Mr. Radcliffe, Ihr neuer Film „Die Frau in Schwarz“ ist ein Horrorfilm mit vielen grusligen Szenen. Wovor haben Sie Angst?
In meinem Leben? Ich weiß, es klingt blöd, wenn ich das mit 22 sage: Älter zu werden ist etwas, das mir Angst macht. Ich war es mein ganzes Leben gewohnt, der Jüngste in all den Räumen zu sein, in denen ich gearbeitet habe. Darum ist es für mich jetzt merkwürdig, dass ich zum Beispiel Sportstars sehe, die jünger sind. Ich glaube, ich werde den Alterungsprozess nicht besonders gut meistern.
Mit elf Jahren haben Sie den ersten Harry-Potter-Film gedreht, ein ganzes Jahrzehnt lang haben Sie den jungen Zauberer verkörpert. Haben Sie manchmal Angst, zu enden als „der Kerl, der einst mal Harry Potter war“?
Hm, wissen Sie, das könnte passieren, wer weiß das schon. Aber ich denke nicht, dass ich mir von diesem Gedanken vorschreiben lasse, wie ich mein Leben lebe und welche Entscheidungen ich treffe. Ich mache mir Gedanken über meinen nächsten Schritt, über meinen nächsten Job und darüber, wie ich ihn bestmöglich erfüllen kann. Alles andere wäre nicht konstruktiv.
Sie sind sozusagen auf dem Filmset groß geworden. War das eine glückliche Jugend?
Ja, sehr, extrem glücklich. Ein Filmset ist für ein Kind doch einer der aufregendsten Orte überhaupt. Er ist voller Energie, verschiedener Menschen, Kreativität und Spaß. Und man darf Sachen machen, von denen man vorher nie geträumt hätte. Man wird für die Arbeit mit Blut oder Schlamm beschmiert, darf Dächer runterrutschen und was weiß ich noch. Alles, was einem als Kind eigentlich verboten wird, muss man plötzlich machen, wenn man Schauspieler ist. Das war eine phantastische Jugend, ich bereue nichts.
Gab es neben den Dreharbeiten genügend Freiräume für das, was Heranwachsende so erleben: die erste Liebe, die ersten sexuellen Erfahrungen?
Absolut. Das kann ich Ihnen sagen, dafür hatte ich Zeit. Ich war ja nicht alleine am Set, da waren die anderen jungen Schauspieler, da waren unsere Doubles. Wir hatten eine wirklich gute Zeit. Es gab viele Romanzen, viele Flirts, ein paar Dates. Ich denke, jeder Teenager findet die Zeit, Sexualität zu erkunden.
Das klingt ein bisschen nach Zeltlager-Atmosphäre.
Genauso hat es sich damals angefühlt.
Als Harry Potter wurden Sie zum Held einer ganzen Generation, ein Vorbild für Millionen von Kindern in aller Welt. Hat Sie das manchmal belastet?
Das habe ich nie als Belastung wahrgenommen. Harry Potter ist ein gutes Vorbild. Mich selbst würde ich nie auf ein moralisches Podest stellen und sagen: Ich bin ein Vorbild für andere junge Menschen. Deshalb hat mich das nie belastet, ganz im Gegenteil. Als ich in Amerika Theater gespielt habe und abends zum Bühnenausgang raus bin, standen da Kinder und haben gesagt: Danke, du hast unsere Kindheit so schön gemacht. - Das ist so besonders, so wundervoll.
Hat es Sie nie genervt, immer der brave Harry Potter zu sein? Hatten Sie als Teenager nie das Bedürfnis, auszubrechen und mal über die Stränge zu schlagen?
Das habe ich. Ich bin damit nur nicht in der Klatschpresse gelandet. Ich lebe noch immer mein Leben. Ich habe getrunken, bin mit meinen Freunden weggegangen, alles, was Teenager eben machen. Aber ich habe es geschafft, das aus den Medien rauszuhalten.
Wie haben Sie das gemacht?
Das ist eigentlich ganz einfach. Die meisten, die in den Zeitungen enden, organisieren doch sogar ihr Leben dafür. Sie werden fotografiert, weil sie fotografiert werden wollen. Wenn man in eine Bar geht, wo Paparazzi rumhängen, und hinterher raustorkelt, dann gibt es natürlich Fotos. Wenn man das nicht will, dann geht man halt nicht in bestimmte Bars. Und ich bin nie in Diskos gegangen.
Niemals in die Disko?
Vielleicht habe ich Glück. Aber ich hasse Diskos. Ich finde, das sind böse, laute, unwichtige, dumme Orte.
Und wo haben Sie Mädchen kennengelernt?
Alle Mädchen, mit denen ich ausgegangen bin, habe ich bei der Arbeit kennengelernt. Nicht alle bei Harry Potter. Und nie jemanden von den Darstellern. Keine Schauspielerinnen.
Und jetzt?
Meine jetzige Freundin hat als Produktionsassistentin beim sechsten und beim siebten Potter-Film gearbeitet. Unsere ersten Dates hatten wir so gegen Ende des siebten Films. Wir sind jetzt fast anderthalb Jahre zusammen.
Schon mal ans Heiraten gedacht?
Nein, noch nicht. Nein, nein, nein, nein, nein. Jedenfalls nicht in den nächsten Jahren. Wir haben noch genug Zeit. Außerdem war Heiraten für mich immer etwas sehr Steriles. Wenn man jemanden liebt, braucht man das nicht auf ein Stück Papier zu schreiben. Erst in letzter Zeit habe ich manchmal gedacht, dass es vielleicht doch schön wäre, vor seinen Freunden, seiner Familie und allen, die man kennt, aufzustehen und ihnen so zu sagen, dass man diese Person liebt.
Klingt romantisch.
Ich mag keine gezwungene Romantik. Ich habe nichts gegen den Valentinstag, aber ich mag ihn auch nicht. Romantik hat für mich immer etwas Spontanes. Wahrscheinlich könnte man mich schon einen Romantiker nennen.
Schreiben Sie deshalb Gedichte?
Als Schauspieler ist es sehr hilfreich, wenn man noch ein anderes Ventil hat, eine andere Möglichkeit, seine Kreativität auszuleben. Für mich ist das die Poesie, das Schreiben im Allgemeinen.
Reicht Ihnen die Schauspielerei nicht?
Auch als Schauspieler schafft man etwas, aber es ist nichts Eigenes. Es sind immer die Worte eines anderen. Und man kann zwar einen Charakter erschaffen, aber keine ganze Welt. Das ist der große Unterschied. Als Schriftsteller kann man mehr als nur eine Person erschaffen, man bringt eine ganze Geschichte, eine ganze Welt zum Leben. Und das kann unglaublich spannend sein. Deshalb würde ich gerne als Regisseur arbeiten. Mir hat einmal einer gesagt: Das aufregendste Gefühl überhaupt ist es, zur Arbeit zu gehen und in jeder Minute an jedem Tag eine kreative Entscheidung zu treffen. Ich glaube, das würde mich glücklich machen.
Werden Sie Ihre Gedichte veröffentlichen?
Nein. Wenn ich irgendwann finde, sie sind gut genug, dann werde ich vielleicht darüber nachdenken. Aber bisher sind sie das auf keinen Fall.
Emma Watson, die Harry Potters beste Freundin Hermine Granger gespielt hat, studiert jetzt Literatur in Oxford. Sie haben gleich „Die Frau in Schwarz“ gedreht. Hatten Sie keine Lust, nochmal etwas völlig anderes zu machen?
Emma hat schon während der letzten beiden Potter-Jahre studiert, es war für sie also nichts völlig neues. Und: nein. Ich habe die ganze Zeit gelernt, und ich lerne noch immer, weil ich lese. Schauspielerei ist das, was ich machen will, und ich wüsste nicht, wie es mich voranbringen würde, eine Auszeit zu nehmen. Ich will hart arbeiten, will den Leuten zeigen, dass ich hart arbeite. Deshalb bin ich direkt ins nächste Projekt eingetaucht.
Sie haben dank Harry Potter ein Vermögen angehäuft, zwischen 30 und 60 Millionen Euro liegen die Schätzungen. Finden Sie, Sie haben so viel verdient?
Niemand hat so viel Geld verdient, niemand kann so viel jemals verdienen. Das ist doch ein lächerlicher Haufen Geld. Es gibt Menschen, die retten jeden Tag Leben und verdienen nicht genug. Trotzdem hätten wohl nur wenige Menschen dieser Welt das abgelehnt. Ich war bei keinem der Filme an den Verhandlungen über meine Gage beteiligt. Und ich denke, wenn man das Geld hat, gibt es so viele gute und spannende Dinge, die man damit machen kann, durch die man auch etwas zurückgeben kann.
Zum Beispiel?
Ich habe ein Programm unterstützt, das jungen Schriftstellern Stipendien gibt. Und ich engagiere mich besonders für das „Trevor Project“ in Amerika, dem es darum geht, Selbstmorde junger Schwuler, Lesben, Bisexueller und Transsexueller zu verhindern.
Wie kamen Sie zu diesem Engagement?
Als ich nach New York bin, um Theater zu spielen, habe ich viele neue Leute kennengelernt. Einer von ihnen war selbst vom „Trevor Project“ betroffen. Für mich schien das so selbstverständlich, ich fand, so etwas müsse es überall geben. Aber ich lag falsch, es wird fast nichts für diese jungen Menschen getan. Und die Rechte Schwuler haben mich schon immer beschäftigt. Als ich aufwuchs, gab es viele schwule Männer um mich herum, aber das war nie ein Thema. Meine Eltern haben nie gesagt: Das ist Mark, er ist schwul, und das heißt, er mag Jungs. Mir wurde das nie erklärt, es musste auch nicht, es war eine völlig normale Sache. Als ich dann dieser Homophobie begegnete, war ich wirklich geschockt.
Und Ihre restlichen Millionen, wie geben Sie die aus?
Gar nicht. Also, ein bisschen etwas für Kunst, vor allem moderne Kunst. Ich habe ein Werk von Jim Hodges, ein Craigie-Aitchison-Porträt, das ist wundervoll und bunt und schön; ein Damien-Hirst- Schmetterlings-Gemälde, das liebe ich. Kunst gibt einem echte Freude, Ruhe und ein Gefühl von Farbe, wenn sie jeden Tag bei einem zu Hause hängt. Und sie ist ein sinnvolles Investment. Ansonsten habe ich mein Geld für nichts Interessantes ausgegeben, es sitzt irgendwo und häuft Zinsen an.
Wie schon bei Harry Potter kommen auch in „Die Frau in Schwarz“ Geister und Untote vor. Haben Sie ein Faible für Übersinnliches?
Nein, das ist witzig, denn ich glaube überhaupt nicht daran. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle aber auch mal meine Antwort ändern, ich habe den Eindruck, dass die Menschen immer etwas enttäuscht sind, dass ich nicht an Geister und an ein Jenseits glaube.
Ihr Vater ist ein nordirischer Protestant, ihre Mutter ist jüdisch. Sind Sie religiös?
Überhaupt nicht. Meine Mutter ist jüdischer Abstammung, aber sie praktiziert ihren Glauben nicht wirklich. Meine Großmutter lebt noch koscher. Und mein Vater, ich denke, ich denke, meine Eltern glauben beide an Gott, aber ich bin nicht sicher. Wir reden da nicht wirklich drüber.
War es schwer, sich auf Ihre erste große Rolle nach Harry Potter einzustellen, auf den jungen Witwer Arthur Kipps?
Ich hatte mir große Sorgen gemacht, dass ich an den Set kommen und plötzlich das Gefühl haben könnte, nicht zu wissen, was ich machen muss. Letztlich hat es sich aber ganz natürlich angefühlt. Das Kostüm hat mir sehr geholfen. Mit einem guten Kostüm fühlst du anders, du stehst anders da, es bringt einen Teil der Rolle mit sich. Es war nicht nur aufregend, etwas Neues zu machen. Ich erinnere mich an den ersten Tag am Set, da stand mein Name auf dem Drehplan zum ersten Mal nicht neben Harry Potter, sondern neben einer anderen Rolle - das war großartig. Das war so ein gutes Gefühl.
Der Horrorthriller „Die Frau in Schwarz“ ist ab dem 29. März in den Kinos zu sehen.
Hochwertige Schauspielerei?
Andreas Müller (Skelzor)
- 12.03.2012, 17:43 Uhr