20.07.2007 · Das geistige und politische Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, ist in Deutschland populärer als der Papst. Am Wochenende werden in Hamburg 30.000 Besucher zu seinen Vorträgen über Buddhismus erwartet.
Von Frank Pergande, HamburgDer erste Auftritt des Dalai Lama in Hamburg war mit besonderer Spannung erwartet worden. Was würde das geistliche Oberhaupt der Tibeter zur Gleichstellung von Nonnen im Buddhismus sagen? Würde er sich dafür aussprechen, dass auch Nonnen wieder ordiniert werden und auch Führungspositionen besetzen dürfen? Das Publikum des Dalai Lama war ein Kongress buddhistischer Nonnen an der Hamburger Universität mit 300 Teilnehmerinnen aus 30 Ländern. Wie der Dalai Lama über die Sache denkt, hatte er schon bei seiner Ankunft am Donnerstag auf dem Hamburger Flughafen gesagt: „Weiblichkeit ist ein Symbol von Mitgefühl.“
In seinem Vortrag nun sprach er sich zwar für ein gleichberechtigtes Miteinander von Frauen und Männern im Buddhismus aus. Allerdings, so ergänzte er im Audimax der Universität, dürfe er nicht allein entscheiden, ob es wieder eine volle Ordination von Nonnen im tibetischen Buddhismus geben könne. „Das muss die Religionsgemeinschaft gemeinsam entscheiden.“ Den Kongress organisiert hatten die Studienstiftung Buddhismus und das Asien-Afrika-Institut (AAI) der Universität Hamburg. Am AAI soll ein Forschungszentrum zum Buddhismus entstehen und ein erweiterter Studiengang Buddhismuskunde aufgebaut werden.
Populärer als der Papst
Der Dalai Lama, der „Ozean der Weisheit“, wie die Übersetzung seines Titels lautet, ist in Deutschland populärer als der Papst. Wen der Mönch mit der großen Brille anlächelt, der fühlt sich in aller Regel beglückt. Seinen Wegweisungen folgen Tausende. Seit Anfang der siebziger Jahre reist der heute 72 Jahre alte Dalai Lama immer wieder auch durch die westliche Welt. 1989 bekam er den Nobelpreis für seine Bemühen, das Tibet-Problem gewaltfrei zu lösen.
Jetzt ist er für eine Woche in Hamburg. Anlass ist das dreißigjährige Bestehen des Tibetischen Zentrums, dessen Schirmherr der Dalai Lama ist. Das Zentrum liegt im Stadtteil Rahlstedt und unterscheidet sich kaum von den Einfamilienhäusern der Nachbarschaft. Nur drinnen sieht es anders aus. Aus dem alten Schwimmbad etwa wurde ein Tempel. Geschäftsführer ist hier Christoph Spitz, der seit 1991 auch die Worte Seiner Heiligkeit übersetzt.
Tibetische Zeltstadt am Rothenbaum
Dreimal war der Dalai Lama schon in Hamburg. Aber noch nie so lange und mit so einem dichten Programm. Auftritte wie in Hamburg sind allerdings keineswegs selten. In Zürich vor zwei Jahren kamen fünf Tage lang jeweils 9000 Besucher. In Hamburg werden 30.000 erwartet aus mehr als 30 Ländern. Dafür wurde das Tennisstadion am Rothenbaum umgebaut. Vor dem Stadion entstand eine kleine tibetische Zeltstadt. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, unter anderem mit einem Auftritt des Musikers John McLaughlin bei einem Benefizkonzert.
Auch einige politische Veranstaltungen sind ausgewiesen, etwa eine Podiumsdiskussion über „China – Weltmacht ohne Menschenrechte“. Die Hamburger Grünen haben angekündigt, auf das Schicksal Tibets am Montag öffentlich aufmerksam machen zu wollen. Etwa zwei Millionen Euro wird das gesamte Programm kosten. Wer den Dalai Lama hören will, muss zahlen. Die Wochenkarte kostet 225 Euro. Allerdings zieht der Dalai Lama daraus keinen persönlichen Nutzen.
Politische Eiertänze
Abgestiegen ist er im Hotel Grand Elysée – auf Einladung des Hauses. Das Hotel hatte zu seiner Ehre überall Orchideen aufstellen lassen, seine Lieblingsblume. Zunächst war der Name des Hotels wie ein Geheimnis behandelt worden – wie überhaupt so manches am Besuch wie ein Geheimnis wirkte. Mal hieß es, er komme mit eigenem Koch, dann wieder, es komme kein Koch mit. Am Donnerstag jedenfalls landeten der Dalai Lama und seine kleine Delegation mit dem Privatflugzeug in Hamburg. Die Fahrten in der Stadt unternimmt er mit einer Limousine, welche die Polizei zur Verfügung gestellt hat.
Der Gast trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein und sprach eine halbe Stunde lang mit Ole von Beust (CDU). Der Bürgermeister sagte, ihn freue die Begegnung. Vorsichtshalber fügte er aber hinzu, politische Aussagen seien damit nicht verbunden. Es war wohl dennoch kein Zufall, dass noch am selben Abend sozusagen als Ausgleich das neue Hamburg-China-Portal im Internet freigeschaltet wurde.
Kritik an der Konsumfreude im Westen
Die chinesische Botschaft hat denn auch förmlich gegen den Besuch des Dalai Lama in der Stadt protestiert. China hat 1965 die Heimat des Dalai Lama besetzt. Er selbst floh nach Indien, wo er als geistliches wie weltliches Oberhaupt der Tibeter eine Exilregierung errichtet hat. China sieht mit Argwohn, welchen Erfolg er auch bei westlichen Regierungen hat.
Am Wochenende spricht der Dalai Lama über „Frieden lernen – die Praxis der Gewaltlosigkeit“. Bei ihm ist das verbunden mit Kritik an der Konsumfreude im Westen. So sagte er in Hamburg: „Wenn wir den inneren Werten mehr Beachtung schenken, werden wir auch glücklicher sein. Wenn wir Mitgefühl im Herzen tragen, dann wirkt sich das gut auf unsere Psyche aus.“ Solche Gedanken finden nicht nur in Hamburg viele Anhänger.
Die Veranstaltungen mit dem Dalai Lama waren innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. Am Samstag kommender Woche will er nach Freiburg weiterreisen.
Wir Buddhisten?
Während sich die deutsche Gesellschaft immer weiter säkularisiert, geht vom Buddhismus eine ungebrochene Anziehungskraft aus. Sie hat gewiss auch mit der Glaubwürdigkeit zu tun, die der Dalai Lama, das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, seit Jahrzehnten ausstrahlt. Gleichwohl bleiben Fragen.
Der „Gottkönig“ kann den Deutschen radikale Dinge predigen, die sie weit von sich weisen, wenn Priester oder selbst der Papst sie recht maßvoll fordern. Denn der Buddha predigte eine strenge Lehre der Loslösung vom Dasein, damit Leiden vermieden und das Rad der Wiedergeburten (Sansara) unterbrochen würden. Leben ist unstillbarer Durst, der zu Leiden führt.
Leidaufhebung durch bewusste Askese - so könnte man mit Arthur Schopenhauer, dem „Frankfurter Buddha“, Sinn und Ziel des dhamma bestimmen, wie Buddha seine Lehre selbst nannte. Sind alle Wohlstandsdeutschen, die ihm folgen, wirklich für den Rest ihres Lebens an dieser Askese interessiert? Oder folgen sie nur einer Mode, die auch mit Schlagworten zu tun hat, die man über den Buddhismus in Umlauf gebracht hat?
Etwa, dass man keiner Religion folge, sondern nur einer Philosophie; oder dass der Buddhismus keine Gewalt geübt habe - die Geschichte Asiens spricht da eine andere Sprache, gerade im 20. Jahrhundert. Phantasieren sich manche nicht einen Buddhismus zurecht, der mehr über sie selbst aussagt als über die Lehre des Erhabenen und Erleuchteten?
Die individuelle Suche nach Heil mag ein zusätzlicher Anreiz in einer Zeit sein, da es unpopulär ist, sein Ich etwa in der Kirche unterzuordnen. Selbsterlösung scheint eine der Triebfedern von Selbstverwirklichern zu sein, die freilich vergessen, dass eine der Hauptlehren Buddhas darin bestand, die Existenz eines Selbst zu leugnen, sie als täuschendes Konstrukt des Sinnesapparats zu durchschauen.
Man sollte wissen: Tibets Buddhismus ist die hierarchischste Form religiösen Lebens, die gegenwärtig existiert - durchsetzt zudem mit Formen des Aberglaubens, die den Buddha hätten erschauern lassen.
(Wolfgang Günter Lerch)
Buddhismus, die Religion der Zukunft?
Gottfried Strobel, Ing.i.R. (icc)
- 20.07.2007, 21:19 Uhr
Papst vs. Dalai Lama
Tobias Kress (Technikerk)
- 21.07.2007, 06:05 Uhr
Der liebe Friedensengel !
Burkhard Henze (burkhard60)
- 24.07.2007, 20:06 Uhr
Frank Pergande Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.
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