligen Einrichtung. Die Insassen schätzen angeblich die größere Ruhe. Ob aber altersspezifische Einrichtungen die angemessene Antwort auf die Gefängnisdemographie der Zukunft sind, ist noch umstritten.
Niedersachsen hat vage Pläne für einen Seniorenknast nach einer Umfrage bei Anstaltsleitern wieder auf Eis gelegt. Abgesehen von der Tatsache, daß die Fallzahlen noch zu klein sind, gelten ältere Menschen im Gefängnis als bequeme Gruppe: angepaßt und kooperativ.
„Besser wie Harzt IV“
Ferdinand A. sagt sogar: „Ich muß mit jungen Leuten zusammensein.“ Eine Schippe, zwei Besen, ein alter Mann und ein akkurat gepflegter Hof in Werl: Für einen Moment unterbricht A. die Arbeit, um über seine Altersgenossen zu schimpfen: „Irgendwas tut einem jeden Tag weh. Das muß man überspielen.“
A. ist mit knapp 73 Jahren der älteste Insasse der Anstalt, ein Großvatertyp mit faltigem Gesicht und fröhlichen Augen, der im Vollrausch einen Saufkumpan erschlagen hat. Eine Aussetzung seiner Reststrafe zur Bewährung hat er abgelehnt. Werl sei zwar kein Hotelbetrieb, sagt A., aber die Männerwohnheime draußen seien garantiert schlechter: „Im Knast ist doch besser wie Hartz IV.“
Kuchen und Softpornos
Man kann sich einrichten im Gefängnis, und wenn hinter Gittern Jahrzehnte verstreichen, ohne daß es einen Entlassungstermin gibt, schlägt die Haltung manchmal um. Dann trägt nicht mehr die Hoffnung auf Freiheit durch die Monotonie des Knastalltags, wie der Werler Anstaltsleiter Michael Skirl beobachtet hat.
Gerade die Sicherheitsverwahrten zögen sich zunehmend auf den Kosmos innerhalb der Mauern zurück. Vollzugslockerungen? Ausflüge nach draußen? Therapien, um die eigene Gefährlichkeitsprognose günstig zu beeinflussen? Die Resignierten winken ab. Sie wollen einfach ihre Ruhe haben, ein wenig arbeiten, gelegentlich einen Kuchen backen und abends auf dem Flachbildschirm in ihrer zur Puppenstube ausstaffierten Einzelzelle einen Softporno gucken.
Das Leben noch Leben nennen
Die Anstalt sieht sich einem völlig neuen Auftrag gegenüber. „Wie kann das Leben hier drinnen eine Qualität kriegen, daß man es noch Leben nennen kann?“ fragt der evangelische Gefängnispfarrer Rolf Stieber. Skirl überlegt, den Sicherheitsverwahrten eigene Schrebergärten zur Verfügung zu stellen oder die Kleintierzucht zu erlauben.
Und dann passiert es plötzlich, daß jemand im Gefängnis stirbt. Die Rechtsprechung schließt solche Fälle eigentlich aus, wenigstens im Angesicht des Todes soll theoretisch eine Verlegung in Freiheit, eine Begnadigung möglich sein. Aber unter anderem wegen der besseren medizinischen Versorgung in Gefängniskrankenhäusern und -pflegestationen verschiebt sich dieser Zeitpunkt immer weiter nach hinten - bis es womöglich zu spät ist.
Lebensende in Unfreiheit
Vergangenen Mai ist in Werl ein Sicherungsverwahrter an Lungenkrebs gestorben. Monatelang hatte er seinen Kollegen ihren ganz persönlichen Albtraum vor Augen geführt: ein Leben, das in Unfreiheit zu Ende geht. Dabei hatte der Kranke diesen Weg zunächst bewußt gewählt.
Wenn es nach jahrelanger Haft nirgendwo mehr Angehörige gibt, wird womöglich die Anstalt zu dem Platz, um im Kreise einer Art Familie zu sterben, quasi daheim, wie sich das jeder wünscht. Paradoxerweise, sagt Skirl, verwandele sich das Gefängnis als System totaler Fremdbestimmung in diesem Moment in einen Ort der Selbstbestimmung.
Trauerfeier in der Anstaltskirche
„Wir wollen, daß das kippt“, sagt Skirl, mit allen Konsequenzen: Für den Lungenkrebskranken fand erstmalig eine Trauerfeier in der Anstaltskirche statt. Die bewegten Insassen sammelten Spenden, um ihrem Kumpel ein ordentliches Grab zu finanzieren.
Hobbymaler Joachim B. schüttelt sich bei dem bloßen Gedanken an den Tod. „Da darf ich mich gar nicht mit beschäftigen“, sagt er und redet eilig weiter davon, daß er seinem Leben eine neue Richtung geben will. Mitunter ist das Alter eine Chance: B. hat sein störrisches Rebellentum von einst hinter sich gelassen, sein Geld steckt er nicht mehr in Markenschuhe und teure Baßboxen, er spart für die Zukunft. „Ich möchte da nicht wohnen“, sagt er über seine gemäldegeschmückte Zelle. „Ich fühl' mich da nicht zu Hause. Und ich möchte da nicht sterben.“
Wunsch nach Modellversuchen
Die Gefängnisse werden sich trotzdem ändern müssen. Wissenschaftler Greve regt eine länderübergreifende Arbeitsgruppe an, um Modellversuche vorzubereiten. Praktikerin Bennefeld-Kersten empfiehlt Seniorenbeiräte hinter Gittern. Und Anstaltsleiter Skirl verspricht schulterzuckend, sich beizeiten ein geriatrisches Lehrbuch anzuschaffen - „wenn das gewollt ist von der Gesellschaft“. Denn die demographische Entwicklung hat auch politische Ursachen.
Fachleute sind sich einig, daß de facto härtere und längere Strafen, der Ausbau der Sicherungsverwahrung und die stetig wachsenden Hürden auf dem Weg zur Entlassung zwar dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung Rechnung tragen mögen, angesichts der realen Kriminalitätsentwicklung aber völlig übertrieben sind. Auch der steigende Altersdurchschnitt im Knast ist letztlich Teil der ewigen alten Frage, wieviel Risiko eine Gesellschaft zu tolerieren bereit ist. Skirl sagt: „Wenn es gelänge, die künftige Kriminalpolitik wieder auf eine rationale Grundlage zu stellen, dann wäre viel gewonnen.“
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge