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Verschollen auf See : Daniel Küblböck, vermisst

Daniel Küblböck bei der Tanzshow „Let’s Dance“ im Jahr 2015 Bild: dpa

Die Suche nach dem Entertainer und Unternehmer vor der Küste Neufundlands ist eingestellt worden. Hoffnung bleibt – und die Frage, wer uns da verloren gegangen ist.

          Dies ist kein Nachruf. Die Suche nach Daniel Küblböck ist zwar eingestellt, aber bis jemand für tot erklärt wird, dauert es Monate oder Jahre. Seine Liebsten haben jedes bisschen Hoffnung verdient, das sie noch haben. Und Daniel Küblböck verdient eine Würdigung, und zwar in diesen Tagen, in denen die Menschen sich damit beschäftigen, wer da auf dem Meer verschwunden ist.

          Er war einer der Jugendlichen, deren Aufwachsen die Nation im Fernsehen begleiten konnte. Gerade einmal siebzehn Jahre zählte er, als er an der ersten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ teilnahm und mit dem späteren Sieger Alexander Klaws und der Musicaldarstellerin Juliette Schoppmann ins Finale kam. Durchaus zur Überraschung der Jury, denn ein großer Sänger war der Niederbayer eigentlich nicht. Dafür liebten die Fans ihn für seine Fröhlichkeit, für seine Unverdrossenheit, für seinen extravaganten Modegeschmack und für seine Emotionalität, mit der er die teils harschen Jury-Urteile aufnahm. Vor allem die weiblichen Fans. Einige andere wussten nicht so richtig, was sie von einem offen bisexuellen Teenager halten sollten, der weder ihre männlichen Rollenklischees erfüllte noch den klassischen Privatfernseh-Homosexuellen geben wollte. Damit galt man 2003 vielen noch als Freak.

          Nach der Show war er überall. Er sang mit großem Erfolg das Lied „You Drive Me Crazy“, das perfekt zu ihm passte – bis zum heutigen Tag die beste Song-Wahl eines ehemaligen DSDS-Kandidaten. Er drehte einen (dem Vernehmen nach fürchterlichen) Film über sich selbst und fuhr mit einem Opel Astra in einen Gurkenlaster, ohne einen Führerschein zu haben. Seine Tour hieß „Positive Energie“, seine Fans wurden immer fanatischer. Die öffentliche Meinung zu ihm war klar: Da hat jemand den Boden unter den Füßen verloren.

          Diese Sichtweise ließ allerdings außer Acht, dass das genau das sein dürfte, was sich jemand wünscht, der so aufgewachsen ist wie er. Schon die schiere Existenz als bisexueller Jugendlicher in der niederbayerischen Provinz verleiht nicht gerade Flügel; auch die Familienverhältnisse im Hause Küblböck waren schwierig. „Wissen Sie, meine Mutter hat früher stets zu mir gesagt: ‚Du bist nichts und du wirst nichts werden‘", berichtete er 2015 der Zeitschrift „Bunte“. Zu diesem Zeitpunkt war die Mutter zum sechsten Mal geschieden; er hatte keinen Kontakt mehr zu ihr und sprach auch mit seinem Vater nur noch sporadisch.

          Der junge Küblböck wollte beweisen, was er konnte. Deshalb probierte er alles Mögliche aus. 2004 war er bei der ersten Staffel des Dschungelcamps dabei, 2005 bei „Big Brother“. Er versuchte sich im Country, im Jazz, in Chansons, im deutschsprachigen Pop. Und er tat etwas, das so clever war, dass es ihm damals nicht viele zugetraut hätten: Er steckte sein Geld in Solarenergie. Auch das passte perfekt zu ihm und seinem Slogan „Positive Energie“. Aber vor allem war der Zeitpunkt günstig. Ab diesem Zeitpunkt finanzierte die Dividende sein Leben, und zwar recht komfortabel.

          2011 fand er seine Familie – auf unerwartete Weise. Die Immobilien-Millionärin Elisabeth Kaiser adoptierte den damals Sechsundzwanzigjährigen, der seinen Namen in Daniel Kaiser-Küblböck änderte und anfing, sie „Omi“ zu nennen. „Sie ist meine Familie“, sagte er im „Bunte“-Interview. „Sie kümmert sich emotional um mich, kocht meine Lieblingsessen. Das sind so ganz banale Sachen. Wenn sie sagt: ‚Daniel, mach deine Jacke zu.‘ Oder: ‚Rauch nicht so viel.‘ So etwas kannte ich vorher nicht. Das macht mich glücklich.“

          So lernte Deutschland Küblböck kennen: Mit 17 Jahren nahm er an „DSDS“ teil.

          Wie sehr er sich weiterentwickelt hatte, konnte 2015 wieder jeder auf RTL sehen. Da nahm er an der Show „Let’s Dance“ teil, sah fit und lässig aus, war sympathisch und lustig. Als er nach acht Wochen ausschied, war er erleichtert, weil es ihm nicht leicht gefallen war, sich in das starre Korsett der wöchentlichen Tanzshow zu quetschen. Aber zuvor räumte er noch den ersten Platz im Discofox-Wettbewerb ab. Darauf hatte ihn das Aufwachsen in der niederbayerischen Provinz immerhin optimal vorbereitet.

          Als der Sänger an Bord des Kreuzfahrtschiffes von Hamburg nach New York ging, war er 33 Jahre alt. Ein Zeuge will gesehen haben, wie am 9. September vor der Küste Neufundlands von Deck 5 sprang; ins offene Meer, das in diesem Gebiet zehn Grad kalt ist. Seitdem wird Daniel Küblböck vermisst; mehrere Schiffe suchten vergeblich nach ihm. Es bleibt nur die allerletzte Hoffnung, dass er sich heimlich nach Neufundland abgesetzt hat: um Schafe zu züchten und den Blues zu singen.

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