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Veröffentlicht: 06.07.2013, 19:22 Uhr

CSU-Politiker You Xie Frag nicht, was deine neue Heimat für dich tun kann

You Xie, 55, besitzt einen China-Imbiss in Bamberg. Außerdem ist Xie: preisgekrönter Journalist, einflussreicher Intellektueller und Dissident. Und, am überraschendsten: Xie ist ein kleiner Star in der CSU. „Sehr ausländerfreundlich“ findet er seine Partei.

© Lisowski, Philip You Xie vor der Universitätsbibliothek in Bamberg: Was er an der CSU und Bamberg schätzt, das ist eben die konservative Kultur

Der Bamberger Bürgermeister Werner Hipelius, ein Mann der CSU, redet von ihm, als gehöre er schon immer dazu. Er sei ein Leistungsträger, in den man große Hoffnungen setze. Dann - gewissermaßen als Höhepunkt der Lobeshymne - ballt Hipelius die linke Faust und schwärmt: „Der You ist ein Wertkonservativer, ein echter Schwarzer.“

Wer bei diesen Worten an bayrische Nachwuchspolitiker aus alteingesessenen Familien denkt, der irrt. Vielmehr gilt das Loblied des Kulturreferenten Hipelius einem fünfundfünfzigjährigen Chinesen, der erst seit drei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. You Xie ist Gastronom und Besitzer des in Bamberg legendären „China Fan Imbiss“. Außerdem ist Xie preisgekrönter Journalist, einflussreicher Intellektueller, Schriftsteller und Dissident. Seit neuestem aber ist er, der auch Mitglied des CSU-Kreisvorstands ist, für die Partei in Bamberg ein Star, nicht ganz unähnlich dem einst aufstrebenden Karl-Theodor zu Guttenberg.

Politische Willkür und Zufall bringen Xie nach Bamberg

„Einmal gebratenen Reis mit Rindfleisch“, ruft Xie seinem Koch auf Chinesisch vom Erdgeschoss über die Treppe in den ersten Stock zu. Die Küche seines Imbisses liegt in der ersten Etage; Rapsölkanister säumen den Treppenaufgang. Der Imbissbesitzer trägt eine randlose Brille und eine schwarze chinesische Jacke, die samtig glänzt. Beim Kassieren verbeugt Xie sich tief.

Auf seiner Facebook-Seite schreibt er Sätze wie: „Bamberg, meine neue Heimat, die beste Stadt der Welt.“ Oder: „Konfuzius sagt: Bierkeller in Bamberg am besten!“ Dabei ist es eine Mischung aus politischer Willkür und Zufall, die den Chinesen von der Tropeninsel Hainan ins oberfränkische Bamberg spülte. Als Xie acht Jahre alt ist, ruft Mao Tse-Tung in China die „Große Proletarische Kulturrevolution“ aus. Die Roten Garden zerren Xies Vater, Anhänger des Mao-Gegners Tschiang Kai-shek, ins Gefängnis. Xies Mutter hält den Terror nicht aus. „Sie hat sehr gelitten“, sagt Xie mit gesenktem Kopf. Schließlich bringt sie sich um. Einen Moment hält Xie im Erzählen inne.

Nach Maos Tod läutet Deng Xiaoping die Reform- und Öffnungspolitik ein. Die Kommunistische Partei verordnet Xie das Studienfach Deutsch. Nach dem Studium zieht der frischgebackene Absolvent nach Schanghai. In den großen Städten an der Ostküste ist die Aufbruchstimmung mit Händen zu greifen, überall sucht man junge Leute mit Fremdsprachenkenntnissen. Xie heuert als Dolmetscher bei VW an.

Doch er fühlt sich nicht wohl in China und möchte weg. Wegen seines Studiums fällt die Wahl auf Deutschland. Und da ihm die Universität Bamberg am schnellsten die Zulassung zum Germanistikstudium schickt und er in einer Broschüre liest, dass es in Bamberg vergleichsweise einfach sei, eine Wohnung zu finden, steigt er 1988 - nach einer Odyssee durch China, die ehemalige Sowjetunion und die DDR - in Bamberg aus dem Zug.

Ein kleines Stück Zeitungsgeschichte

„President“ prangt auf der Tür des Zimmers im zweiten Stock. Xies Redaktionsraum kommt mit einem Computer, einem Telefon und einem Faxgerät aus. In diesen zehn Quadratmetern hat Xie ein kleines Stück Zeitungsgeschichte geschrieben. 1999 gründet der leidenschaftliche Schreiber das einzige chinesischsprachige Monatsmagazin Deutschlands. Die „European Chinese News“ sind ein Nachrichtenmagazin, in dessen 115. Ausgabe Xie zum Beispiel unter Rückgriff auf den Rechtsphilosophen Gustav Radbruch erklärt, wieso die Verhaftung des Dissidenten Liu Xiaobos unrecht sei. Auch sind die „European Chinese News“ ein Ratgeber, in dem Xie Fragen chinesischer Leser beantwortet, etwa: „Muss mein Sohn wirklich keinen Wehrdienst leisten?“

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