Der Platz vor dem Kulturzentrum Gâité Lyrique hat sich dunkel eingefärbt: Der „schwarze Schwarm“ ist wieder da. So nennen die Elektro-Rocker von Depeche Mode ihre Hardcore-Fans, die an diesem Pariser Herbsttag unter anderem vom Fanclub aus Chemnitz repräsentiert werden. Einer hat sich den Anlass gar aufs T-Shirt gedruckt: „Pressekonferenz 23.Oktober 2012 Paris“. Bei einer Supergroup wie Depeche Mode gerät schließlich jede kleine Regung zur Sensation, erst recht also diese internationale Pressekonferenz, auf der die Band die Termine ihrer Stadion-Tour 2013 bekanntgibt. Vor vier Jahren hatte man dafür das Berliner Olympiastadion ausgewählt, diesmal ist der Rahmen nachgerade intim. Sieht man davon ab, dass das Ereignis via Internet-Livestream in die Welt getragen wird.
Auf der Bühne zeigen sich die drei Herren von Anfang Fünfzig, die es nun schon seit 32 Jahren miteinander aushalten, aufgeräumt und harmonisch. Vergessen scheinen die großen Krisen, in welche die Band geriet durch die Alkohol- und Drogenexzesse ihres Sängers Dave Gahan, 50, oder durch die künstlerischen Spannungen zwischen Gahan und Mastermind Martin Gore, 51, die sich dadurch lösten, dass Gahan nun ebenfalls Songs auf den Depeche-Mode-Alben veröffentlichen darf; auf der neuen Platte, die im Frühjahr erscheinen soll, stammen wieder einige Stücke von ihm. Ein Journalist fragt, wie sich die drei Musiker in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben, und bekommt keine Antwort. Statt dessen sagt Keyboarder Andrew Fletcher, 51: „Meine Lieblingsfarbe ist blau.“
Gahan, den wir nach der Pressekonferenz zum Gespräch treffen, gibt sich offener. Er trägt, vom T-Shirt mit V-Ausschnitt bis zu den Stiefeln, schwarz; nur die Halskette und einige Härchen seines Fünf-Tage-Bartes blitzen silbern.
Herr Gahan, nach der Veröffentlichung Ihres zweiten Solo-Albums 2007 sagten Sie, als Songwriter seien Sie gerade vom Kindergarten zur Grundschule gewechselt. Haben Sie es inzwischen auf die Oberschule geschafft?
Ich bin direkt auf die Hochschule gesprungen (lacht). Dabei geholfen haben mir die Soulsavers, mit denen ich ein Album aufgenommen habe. Dabei ist etwas Besonderes passiert. Ich fühlte mich völlig frei, Melodien und Texte flossen einfach aus mir heraus. Mit Depeche Mode verläuft der Prozess ganz anders, da geht man ins Versuchslabor, und es gibt all dieses elektronische Spielzeug, das man benutzen kann.
Ich habe vorhin Ihren alten Freund Daniel Miller, der Ihre Band einst entdeckte, gefragt, was Sie für ein Typ seien. Er nannte Sie einen der lustigsten Menschen, die er kenne. Diese Seite von Ihnen ist öffentlich kaum jemandem bekannt.
Ich bin jemand, der in wirklich sehr düstere Tiefen hinabsteigen kann - und mit Humor habe ich mich immer wieder hervorgebuddelt. Nur in jenen Jahren, als ich mich in Drogen und Alkohol verloren hatte, konnte ich nichts mehr komisch finden, weder mich selbst noch irgendetwas um mich herum. Es war fürchterlich. Die Fähigkeit, sich durch Lachen selbst zu befreien, ist sehr wichtig. Meine Kinder wissen genau, welchen Knopf sie drücken müssen, damit sich Daddys Stimmung aufhellt. Und auch Daniel und ich haben über die Jahre viel Spaß gehabt. Essex, wo wir herkommen, ist ein ziemlich trauriger Ort, man braucht Humor, um es dort auszuhalten. Wir sind wahrscheinlich etwas ruhiger geworden, aber als Daniel uns kennenlernte, waren wir voll von englischem Sarkasmus. Wenn jemand den Raum betrat und ein wenig anders war, dann haben wir ihn tüchtig in die Mangel genommen und geschaut, ob er es aushält. Wer es nicht packte, konnte nicht mit uns abhängen.
Sie haben seit 15 Jahren keinen Alkohol getrunken und nehmen keine Drogen mehr. Wie schwer fällt es Ihnen heute, Ihre Dämonen unter Kontrolle zu halten?
Weit einfacher, als es mal war. Vermutlich, weil ich diese Seite in mir besser erkenne; ich merke es, wenn ich schlechte Gewohnheiten entwickle. Ich bin gerne für mich, ich führe ich ein sehr privates Leben mit Freunden und Familie in New York City. Dort finden sich alle möglichen Ethnien aus der ganzen Welt; es ist leicht, ein Teil davon zu werden. Es hat lang gedauert, bis ich diesen Ort fand, an dem ich mich wohlfühle. Viel verdanke ich auch meiner Frau Jennifer; wir sind seit 14 Jahren verheiratet, und sie hat stets zu mir gestanden. Es ist nicht einfach, mit mir zu leben, weil ich sehr launisch bin.
Wie erziehen Sie Ihre Kinder, was den Umgang mit Alkohol und Drogen betrifft?
Meine beiden Söhne sind 20 und 25, sie sind sich der Gefahren bewusst. Sie gehen mit Freunden aus und kommen manchmal leicht lädiert zurück - aber ich sehe in ihnen nicht die gleiche Person, die in mir existiert.
Ihre Tochter ist 13, weiß sie von Ihren dunklen Jahren?
Ja, aber ich bin vor ihr nie betrunken gewesen - und sehr stolz darauf, das sagen zu können. Wir sind uns sehr nah. Sie kam zur rechten Zeit, sie ist mein kleiner Engel. Meine Kinder kennen meine Vergangenheit, mit dem Internet ist das heute sehr einfach. Manches dort ist wahr und manches dramatisiert, aber ihnen ist vollauf bewusst, was ihr Vater mit sich gemacht hat.
Am Morgen des 28. Mai 1996 sind Sie nach einer Überdosis zwei Minuten lang klinisch tot gewesen und haben, wie Sie erzählten, totale Schwärze gesehen. Was sehen Sie heute, als lebendiger Mensch, wie betrachten Sie die Welt?
Ich sehe jetzt viel mehr, weil ich das möchte. Damals hatte ich Angst vor allem und versuchte, mich vor der Welt zu verstecken, es war mir alles zu viel. Also habe ich Dinge ausgesperrt. Selbst die Musik - ich glaube, ich habe ein Jahr lang keine Musik gehört! Das kommt mir aus heutiger Sicht schräg vor, aber ich hatte das Gefühl, meine Seele verdiente nichts, was gut war. So wie damals fühle ich mich heute nicht mehr. Ich wache morgens in meinem Apartment auf und sehe einen wunderschönen Himmel über New York. Wenn ich durch die Straßen gehe, spüre ich den Geruch, wenn jemand Brot gebacken hat. Ich finde wieder Vergnügen an den einfachen Dingen. Mein Leben sind die Freunde, Gespräche, meine Kinder. Dass sie mir Fragen stellen, auf die ich meistens keine Antwort habe (lacht). Aber dass sie sich damit abgeben, mich zumindest zu fragen, ist eine schöne Sache.
Wachen Sie immer noch morgens gegen 4.15 Uhr auf, also zu jenem Zeitpunkt, als Sie Ihre Todeserfahrung machten?
Immer. Ich schlafe nicht gut - das ist die einzige Sache in meinem Leben, für die ich keine Lösung finde. Ich schlafe durchschnittlich wohl zwischen vier und fünf Stunden die Nacht. In manchen Wochen, wenn wir ein Album aufnehmen, schlafe ich praktisch gar nicht, weil mein Hirn sich immerzu mit Musik und mit den Songs beschäftigt. Doch je mehr ich mir bewusst mache, dass ich das bekomme, was ich brauche, und nicht so sehr das, was ich möchte, desto weniger Sorgen mache ich mir.
Nach Ihrer Überdosis sagten Sie, Ihre sieben Katzenleben seien nun aufgebraucht. Anscheinend haben Sie noch ein achtes gefunden. Während Ihrer Tour 2009 wurde Ihnen erfolgreich ein bösartiger Tumor aus der Blase entfernt.
Ich hätte nie erwartet, mich damit herumschlagen zu müssen, aber so ist das Leben. Es ging mir sehr schnell sehr schlecht, und ich musste rasch behandelt werden. Nie zuvor habe ich meine Kinder ängstlicher erlebt. Alle drei wollten, dass ich nicht zurück auf Tour ging. Ich verstand sie, aber sie verstanden auch, dass es für mich wichtig war zu beenden, was ich angefangen hatte. Ich habe dann während der gesamten Tour Pausen genommen, in denen ich mich im Krankenhaus behandeln ließ. Wenn ich von Paris zurück nach Hause fliege, muss ich wieder ins Krankenhaus, ich gehe alle sechs Monate. Und ich bekomme keine Chemo, ich habe keinen Krebs. Mein Onkologe sagt, ich habe enorme Heilkräfte. Das wusste ich schon vorher: Ich kann meinen Körper der Folter unterziehen, aber ich schaffe es immer wieder, zurückzukriechen wie eine Echse oder eine Schlange. Ich streife eine Haut ab und beginne von vorn.
Stimmt mein Eindruck, dass Sie weniger Probleme mit dem Altern haben als andere?
Ich? Ich weiß nicht...
Ich nahm das an, weil Sie selbstbewusster und zufriedener sind als in jungen Jahren.
Vielleicht. Ich versuche, alle Energie, ob sie gut oder schlecht, dunkel oder hell ist, in meine Arbeit fließen zu lassen, in meine Songs. Wenn alles rauskommt, fühle ich mich leichter, wenn es drinnen bleibt, ist das nicht gut.
Und Sie scheuen sich auch mit 50 nicht, auf der Bühne Ihren allerdings beneidenswert durchtrainierten Oberkörper zu entblößen.
Die Kleider müssen einfach runter! Irgendwann komme ich immer an den Punkt, an dem ich mich durch die Sachen physisch eingeengt fühle. Mick Jagger macht solche Dinge ebenfalls, und er ist fast siebzig - aber er sieht noch ziemlich gut aus.
Von den Rolling Stones darf man annehmen, dass wenigstens ein paar von ihnen eines Tages auf der Bühne sterben. Wie ist es bei Depeche Mode?
(Lacht) In dem Alter sehe ich mich das nicht mehr tun. Ich möchte irgendwo im Süden auf der Veranda sitzen, mit einer Flasche Whiskey und einer Flinte und aufpassen, dass niemand mein Land betritt.
Haben Sie eigentlich noch die Pistolen, die Sie in Ihren ärgsten Junkie-Jahren bei sich trugen?
Nein, keine mehr. Dass ich welche hatte, das ist erschreckend. Es zeigt, wie verrückt ich war.
Ängstigt Sie manchmal auch der „schwarze Schwarm“ - Ihre fanatischen Anhänger, die mehr über Sie zu wissen scheinen als Sie womöglich selbst?
Nein, sie helfen mir dabei, mich selbst normaler zu fühlen. Als ich jünger war, dachte ich, dass etwas mit mir nicht stimmte. Heute weiß ich, dass ich mit meinen Gefühlen nicht allein bin, denn die Leute identifizieren sich mit unseren Texten, mit den Stimmungen, die ich in die Songs bringe. Für mich liegt nichts darin, so durchs Leben zu gehen (zieht mit der Hand eine ruhige Bahn). Der Thrill des Lebens ist, dass es wie eine Achterbahn ist, es kann dich immer aus der Kurve werfen. Schnall dich an, halt dich fest und erfahre es!
1980 im britischen Basildon gegründet und bis heute immens erfolgreich, sind Depeche Mode längst so etwas wie die Rolling Stones der elektronischen Musik geworden – und Sänger David „Dave“ Gahan hat bewiesen, dass auch ein Synthie-Popper ein Rock’n’Roll-Leben führen kann. Der 1962 geborene Gahan war 1980 zu der Band gestoßen, die sich auf seinen Vorschlag hin nach einem französischen Modemagazin benannte. Mit Hits wie „Personal Jesus“ oder „Enjoy the Silence“ füllt die Gruppe, zu der heute neben Gahan noch Martin Gore und Andrew Fletcher gehören, mühelos Stadien.
Gahan hat dunkle Zeiten hinter sich, versuchte sich 1995 das Leben zu nehmen, war 1996 nach einer Überdosis zwei Minuten klinisch tot und erkrankte 2009 an Krebs. Heute ist er geheilt und hat sich nach zwei Soloalben und einer Platte mit den Soulsavers künstlerisch von Gore emanzipiert. Gahan ist in dritter Ehe verheiratet, hat zwei leibliche und ein Adoptivkind und lebt seit 1997 in New York City. Deutsche Stationen der Depeche-Mode-Tour 2013 sind München (1.6.), Stuttgart (3.6.), Frankfurt (5.6.), Berlin (9.6.), Leipzig (11.6.), Hamburg (17.6.) und Düsseldorf (3.7.).
Ist das Kunst oder kann das weg?
Klaus Letis (odysseus_8)
- 29.10.2012, 06:07 Uhr