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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Danny DeVito „Meine Schwester ist schuld, dass ich Schauspieler bin“

 ·  Er ist bekannt aus „Twins“, „Der Rosenkrieg“ oder „Schnappt Shorty“: Im F.A.S.-Interview spricht Danny DeVito über den Charme seiner Filmfiguren, seine Anfänge in einem Schönheitssalon und über Jack Nicholson.

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© Gyarmaty, Jens Danny DeVito beim Fotoshooting in einem Berliner Hotel

Danny DeVito ist eine Art menschlicher Kugelblitz. Das ist der erste Gedanke, als sich die Doppeltüren öffnen und der Schauspieler, ganz in Schwarz gekleidet, hereingelaufen kommt in den Konferenzraum des Berliner Nobelhotels, die Hand ausstreckt und sagt: „Hi, I’m Danny, nice to meet you.“ Obwohl, man soll nicht lügen. Der erste Gedanke ist: Hm, der ist ja noch ein Stück kleiner, als man dachte. - Das mit dem Kugelblitz ist der zweite.

Nun geht einem das erfahrungsgemäß bei vielen so, die man aus dem Fernsehen oder dem Kino kennt: Wenn sie dann vor einem stehen, kommen sie einem kleiner vor. Heftigstes Beispiel: Bill Clinton - kleiner. (Zugegeben, damals war er kein Präsident mehr und musste seine Memoiren bewerben; vielleicht lässt einen das schrumpfen.)

Von DeVito weiß man, dass er gerade mal 1,52 m groß ist - und schon als Junge sehr darunter litt, weil er in Interviews häufig davon gesprochen hat, er habe sich wie „heimgesucht“ gefühlt. Später, in den frühen Tagen seiner Karriere, bekam er zu hören: „Niemand braucht einen Schauspieler von 1,50m.“

„Meine Größe macht mich einzigartig“

Das soll deshalb dieses Mal gar kein Thema sein; alles Notwendige dazu hat DeVito ohnehin vor Jahren in einem Interview gesagt: „Sobald ich mit der Schauspielerei anfing, erkannte ich, dass meine Größe mich einzigartig machte. Das machte mich offen dafür, sie als etwas Positives zu begreifen. Zum Teufel, wenn ich einer von sechs Kerlen war, die für eine Rolle vorsprachen, wusste ich, dass ich derjenige sein würde, der ganz anders war als alle anderen - und vielleicht war es genau das, wonach der Regisseur suchte.“

Doch erst nun, da der Schauspieler im Raum ist, begreift man richtig, was man bislang mehr ahnte: Er hat aus einer vermeintlichen Schwäche tatsächlich eine Stärke gemacht; viele seiner Figuren, selbst wenn sie charakterlich nicht ganz sauber sind, nehmen einen enorm für sich ein - weil sie sich so offensichtlich mühen, gegen eine Demütigung anzugehen, die ihrer Existenz eingeschrieben ist. Zudem erweist sich schnell, dass DeVito (wie Clinton auch) die Fähigkeit hat, die gesamte Aufmerksamkeit in einem Raum anzusaugen, Größe hin oder her; er ist, wie er selbst über Quentin Tarantino sagen wird, „wie ein mit Energie aufgeladenes Kind“.

Also reden wir mit ihm, zuerst mal über seinen neuen Film „Der Lorax“, nach einem amerikanischen Kinderbuchklassiker, für den er der animierten Figur des Titels seine Stimme leiht, und das nicht nur für die englische Version, sondern auch in Deutsch und ein paar anderen Sprachen - obgleich er diese gar nicht spricht.

Und? Haben Sie nach Ihrer Erfahrung mit „Der Lorax“ Lust bekommen, Deutsch zu lernen?

Wissen Sie, ich habe mit diesem Film etwas hinbekommen, was ich mir vorgenommen hatte. Ich würde gerne lernen, Deutsch und Spanisch und Italienisch richtig zu sprechen, aber ich weiß nicht, ob das wirklich klappen wird. Aber es war ein Abenteuer, diese Figur in verschiedenen Sprachen zu sprechen; es hat echt Spaß gemacht.

Es war ja nicht nur Deutsch.

Ich habe neben der englischen und der deutschen Version außerdem Italienisch gemacht, zwei Versionen Spanisch und Russisch.

Welche Sprache war die schwerste?

Jede für sich ein Mount Everest.

Ein Mount Everest der Laute.

Ja. (Lacht.) Ob es nun das Rollen des R war im Spanischen oder im Deutschen ... Im Deutschen war es vor allem der ch-Laut. (Macht es vor, dabei immer besser werdend.) „Ich“, „ich“, „ich“. Man kann ja nicht „ik“ sagen oder „iiik“. Man muss „ich“ sagen, „ich“. Weich muss das sein.

Sie hatten einen Coach?

Oh Gott, ja. Ohne Coach ging nichts. Ich habe acht Stunden täglich, fünf Tage die Woche damit verbracht, mit dem Coach für die jeweilige Sprache Zeile für Zeile durchzugehen. Sie hatten mir die Dialoge phonetisch aufgeschrieben. Wissen Sie, ich habe ungefähr 90 Dialogzeilen in dem Film, und jeden Tag saß ich da und wiederholte sie immer wieder. Bis der Coach sagte: So stimmt es.

Ist es schwer, einer Stimme in einer Sprache, die man nicht spricht, Nuancen zu geben?

Oh ja. Das war das Schwerste. Zuerst ging es darum, die Aussprache korrekt hinzukriegen. Dann habe ich die Figur hineingepackt.

Erinnern Sie sich noch an etwas? Wörter, Sätze?

Nein. Es ist alles weg.

Und Deutsch war nicht am schwersten?

Nein.

Russisch vielleicht.

Ja, Russisch war ziemlich schwer. Obwohl: Deutsch war kein Honiglecken. (Lacht.)

Sie mussten Sätze sagen wie: „Du wurdest gewarnt.“

Oh ja. „Du wurdest gewachen.“

„Gewarnt.“ You were warned.

„Gewarnt.“ „Gewarnt.“ Das stimmt! (Kräftig und fast perfekt.) „Du wurdest gewarnt!“

Sie haben schon früher animierten Figuren Ihre Stimme geliehen, oder?

Ja, in „Herkules“ zum Beispiel, und ich war bei den „Simpsons“. In einem von Arnolds Filmen war ich eine Katze; ich hatte einen Satz. (Grinst.) Arnold, Sie wissen, wen ich meine. Schwarzenegger. Vor vielen Jahren, 1986, sprach ich eine Rolle in dem Film „My Little Pony“; für meine Tochter, die damals fünf war oder so, war das wirklich cool.

Ich habe Ihnen was mitgebracht.

Lassen Sie sehen.

In „Der Lorax“ leihen Sie ja einer Figur Ihre Stimme. Aber wenn Sie selbst in einem Film auftreten, der in Deutschland läuft, leiht Ihnen ein deutscher Schauspieler seine Stimme; im Verlauf Ihrer Karriere waren es sogar mehrere. Kennen Sie Ihre Synchronstimmen?

Nein.

Ich habe hier einen Ihrer Filme auf dem iPad. Okay, dann also: So klingen Sie auf Deutsch.

Ah, ich sehe: „Das Geld anderer Leute“. (Schaut aufmerksam zu, während sein Finanzhai Lawrence Garfield mit der Stimme von Gerd Duwner erklärt, wie er eine Firma übernehmen will.) Sehr gut. Er macht das gut.

Ich finde, Duwner kommt Ihnen recht nahe. Finden Sie, er klingt wie Sie?

Ja. Seine Stimme ist vielleicht ein bisschen höher als meine.

Sie funktioniert auch sehr gut, wenn Sie aggressiver klingen.

Ja, dann wird sie ein bisschen rauher.

Sie sind ein internationaler Star - aber die Leute in den meisten Ländern kennen nur eine Hälfte von Ihnen.

Ja, das ist schon komisch. Ich habe mir erzählen lassen, der Kerl, der mich in Italien spricht, sei mal in einem Laden mit mir verwechselt worden - aber nur, bis man ihn sah. Die Leute glauben, sie wüssten, wie ich klinge. Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal hörte, wie jemand mich als Louie synchronisierte, der cholerische Chef in der Fernsehserie „Taxi“. Das war schon cool. Man ist beinahe jemand anders. Jetzt in „Der Lorax“ können die Leute mich im Original hören, und vermutlich wird das auch die einzige Gelegenheit sein; ich weiß nicht, ob ich so etwas noch mal machen werde.

Es gibt ja so eine Art Danny-DeVito-Figur, die Sie oft spielen und auf die das Publikum reagiert.

Ja.

Er ist manchmal ein Schlawiner ...

Ein Schlawiner.

Vielleicht sogar ein Schurke ...V

Na ja ...

Aber nie komplett böse.

Genau. Nehmen Sie zum Beispiel Sid aus „L.A. Confidential“. Das war schon ein böser Junge, der Leute hereinlegte - nur um ein paar Zeitungen zu verkaufen. (Macht eine Pause, breitet die Arme aus und grinst.)

Schauen Sie nicht mich an.

Lassen Sie mich mal weiter sehen: Der Pinguin, der Gegenspieler von „Batman“, das war ein guter Junge, oder? (Grinst.)

Aber viele dieser Figuren haben etwas, was den Zuschauer mit Ihnen versöhnt, oder?

Es sind oft Charaktere, die finden, sie würden von der Welt missverstanden. Wie der Pinguin - das war doch nur ein Vogel, der nicht fliegen konnte!

In „Das Geld anderer Leute“ umwirbt Ihr Charakter, ein Hedge-Fund-Manager, eine Frau. Sie mag ihn gar nicht, aber er bearbeitet sie, und am Ende erliegt sie ihm doch.

Sie erliegt seinem Charme, ja.

Wie viel von Ihnen selbst steckt in dieser Art Figur?

Wenn man eine Rolle spielt, bringt man viel von sich selbst mit. Aber in Wahrheit stammt das Grundgerüst, letztlich das A und O, das stammt ganz vom Autor. Wie die Figur sich dann anfühlt, das hat viel mit dem Schauspieler zu tun.

Aber diese Art des Charmes, funktioniert die auch für Sie selbst?

Ob man nun ein Erwachsener ist oder ein Kind: Es gibt nichts Besseres, um jemanden für sich einzunehmen, als ihn oder sie zum Lachen zu bringen.

Wie waren Sie als Kind? „Der Lorax“ ist ja ein Buch für Kinder; haben Sie viel gelesen als Kind?

Ich war kein großer Leser; damit fing ich erst ernsthaft an, als ich selbst Kinder hatte. Ich habe ihnen viel vorgelesen. Wenn man Kinder hat, ist das eine wichtige Sache: Man durchlebt die eigene Kindheit noch einmal. Wenn Sie eine gute Kindheit hatten, können Sie die noch mal erleben. Wenn Sie nicht wirklich eine Kindheit hatten, können Sie das nachholen.

Und was für eine Art Kindheit hatten Sie?

Ich hatte so ein Mittelding. Ich hatte eine gute Kindheit, aber Sachen wie Bücher oder Museen kamen darin nicht groß vor. Als ich ein Kind war, wurde man in den Hof gesetzt, und wenn man noch da war, wenn es Zeit fürs Abendessen wurde, war es gut.

Sie wuchsen in New Jersey auf ...

Ja, in einer Stadt namens Asbury Park.

Die Sie mal als „Bergmanesque“ beschrieben haben. Wieso?

Na ja, im Winter war die Stadt vollkommen leer, alles war öde und grau, wie in einem Film von Ingmar Bergman, manchmal neblig, der Atlantische Ozean war immer wie im Aufruhr, der Strand mit Felsen, es war schön. Wir gingen zu jeder Tageszeit zur Strandpromenade, man zog sich einen Parka an und ging fischen. Und wir rauchten immer. Jetzt rauche ich nicht mehr, aber damals ging man immer raus zur Promenade mit einer Packung Zigaretten, einem Eimer, einer Angel und ein paar Würmern als Köder.

Und im Sommer war es ganz anders dort?

Im Sommer war es voller Leute, die kamen von überall her, und der Himmel war ganz anders, die Sonne kam heraus, und all diese Autos ... Im Winter konnte man die Reihe der Parkuhren eine Meile weit sehen; dann stand da nicht ein einziges Auto - wie in irgend so einem merkwürdigen Fassbinder-Film. (Lacht.)

Und Mädchen?

Viele Mädchen, überall.

Gingen Sie mit denen ins Kino?

Manchmal. Manchmal unter die Promenade.

Und als Sie mit der Schule fertig waren? Denn Schauspieler wollten Sie damals noch nicht werden und arbeiteten erst mal für Ihre Schwester.

Ja, die hatte einen Schönheitssalon. Das war seltsam. Ich wusste nicht, was ich wollte, und sie sagte: Ich schicke dich auf die Schule und dort lernst du, was du für den Salon wissen musst. Ich sagte: Angie - so hieß sie -, ich weiß nicht. Und sie sagte: Wenigstens hättest du einen Job. Das war besser als nichts, also sagte ich ja. Am ersten Tag ging ich hin, noch immer widerwillig, und da saßen 40 Mädchen in meinem Alter. (Grinst.) Ich werde meiner Schwester ewig dankbar sein. Da waren vielleicht drei Jungs - sonst nur Mädchen, so um die 19 Jahre alt. Friseurinnen - großartig! Ich war wie ein Sultan in einem Zelt schöner Frauen.

Wie kamen Sie dann zur Schauspielerei?

Das war auch die Schuld meiner Schwester. Sie schickte mich ja nach New York, um Make-up zu lernen. Ich fand diese Schule, die American Academy of Dramatic Arts, und um den Make-up-Kurs zu besuchen, musste man sich als Schauspieler einschreiben. Dort erwischte mich dann das Schauspielfieber - und das war es.

Ihr Durchbruch kam mit „Einer flog über das Kuckucksnest“.

Eigentlich mit „Taxi“, ein paar Jahre später. Damals gab es nur drei große Sender in Amerika statt wie heute eine Million, und da hatte man mit „Taxi“ an einem Abend einen Marktanteil von 35 Prozent. Man kam zu den Leuten nach Hause in ihre Wohnzimmer, und ... (Schnippt mit den Fingern.)

In „Einer flog über das Kuckucksnest“ spielten Sie mit Jack Nicholson, mit dem Sie später auch einen Film machten, in dem Sie Regie führten.

Ja, „Hoffa“.

Was mich zu der Frage führt: Wie gibt man einem Jack Nicholson Regieanweisungen?

Sie sagen: Geh da rüber und tu, was von dir erwartet wird.

Das sagen Sie einer Legende wie Nicholson?

Sie müssen eins verstehen: Man wird Regisseur, weil die Position Gott schon besetzt ist. Wenn ich sage, was ich will, muss der Schauspieler mir das geben. Es ist mir egal, ob Sie Marlon Brando, Jack Nicholson oder Robert de Niro sind. Ich bin der Boss.

Die Deutschen kennen Sie als Schauspieler, viele als Regisseur, aber kaum einer dürfte wissen, dass Sie auch Produzent sind, ein sehr erfolgreicher. Zum Beispiel waren Sie „Executive Producer“ bei „Pulp Fiction“. Wie kam das?

Ich hatte einen Produktions-Deal mit Tristar, einem Studio. Einer meiner Mitarbeiter sagte zu mir: Schau dir mal dieses Drehbuch an, es heißt „Reservoir Dogs“.

Der erste Quentin Tarantino.

Ja, und ich liebte das Script. Man sagte mir: Den Film haben sie schon gemacht, er schneidet ihn gerade. Also sagte ich: Diesen Kerl muss ich treffen. Wir setzten uns zusammen, und ich sagte: Quentin, egal, was du als Nächstes machst, ich will dabei sein.

Dachten Sie nicht: Oh, der ist aber ein bisschen ...?

Verrückt? Nein, er war noch nicht so verrückt, wie er heute ist. Er ist mit den Jahren verrückter geworden. Er war wie ein mit Energie aufgeladenes Kind. Ich machte einen Deal mit ihm für sein nächstes Projekt, er sagte, es sind drei Geschichten - und ein Jahr später lieferte er das Drehbuch ab.

Letzte Frage: Sie twittern viel, von allen möglichen Orten. Sie posten oft Fotos - auf denen ist meistens auch Ihr Fuß zu sehen.

Ja, mein rechter Fuß.

Gibt es dafür einen Grund?

Das ist mein Troll-Fuß. Mein Fuß. Es gibt keinen besonderen Grund.

Vielleicht zum Beweis, dass Sie an dem jeweiligen Ort auch tatsächlich waren?

Höchstens zum Beweis, dass mein Fuß da war.

Die Fragen stellte Bertram Eisenhauer.

Out of New Jersey

Dass Danny DeVito ein Darsteller mit einem langen Werkverzeichnis ist, weiß man; 113 Positionen listet die Internet Movie Database auf: „Einer flog über das Kuckucksnest“, „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“, „Tin Men“, „Batmans Rückkehr“, „Heist“ usw.; im Fernsehen war er in „Taxi“ und, in jüngerer Zeit, „It’s Always Sunny in Philadelphia“ zu sehen.

Als Regisseur verantwortete er Filme wie „Schmeiß die Mama aus dem Zug!“, „Hoffa“ und „Der Rosenkrieg“. Auch als Produzent, etwa von „Out of Sight“, „Erin Brockovich“ oder „Pulp Fiction“, ist DeVito, 1944 in New Jersey geboren, erfolgreich. Sein neuester Film „Der Lorax“, eine Fabel über die Umweltzerstörung, ist gerade angelaufen; darin spricht er die animierte Titelfigur - in sechs Sprachversionen.

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