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Daniel Westling Der verschwiegene Junge aus Ockelbo

19.06.2010 ·  Heute heiratet Daniel Westling die schwedische Kronprinzessin Victoria. Als Prinz an ihrer Seite muss er vor allem unauffällig sein, nett und zurückhaltend. So wie er es in seinem Heimatort, Ockelbo, gelernt hat.

Von Matthias Wyssuwa
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Wenn man Stockholm hinter sich lässt und weiterfährt in Richtung Norden, immer höher, bis die Städte seltener und die Wälder dichter werden, dorthin, wo Bären und Elche zwischen den Bäumen umherstreifen, dann ab von der Autobahn, auf die Landstraße, immer holpriger wird der Belag irgendwann, dann kommt man nach gut 200 Kilometern in der Gemeinde Ockelbo an. Rote Häuser aus Holz stehen frei auf sattem Rasen, dann nach einigen hundert Metern ein kleiner Ortskern an einen See gedrängt. Ein Bahnhof, zwei Supermärkte, Friseurläden, Blumenladen, Pizzeria, eine Filiale des staatlichen Alkoholsupermarkts „Systembolaget“ und eine Kirche. Dazu ein kleiner Marktplatz um einen kleinen Brunnen herum.

Etwa 6000 Menschen wohnen in der Gemeinde Ockelbo. Sie arbeiten in kleinen Handwerksbetrieben, leben vom Tourismus oder pendeln zur Arbeit in die Städte der Umgebung, in das Stahlwerk in Sandsviken zum Beispiel. Daniel Westling ist aufgewachsen in diesem Ort am See, bei den Elchen und Bären. Westling aber arbeitet nicht im Stahlwerk oder lebt vom Tourismus. Er zieht vielmehr die Touristen nach Ockelbo. An diesem Samstag wird Daniel Westling die schwedische Kronprinzessin Victoria heiraten. Er wird dann nicht mehr nur Daniel aus Ockelbo sein, sondern Seine Königliche Hoheit Prinz Daniel, Herzog von Västergötland.

In Ockelbo aber hat noch nicht jeden das Hochzeitsfieber gepackt. Die Sonne steht hoch am Himmel, und Daniel hat keine Lust mehr zu laufen. Er liegt auf der Erde, kaum bewegt er den Kopf. Die drei Kronen, das Königswappen der Schweden, sind über den Eingang zu seinem Stall genagelt. Einige Meter weiter, tiefer hinein in den Wald, auf dessen Boden sich moosbewachsene Steinbrocken und Schlammlöcher abwechseln, stakst Victoria mit ihren kleinen Zwillingen entlang. „Sie ist eine sehr stolze Mama“, sagt Lars Arkesjö und versucht sie mit Bananen anzulocken. „Und ein wenig schwierig ist sie auch.“

Daniel und Victoria, zwei Namensvettern im Elchpark

Als schon bekannt war, dass Daniel aus Ockelbo die Kronprinzessin Victoria aus Stockholm liebt, da kamen Arkesjö und sein Geschäftspartner auf die Idee, zwei junge Elche nach ihnen zu benennen. Danach sind die Besucherzahlen in seinem Elchpark sprunghaft gestiegen. Seit Victoria vor wenigen Wochen auch noch Mutter zweier Kälber geworden ist, mühen sich immer wieder Kamerateams über den steinig-glitschigen Waldboden. Daniel bleibt dann meist unter den drei Kronen im Schatten liegen. „Daniel ist mehr der faule Typ“, sagt Arkesjö und meint den Elch.

Vom künftigen Prinzen und seiner Frau weiß er hingegen nur Gutes zu berichten. Nett und normal seien beide. Natürlich waren sie schon zu Besuch bei ihren Namensvettern. Ein wenig geschlendert sind sie um das Gehege herum, einen Kaffee haben sie dann auch noch getrunken. „Nichts Spektakuläres“, sagt Arkesjö. Genauso wie auch der Einzug Daniels in die Königsfamilie, sein Wandel vom Jungen aus der Provinz zum Prinzen. „Es spricht doch gar nichts gegen einen ganz normalen Schweden im Königshaus.“ Lange konnte Kronprinzessin Victoria ihre Beziehung zu Daniel Westling geheim halten.

Als die Boulevardzeitungen „Expressen“ aber im Jahr 2002 begann, über das Paar zu berichten, ließ auch der Spott der Medien nicht lange auf sich warten: Ein Bürgerlicher, ein Fitnesstrainer – ein Junge aus Ockelbo. Kann er der Richtige sein? Ist er nicht vielleicht zu gewöhnlich? Ist er etwa standesgemäß? Auch Victorias Eltern, König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia, sollen davon angeblich nicht überzeugt gewesen sein. Lange hätten sie der Verbindung kritisch gegenübergestanden, heißt es. Bei der Bekanntgabe der Verlobung im vergangenen Jahr dann sagte Königin Silvia, die Königsfamilie empfange Daniel „mit offenen Armen“.

Eine Person aus dem Volk

„Daniel ist eine Person vom Land, eine Person aus dem Volk“, sagt Magnus Jonsson. „Das ist ein Gewinn für das Königshaus.“ Jonsson ist Bürgermeister von Ockelbo und hat sein Büro in dem kleinen Rathaus am Marktplatz. Jonsson ist ein stolzer Ockelboer und er kann lange von der Gemeinde schwärmen, von der Kreativität der Einwohner, deren Bodenhaftung und Verantwortungsbewusstsein. Natürlich kennt auch er Daniel persönlich. „Wir sind ungefähr im gleichen Alter - und es ist ein kleiner Ort.“ Jonsson sagt, ihn habe es nicht geärgert, dass Daniel seiner Herkunft wegen kritisiert wurde, die doch auch seine Heimat ist. „Nein. Wir können uns mit ihm identifizieren. Er ist normal, er ist geerdet. So wie wir hier.“

An dem Tag, an dem Daniel Westling in einem Krankenhaus in Örebro zur Welt kam, bestieg Victorias Vater in Stockholm den schwedischen Thron. Es war der 15. September 1973. König Carl XVI. Gustaf machte wenig später seine deutsche Geliebte Silvia Sommerlath zu seiner Frau und damit zur Königin von Schweden. Auch sie war eine Bürgerliche, ihr aber wurde stets eine noble Ader zugeschrieben. Ihr Umgang und ihre Sitten hätten dem entsprochen. Daniels Vater arbeitete als Verwaltungsangestellter, seine Mutter bei der Post. Beide wohnen noch heute in Ockelbo, am Rande des Ortes in einem rot gestrichenen Reihenhaus. Vor fast jedem Eingang hängt hier eine schwedische Fahne. Hinter den Häusern liegen eine Wiese und auch ein Fußballplatz, auf dem schon Daniel gespielt haben soll. Und dann kommt der Wald.

Wer in Ockelbo wohnt, muss die Natur lieben

Lars Arkesjö sagt, wenn man in Ockelbo wohnt, muss man die Natur lieben. „Was anderes bleibt einem gar nicht übrig.“ Daniel und Victoria besuchen als Kinder öffentliche Schulen. Daniel, weil es keine andere Möglichkeit für ihn gibt. Victoria, damit sie Kontakt zu den nichtadligen Schweden hat. Das Königshaus will volksnah sein, die Kinder des Königs sollen auch so aufwachsen. Von Freunden und Lehrern wird Daniel meist als unauffällig beschrieben, freundlich und ganz normal natürlich. Aufgefallen ist er nur beim Sport. Er trainierte viel, spielte Fußball, Basketball und Hockey. Auf einem alten Schulfoto steht er in der letzten Reihe. Er hat den Kopf schief gelegt und trägt einen Bürstenschnitt. Nach Abitur und Militärdienst geht er nach Stockholm. An der Sporthochschule lässt er sich zum Freizeitpädagogen ausbilden.

„Für junge Menschen ist es ein natürlicher Schritt, Ockelbo erst mal zu verlassen - zum Studium zum Beispiel“, sagt Jonsson. „Sie behalten aber eine positive Erinnerung an ihre Heimat, an die Natur, die Ruhe. Oft kommen sie wieder zurück, um hier Familien zu gründen.“ Daniel aber kommt nicht so bald zurück, seine Familie wird er in einem Schloss gründen. Nach der Hochzeit zieht er mit Victoria in das Schloss Haga im Norden Stockholms. Ockelbo besucht er trotzdem gerne und oft, hat er 2004 „En Spänn“ in seinem ersten Interview als „Geliebter der Kronprinzessin“ verraten. „En Spänn“ ist die Zeitung seiner alten Schule in Ockelbo.

Bei all der Häme, die über ihn hereinbrach, machte Daniel einen entscheidenden Fehler nicht: Er schwieg, als alle etwas von ihm hören wollten, er sprach nie mit den Medien über sich und seine Beziehung zur Kronprinzessin. Auch seine Verwandten und Freunde berichteten nichts Skandalträchtiges. Und so verschaffte die Verschwiegenheit ihm Respekt.

Bands und Blaskapellen auf dem Marktplatz

In diesen Tagen hängen Bilder von Daniel überall in seiner Heimatstadt, am Eingang vom Supermarkt und auch im Schaufenster eines Trödelgeschäfts, gleich neben einem Hochzeitskleid. In Ockelbo hat man sich lange schon darauf vorbereitet, den großen Tag auch groß zu feiern. Über mehrere Tage spielen Bands und Blaskapellen auf dem Marktplatz, am Samstag wird die Hochzeit auf einer Großbildleinwand übertragen – und das schwedische Fernsehen wird wiederum aus Ockelbo berichten. „Wir beuten aber hier nicht die Herkunft von Daniel Westling aus“, sagt Jonsson. „Wir haben ihm keine Statue gebaut, keinen Platz nach ihm benannt.“ Aber historisch sei so ein Tag schon für Ockelbo - und es helfe natürlich auch, Touristen hier herauszulocken. „Wir werden jetzt in die Geschichtsbücher aufgenommen.“

Als Daniel aufwuchs, konnte er nicht ahnen, dass er einmal in die Geschichtsbücher kommt. Victoria aber hat stets gewusst, was ihr bevorsteht: Aus ihrer Kindheit gibt es eine Anekdote über sie und ihren kleinen Bruder. Immer wieder soll Prinz Carl Philip behauptet haben, er werde König. Sie sei aber die Kronprinzessin, soll Victoria dann geantwortet haben. Also werde sie auch Königin.

Während Daniel seine ersten Gehversuche als Geschäftsmann macht, Teilhaber eines Fitnessstudios wird, lernt Victoria zu repräsentieren, studiert, absolviert die schwedische Diplomatenausbildung, macht ein Praktikum beim Ministerpräsidenten. Sie hat es dabei nicht immer leicht, in der Schule muss sie härter für gute Noten arbeiten als ihre Mitschüler. Buchstaben wollen in ihrem Kopf nicht so leicht zu Wörtern werden - sie hat die Legasthenie von ihrem Vater geerbt. Als Daniel und Victoria sich das erste Mal treffen, hat Victoria eine schwere Krise schon hinter sich. Lange hatte sie gehungert, weil ihr Hungern als das Einzige erschien, was sie in ihrem Leben selbst bestimmen konnte. Das Einzige, was nicht von anderen kontrolliert wurde, wie es in dem Buch „Victoria, Victoria“ heißt.

Victorias Flucht nach Amerika

Sie floh nach Amerika, gesundete, nahm wieder zu und stand im Jahr 2001 im Fitness-Studio von Daniel Westling. Er wurde ihr persönlicher Trainer. Liebe auf den ersten Blick sei es nicht gewesen, erzählte Victoria bei der Verlobung 2009. Vielmehr sei sie aus einer engen Freundschaft über viele Monate erwachsen. „Ich fühle mich sicher mit Daniel an meiner Seite.“ „Daniel ist das Kissen“, sagt Tony Warren. Er hat ein kleines Atelier in Ockelbo, nah einem kleinen Park, gleich neben einem Teich. In der Ecke steht eine Stilllebenkomposition. Zwei Kisten aus Holz, auf der kleinen ein Nadelkissen, auf der großen ein blaues Kissen und darauf ein Apfel. Der Apfel symbolisiert Victoria. „Alles hat hier eine Bedeutung“, sagt Warren.

hat das Stillleben komponiert und gemalt - wofür ihm die Ockelboer Geld gespendet haben - und das Gemälde Daniel und Victoria zur Hochzeit geschenkt. Persönlich hat er es in Stockholm übergeben. Victoria soll begeistert gesagt haben, das Bild bekomme einen ganz besonderen Platz. Mindestens dreimal soll sie es gesagt haben. Neben der Komposition in dem Atelier stehen Kopien des Gemäldes, gerahmt und eingeschweißt. Das Stück kostet 2500 Kronen, fast 300 Euro. „Daniel verleiht Victoria Stärke und Sicherheit“, sagt Warren. Deswegen ist Daniel das Kissen. „Nur darf es nicht aus Seide sein, denn Daniel kommt ja aus Ockelbo“. Also ist das Kissen aus Jeansstoff.

Was es heißt, ein Prinz zu sein

Daniel hat viel aufholen müssen in den vergangenen Jahren, hat bei Privatlehrern gelernt, was es heißt, ein Prinz zu sein. Geschichte, Etikette, Fremdsprachen. Einer, der die Lehrer kennt, sagt, er sei sehr ambitioniert. Und natürlich nett und normal. Im offiziellen Lebenslauf, den der Hof verbreitet, heißt es nun über ihn, seine zwei größten Interessen seien Ski fahren und Golf spielen. Zudem interessiere er sich leidenschaftlich für soziale Fragen, Gesundheit, Sport und Unternehmertum. Er genieße es, ins Theater zu gehen. Als Mann Victorias wird er vor allem im Hintergrund stehen. „Mein Leben wird hauptsächlich darin bestehen, die Kronprinzessin in ihrer wichtigen Aufgabe für Schweden zu unterstützen“, hat Daniel bei der Verlobung gesagt. Seine Geschäfte will er ruhenlassen. Als Prinz der Kronprinzessin muss er vor allem unauffällig sein, nett und zurückhaltend. So wie er es in Ockelbo gelernt hat.

Heute heiratet Daniel Westling die schwedische Kronprinzessin Victoria. Auch in
seinem Heimatort im
Norden, wo jeder ihn kennt, wird gefeiert.
Von Matthias Wyssuwa

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Politik.

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