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Comedian Martin Fromme : „Geht ein Einarmiger in die Stadt …“

  • Aktualisiert am

„Natürlich stellen sich am Anfang alle die Frage: Darf ich darüber lachen?“ Bild: Edgar Schoepal

Comedian Martin Fromme ist behindert und macht (auch) Witze über Behinderte. Im F.A.S.-Interview spricht er über Komik, Alltagssituationen von Behinderten und Berührungsängste.

          Herr Fromme, Sie stammen aus Wanne-Eickel, wie viele Lacher kriegen Sie allein damit?

          Sofort ganz viele. Ruhrgebiet ist ja Wanne-Eickel. Wenn ich dagegen sage, ich komme aus Essen, passiert gar nichts. Gleich zu Beginn meines Programms hisse ich die Fahne von Wanne-Eickel, das heißt, ich atme kräftig aus. Im Ruhrgebiet geht es eben härter zu.

          Sie machen oft Witze über Behinderte, trauen sich die Leute da, zu lachen?

          Ich bin selbst behindert, und das ist wie eine Erlaubnis, darüber auch zu lachen. Wobei meine Shows höchstens zu fünf Prozent aus Witzen über Behinderung bestehen. Ich beginne immer mit ganz normalen Gags, die Leute müssen sich ja erstmal eingucken. Die meisten wissen auch nicht, dass mir ein Arm fehlt, und denken dann: Aha, ein Trick, irgendwann klappt der Arm sicher nach vorn.

          Ihr Lieblings-Gag zum Thema?

          Der Standard ist: Ein Einarmiger geht in die Stadt und sucht ’nen Second-hand-Laden.

          Den dürfen nur Sie machen?

          Nein, der Witz muss gut sein. Dass nur Behinderte über Behinderte Witze machen dürfen, ist doch Blödsinn. Natürlich stellen sich am Anfang alle die Frage: Darf ich darüber lachen? Ich mache ja ein bisschen schwarzen, zum Teil kruden Humor. Es ist wichtig, dass die Stimmung am Anfang schon gelöst ist, denn wenn da keiner lacht, traut sich auch später keiner mehr, dann denken alle, das sei behindertenfeindlich.

          Ist Ihnen das schon passiert?

           Ja, 1998 bei Harald Schmidt, mit meinem Partner Dirk Sollonsch. Die Leute wussten nicht, dass ich behindert bin, wir kamen raus, und ich sagte: „Tut mir leid, wir können noch nicht anfangen, ich hab meinen Arm verloren.“ Schluss, aus, niemand hat gelacht, keiner wusste, wie er sich verhalten sollte, da war eisige Stille. Dann habe ich gesagt: „Wenn jetzt keiner klatscht, gibt’s paar in die Fresse.“ Dann wurde gelacht, aber unsere Fernsehkarriere war erstmal vorbei.

          In „Paracomedy“ auf Comedy Central bringen Sie Leute bewusst in peinliche Situationen.

          Das ist eben versteckte Kamera mit behinderten Protagonisten. Klar bringen wir Leute in peinliche Lagen, wenn ich etwa mit Surfbrett aus dem Meer gerannt komme und „Haie, Haie“ schreie oder dem Ausländer erkläre, dass ich keinen Hitlergruß machen kann. Der hat sich übrigens hinterher kaputtgelacht. Wir bitten die Leute immer um ihr Einverständnis, und 95 Prozent sagen gleich ja, die finden’s lustig.

          Wie reagieren die Leute abseits der Bühne auf Sie?

          Der typische Reflex ist: Wenn ich einen Behinderten sehe, erstmal weggucken, danach verschämt aus dem Augenwinkel schauen, vorbeigehen, umdrehen und richtig gucken. Mir macht das nichts aus. Das ist ganz einfach mein Körper, ich lebe ja seit 50 Jahren ohne meinen linken Arm, und die Leute gucken eben so, wie sie schöne und hässliche Leute auch angucken.

          Lösen Sie die Beklemmung ab und an mit Scherzen?

          Wenn ich Lust habe ja, dann sage ich: „Entschuldigung, ich habe gestern gegen Mike Tyson geboxt, und der hält sich leider nicht mehr mit Ohrläppchen auf.“ Aber das mache ich selten, Normalität wird nicht durch Scherze ausgelöst.

           Wie normal ist das Leben für Behinderte heute?

          Ziemlich normal. Unnormal ist, dass man sie in den Medien kaum sieht. Es leben 7,3 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland, aber wo kommen die vor? Wer nicht mit Behinderten zu tun hat, hat bei diesem Thema Angst, das ist mir klar. Aber wer, wenn nicht Medien oder Politik, kann das entmystifizieren?

          Sind Wolfgang Schäuble oder die künftige Rheinland-Pfälzer Regierungschefin Malu Dreyer keine Vorbilder?

          Dass jemand in entscheidender Position im Rollstuhl sitzt, bringt sicher Akzeptanz. Aber in der Politik fehlt viel Aufrichtigkeit. Zwar wird immer wieder über Inklusion geredet, aber sich wirklich persönlich für Behinderte einzusetzen, der Wille fehlt, glaube ich, komplett. Nehmen Sie die Arbeitslosenzahlen. Die gehen seit Jahren zurück, aber der Anteil Arbeitsloser mit Behinderung steigt. Da läuft was falsch.

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