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Halskrausen für Pastoren : Waschen, Stärken und Tollen kostet 45 Euro

Tülle für Tülle: Daniela Kiunke tollt mit dem heißen Bügelstab eine Pastoren-Halskrause. Bild: Lucas Wahl

Es ist ein seltener Beruf: Halskrausen nähen und pflegen. Für die Hamburger Pfarrer ist Daniela Kiunke eine wichtige Anlaufstelle. Besonders vor Weihnachten ist viel los.

          Für Daniela Kiunke ist jetzt wieder Hochsaison. Sie wäscht, stärkt und „tollt“ die Halskrausen der Pfarrer aus Hamburg. Da kommen ungefähr 100 Kunden zusammen, die schon jetzt auf Weihnachten schauen. Schließlich sollen die Halskrausen bei den Festgottesdiensten blütenweiß und frisch ihrem Träger vor dem Altar Würde verleihen.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Eigentlich müsste eine Halskrause je nach Benutzen alle zwei, drei Monate gewaschen werden“, sagt Kiunke. „Aber nicht alle Pfarrer kommen dazu, sie mir rechtzeitig zu bringen.“ Alles in allem dauert die Frischebehandlung einer Halskrause drei Wochen. Die Pfarrer brauchen also, wollen sie nicht ohne Kragen dastehen, mehrere Exemplare ihrer Mühlsteine, Wagenräder oder Duttenkragen, wie die regionale Besonderheit genannt wird.

          Die Hamburger Pastoren der Nordkirche, zumindest die aus den Altstadtgemeinden, tragen beim Gottesdienst überhaupt einen besonderen Ornat. Er besteht aus einem Unterkleid, einer Art Mantel darüber und eben der Halskrause. Das Unterkleid erinnert eher an eine dunkle Soutane als an den schlichten schwarzen preußischen Talar mit Beffchen, wie man ihn aus der evangelischen Kirche kennt und wie er durch König Friedrich Wilhelm III. per Kabinettsorder 1811 eingeführt wurde.

          Eine Tradition aus Zeiten der Renaissance

          Am Hamburger Gewand befinden sich 17 Knöpfe, die für die zehn Gebote und die sieben Bitten aus dem Vaterunser stehen sollen. Der Mantel darüber ist mit Samtborten besetzt, hat ein tief gefälteltes Rückenteil und Prunkärmel. Die Halskrause besteht entweder aus Baumwolle oder aus Leinen. Auch in Lübeck tragen die Pfarrer einen ähnlichen Ornat. Halskrausen findet man außerdem hin und wieder in den Gemeinden anderer Hansestädte, in Stralsund und Greifswald. Aber auch in Skandinavien. Und sogar in Augsburg. In Braunschweig tragen noch Propst und Domprediger Halskrause. In Wismar ist die Halskrause zwar abgeschafft, aber ältere Pastoren legen sie zum Gottesdienst noch gern an.

          Die Tradition kommt aus der Renaissance. In Spanien wurde die Halskrause zuerst Mode, um dem Träger Würde zu verleihen und den Puderstaub aus der Perücke von der prachtvollen Kleidung fernzuhalten. Die Mode verbreitete sich über die Niederlande in Europa. In den Hansestädten war es üblich, dass auch die Honoratioren, Bürgermeister und Senatoren, Halskrause zum festlichen Gewand trugen. Aber damit ist es seit einem Jahrhundert vorbei.

          Früher war es üblich, dass die Frau des Küsters sich um die Halskrausen kümmerte. Heute müssen die Pfarrer schon suchen, wo sie ihre Halskrausen aufarbeiten lassen können und wo bei Bedarf eine neue genäht wird. Daniela Kiunke ist durch Zufall zu dieser Arbeit gekommen, obgleich ihre Großmutter ein Handarbeitsgeschäft führte und ihre Mutter Damenschneiderin war. Eigentlich ist Kiunke Tanz- und Bewegungstherapeutin. Aber dann wurde sie arbeitslos und gelangte über den zweiten Arbeitsmarkt in eine kirchliche Mehrzweckeinrichtung, die in Hamburg bekannten „Rathauspassagen“. Und dort zu den Halskrausen. Als es mit den Arbeitsmaßnahmen vorbei war, machte sie sich vor dreieinhalb Jahren kurzentschlossen als Weißnäherin selbständig. Die Halskrausen sind da nur Beiwerk. Kiunke näht und bestickt Wäsche, Taufwäsche etwa oder all das, was man früher unter Aussteuer zusammengefasst hätte.

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