Home
http://www.faz.net/-gun-73f7h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

David Blaine Gut behütet mit einer Million Volt

 ·  Der Ausdauerkünstler David Blaine setzt bei seinem neuen Stunt „Electrified“ in New York auf Show statt auf Risiko.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (2)
© AFP Drei Tage will Blaine es in sechs Meter Höhe auf einer Säule von Stromblitzen umgeben aushalten.

David Blaine sieht aus wie eine Mischung aus mittelalterlichem Ritter und Alien aus der Zukunft. Eine Kettenrüstung am ganzen Körper, ein eiförmiges Metallgitter um seinen Kopf, vor seinen Augen ein orangefarbenes Visier. Mit einer Stunde Verspätung erscheint der Ausdauerkünstler am Freitagabend für seinen neuesten Stunt „Electrified“ am New Yorker Hudson River. Er bahnt sich den Weg durch die Menge hin zur Bühne, begleitet von Kameras und David, David-Rufen. „Danke für eure Unterstützung und eure Geduld“, sagt er noch kurz. Dann steigt er auf die sechs Meter hohe Plattform, wo er die nächsten drei Tage verbringen will. Ohne Essen, Schlaf und Pinkelpausen, dafür in ständiger Gesellschaft von einer Million Volt.

David Blaine hat es mit öffentlichkeitswirksamen Spektakeln zu Berühmtheit gebracht, bei denen er die Grenzen der Belastbarkeit seines Körpers ausreizt. Er hat sich eine Woche lang in einem Sarg eingraben lassen, verbrachte sieben Tage in einer Wasserkugel und machte einen 44 Tage währenden Fastenmarathon in einem Plexiglaskasten, der nahe der Londoner Tower Bridge von einem Kran hing.

Er versteht sich nicht nur auf tollkühne Stunts, sondern ist auch ein Selbstvermarktungskünstler, der mit Superlativen um sich wirft. „Electrified“ sei „eine der verrücktesten Sachen, die ich mir je ausgedacht habe“, kündigte er Journalisten ein paar Tage vor der Aktion an. „Ich weiß selbst nicht, wie ich das jemals noch toppen kann.“

Der Titel des Stunts ist - wohl nicht ganz ohne Absicht - leicht misszuverstehen. David Blaine lässt sich nicht etwa selbst unter Strom setzen, sondern nur davon umgeben. Seine mehr als 12 Kilogramm schwere Metallrüstung schützt ihn, sie hat den Effekt des Faradayschen Käfigs, ähnlich wie ein Auto die Insassen gegen einen Blitzschlag abschirmt. Das Risiko der Aktion besteht deshalb nicht so sehr darin, dass Blaine einen tödlichen Stromschlag bekommen könnte, sondern in Nebeneffekten: Die durch Elektrizität ionisierende Luft lässt gefährliches Ozon und Stickstoffdioxid entstehen, die grellen Blitze könnten Blaines Augen schaden, der Lärm seinem Gehör.

Eine extreme Ausdauerübung

Für all das ist Blaine aber bestens ausgestattet: Ein spezielles Ventilationssystem vertreibt Gase, das Visier schont seine Augen, und er hat einen Ohrenschutz. Lebensgefährlich würde es, wenn Blaine sich mit der Hand im Gesicht kratzen würde, sagt sein für die medizinische Betreuung zuständiger Arzt Stuart Weiss. Genau das soll aber das Gitter um seinen Kopf verhindern. Sonst ist „Electrified“ im Kern eine extreme Ausdauerübung mit Elementen, die man schon von früheren Stunts kennt: Blaine verbringt längere Zeit auf engstem Raum und gönnt sich weder Schlaf noch feste Nahrung. Er nimmt nur über einen Schlauch Flüssigkeit zu sich, und er hat einen zweiten Schlauch, um sich zu erleichtern. Bestimmt werde er unter diesen Umständen irgendwann anfangen zu halluzinieren, sagte er vorher.

Risiko hin oder her: Auf jeden Fall liefert Blaine den zum Start der Show gekommenen 400 Zuschauern Stoff für ein paar gute Bilder. Als es losgeht, schießen Blitze von sieben gewaltigen Teslaspulen, die an Discokugeln erinnern, in Richtung von Blaines Metallanzug. Blaine ist von einem wahren Regen an Blitzen umgeben. Das Ganze wird mit einem dramatischen Soundtrack untermalt, wie etwa einer elektronisch verzerrten Version von Bachs Toccata und Fuge. Blaine selbst steigert die Theatralik, indem er mit den Händen herumfuchtelt wie ein Dirigent.

Anders als bei früheren Stunts bindet David Blaine diesmal auch das Publikum direkt ein, eine geschickt verpackte Werbekampagne für den amerikanischen Technologiekonzern Intel. Die Zuschauer können das Geschehen um Blaine herum auf einem vor der Bühne stehenden „Ultrabook“ mitbestimmen, einer Kategorie von Laptops, die sich Intel ausgedacht hat. Per Tastendruck kann zum Beispiel manipuliert werden, welche der Metallkugeln gerade Spannung erzeugt oder welche Musik gespielt wird. Schaden zufügen können die Zuschauer Blaine damit freilich nicht, wie Intel-Managerin Melissa Beers versichert, nur die Show um ihn herum werde beeinflusst.

Zumindest in der Dunkelheit bietet das alles einen visuellen Reiz, und die meisten Zuschauer halten ihre Handys zum Fotografieren hoch. Allzu lange hält Blaine das Publikum aber nicht in seinem Bann. Schon nach ein paar Minuten gehen die ersten. Richard und Victoria Apodaca, zwei Touristen aus dem kalifornischen Huntington Beach, bleiben eine Viertelstunde. Die beiden haben 2006 den Wasser-Stunt von David Blaine gesehen, der sie mehr begeistert hat. „Das hier wird einfach ziemlich schnell langweilig“, sagt Richard über „Electrified“. Vielleicht sollte Blaine wieder zu seinen Wurzeln als Straßenzauberer zurückkehren, meint er. Am Samstagmorgen ist der Platz vor der Bühne nur noch spärlich besucht.

Waghalsige Aktionen

Allen volltönenden Ankündigungen zum Trotz hat der 39 Jahre alte Blaine selbst durchblicken lassen, dass er schon waghalsigere Sachen gemacht hat. Blaine hat eine 20 Monate alte Tochter, und seit deren Geburt sei er etwas vorsichtiger geworden, sagt er. Offenbar hat er auch nicht vor, am Ende der „Electrified“-Aktion an diesem Montagabend erst einmal ins Krankenhaus gebracht zu werden wie bei einigen seiner vergangenen Stunts. „Ich wohne fünf Minuten weg von hier. Wenn es vorbei ist, werde ich hoffentlich einfach zu Fuß nach Hause gehen.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

Jüngste Beiträge