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Containern : Frisches Obst aus dem Müll

  • -Aktualisiert am

Die appetitliche Beute dieser Nacht: Leipziger Studentinnen haben Obst und Gemüse aus den Mülltonnen eines Supermarkts geholt Bild: Matthias Lüdecke

Nach dem Gesetz ist es Diebstahl und Hausfriedensbruch, für die Anhänger der Versuch, ein Leben ohne Massenkonsum zu führen: Das „Containern“ wird auch bei Studenten in Leipzig immer beliebter.

          Der Schnee knirscht unter Lauras Füßen, als sie am späten Abend an das Gitter tritt, darüberklettert und zu den Mülltonnen hinunterspringt. Sie öffnet die grüne Tonne mit der Aufschrift „Nicht zum menschlichen Verzehr geeignet“ und greift entschlossen hinein. Zusammen mit ihrer Freundin Rike stapelt sie die Köstlichkeiten auf der Mülltonne daneben. Wie ein Stillleben liegen Orangen, Bananen, Zitronen, Chicorée, Kartoffeln, Paprika, Tomaten, Radieschen, Karotten, Gurken, Äpfel und ein Bund lilafarbener Blumen auf dem verschneiten Deckel.

          Laura und Rike wohnen mit zwei Freundinnen in einer Wohngemeinschaft in Leipzig. Alle vier Studentinnen „containern“. Sie suchen regelmäßig nach Ladenschluss in den Müllcontainern von Supermärkten nach Essen, das noch nicht verdorben ist, auch wenn das Haltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist. Die Idee stammt aus den Vereinigten Staaten, wo zur Mitte der neunziger Jahre die „Freeganism“-Bewegung von Globalisierungsgegnern und Umweltaktivisten entstand - aus „free“ und „veganism“. Die Anhänger versuchen, ein Leben ohne Massenkonsum zu führen.

          „Als würden wir auf den Flohmarkt gehen“

          Die Mädchen an der Tonne fangen an einzupacken. Nur das Geraschel der Plastiktüten und ihr Gemurmel sind zu hören: „Bananen gibt es im Moment immer viele“ - „Möhren sind gut“ - „Chicorée haben wir noch“. Im Hintergrund rauscht die Straßenbahn vorbei. Vor dem Zaun steht ihre Mitbewohnerin Helen, zieht frierend die Hände in die Jackenärmel und malt wartend mit der Fußspitze Muster in den Schnee. Kälte ist gut fürs Containern, dann bleiben die Lebensmittel frischer. An diesem Abend könnte man fast alles aus der Mülltonne mitnehmen, trotzdem legen sie ein paar Bananen, einen Sack Kartoffeln und den Chicorée zurück. „Es soll ja auch nicht bei uns zu Hause vergammeln, vielleicht kommt heute noch jemand.“ Sie geben Helen ihre Beute über den Zaun und klettern aus dem Käfig heraus. Dann beladen sie ihre Fahrräder und fahren in die Winternacht davon. Nur noch Tomatenstiele vor dem Gitter verraten, dass jemand hier war.

          Laura (23), Rike (21) und Helen (22) sind über Freunde und Kommilitonen aufs Containern gekommen. Im Freundeskreis ist das nichts Besonderes mehr. Beim letzten Besuch in Leipzig war sogar Rikes Mutter mit beim Containern. „Das war, als würden wir auf den Flohmarkt gehen“, erinnert sich die Tochter. Lauras Großmutter allerdings ist gegen das Containern. Mit solchen Sachen werde Diebstahl immer mehr zum Kavaliersdelikt. Und etwas umsonst bekommen, das wollten schließlich alle, das sei nun gerade nicht die gute Tat.

          Containern ist nach dem Gesetz Diebstahl und Hausfriedensbruch. „Die Abfälle werden verschlossen, weil wir als Supermarkt dafür haften“, erläutert Stephanie Maier, die Pressesprecherin der Supermarktkette Rewe für die Region Ost. „Würde sich jemand an frei zugänglichen Tonnen verletzen oder sich am Essen den Magen verderben, würden wir dafür haftbar gemacht.“ Alle Rewe-Supermärkte arbeiten seit 1996 mit der „Tafel“ zusammen - einer Organisation, die seit den frühen neunziger Jahren überschüssige Lebensmittel sammelt und an Bedürftige verteilt. „Was noch gut ist, bekommt die Tafel“, sagt Stephanie Maier. „Die wirklichen Abfälle kommen in den Müll.“ Aber auch die Abfälle sehen in dieser Nacht noch taufrisch aus. An manchen Supermärkten legen die Angestellten abends die „Abfälle“ auch schon griffbereit für die Diebe obenauf in die Tonne.

          Biobäcker statt nächtlicher Diebstahl

          Als Esther zum ersten Mal containern war, schockierte es sie, was so alles im Müll liegt. Die 21 Jahre alte Soziologiestudentin ist bei ihrem Auslandsjahr nach dem Abitur aufs Containern gestoßen. Das Frauenhaus, in dem sie in Amerika arbeitete, wurde mit Lebensmittelspenden unterstützt. Was übrig war, durfte sie mit nach Hause nehmen. „Das kam mir sehr gelegen, ich hatte nicht viel Geld.“ Seit sie wieder zurück ist, hat sie sich ausgiebig mit der Verschwendung von Nahrungsmitteln in Deutschland beschäftigt: Jahr für Jahr werden elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, drei Fünftel davon in Privathaushalten, 82 Kilogramm pro Einwohner, das hat im Frühjahr eine Studie der Universität Stuttgart im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums ergeben. Esther verteilte im Sommer Essen aus containerten Lebensmitteln auf dem Campus der Universität Leipzig, um auf das Problem aufmerksam zu machen. „Essen im Eimer“ stand in dicken schwarzen Lettern auf ihren Flyern, darunter eine überquellende Mülltonne. Esther will mit dem Containern „ein Zeichen gegen Wirtschaft nach kapitalistischer Logik“ setzen.

          Klara, eine 22 Jahre alte Studentin der Kultur- und Medienpädagogik, hat sich für einen anderen Weg des Protests entschieden. Sie wohnt in einer Hausgemeinschaft im Stadtteil Lindenau. 16 Leute „unterschiedlichster Lebensphilosophien“, wie sie sagt, bewohnen einen Altbau und teilen sich Küche und Essen. Der Sockel des Hauses ist grell bemalt, an einer großen Fensterscheibe der Küche im Erdgeschoss ist noch schwach „Boutique“ zu lesen, mit buntem Klebeband daneben die Hausnummer. An der Scheibe hängen Zettel von Yogakursen, der Freien Musikschule, einer vegetarischen AG und die Einladung „Lehmspiegel selber machen“. In der Küche bunt zusammengewürfelte Möbel, das Geschirr stapelt sich neben der Spüle, Blumen auf dem Tisch, ein Dreirad mittendrin, in der Ecke ein Haufen Kartons. Früher seien sie viel für die Hausgemeinschaft containern gewesen, berichtet Klara. „Heute versuchen wir, uns nur noch biologisch und regional zu ernähren.“ Sie kaufen bei Biobauern und Biobäckern ein. Ihre gemeinsame Idee: weg von der Massenproduktion, unabhängige Ernährung mit „Bezug zum Essen“ und dessen Herkunft. Klara nennt das „unsere gemeinsame Haus-Utopie“. Biobäcker statt nächtlicher Diebstahl - da könnte wohl auch Rikes containerkritische Großmutter noch mal Utopistin werden.

          Quelle: F.A.Z.

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