Herr Fromme, Sie stammen aus Wanne-Eickel, wie viele Lacher kriegen Sie allein damit?
Sofort ganz viele. Ruhrgebiet ist ja Wanne-Eickel. Wenn ich dagegen sage, ich komme aus Essen, passiert gar nichts. Gleich zu Beginn meines Programms hisse ich die Fahne von Wanne-Eickel, das heißt, ich atme kräftig aus. Im Ruhrgebiet geht es eben härter zu.
Sie machen oft Witze über Behinderte, trauen sich die Leute da, zu lachen?
Ich bin selbst behindert, und das ist wie eine Erlaubnis, darüber auch zu lachen. Wobei meine Shows höchstens zu fünf Prozent aus Witzen über Behinderung bestehen. Ich beginne immer mit ganz normalen Gags, die Leute müssen sich ja erstmal eingucken. Die meisten wissen auch nicht, dass mir ein Arm fehlt, und denken dann: Aha, ein Trick, irgendwann klappt der Arm sicher nach vorn.
Ihr Lieblings-Gag zum Thema?
Der Standard ist: Ein Einarmiger geht in die Stadt und sucht ’nen Second-hand-Laden.
Den dürfen nur Sie machen?
Nein, der Witz muss gut sein. Dass nur Behinderte über Behinderte Witze machen dürfen, ist doch Blödsinn. Natürlich stellen sich am Anfang alle die Frage: Darf ich darüber lachen? Ich mache ja ein bisschen schwarzen, zum Teil kruden Humor. Es ist wichtig, dass die Stimmung am Anfang schon gelöst ist, denn wenn da keiner lacht, traut sich auch später keiner mehr, dann denken alle, das sei behindertenfeindlich.
Ist Ihnen das schon passiert?
Ja, 1998 bei Harald Schmidt, mit meinem Partner Dirk Sollonsch. Die Leute wussten nicht, dass ich behindert bin, wir kamen raus, und ich sagte: „Tut mir leid, wir können noch nicht anfangen, ich hab meinen Arm verloren.“ Schluss, aus, niemand hat gelacht, keiner wusste, wie er sich verhalten sollte, da war eisige Stille. Dann habe ich gesagt: „Wenn jetzt keiner klatscht, gibt’s paar in die Fresse.“ Dann wurde gelacht, aber unsere Fernsehkarriere war erstmal vorbei.
In „Paracomedy“ auf Comedy Central bringen Sie Leute bewusst in peinliche Situationen.
Das ist eben versteckte Kamera mit behinderten Protagonisten. Klar bringen wir Leute in peinliche Lagen, wenn ich etwa mit Surfbrett aus dem Meer gerannt komme und „Haie, Haie“ schreie oder dem Ausländer erkläre, dass ich keinen Hitlergruß machen kann. Der hat sich übrigens hinterher kaputtgelacht. Wir bitten die Leute immer um ihr Einverständnis, und 95 Prozent sagen gleich ja, die finden’s lustig.
Wie reagieren die Leute abseits der Bühne auf Sie?
Der typische Reflex ist: Wenn ich einen Behinderten sehe, erstmal weggucken, danach verschämt aus dem Augenwinkel schauen, vorbeigehen, umdrehen und richtig gucken. Mir macht das nichts aus. Das ist ganz einfach mein Körper, ich lebe ja seit 50 Jahren ohne meinen linken Arm, und die Leute gucken eben so, wie sie schöne und hässliche Leute auch angucken.
Lösen Sie die Beklemmung ab und an mit Scherzen?
Wenn ich Lust habe ja, dann sage ich: „Entschuldigung, ich habe gestern gegen Mike Tyson geboxt, und der hält sich leider nicht mehr mit Ohrläppchen auf.“ Aber das mache ich selten, Normalität wird nicht durch Scherze ausgelöst.
Wie normal ist das Leben für Behinderte heute?
Ziemlich normal. Unnormal ist, dass man sie in den Medien kaum sieht. Es leben 7,3 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland, aber wo kommen die vor? Wer nicht mit Behinderten zu tun hat, hat bei diesem Thema Angst, das ist mir klar. Aber wer, wenn nicht Medien oder Politik, kann das entmystifizieren?
Sind Wolfgang Schäuble oder die künftige Rheinland-Pfälzer Regierungschefin Malu Dreyer keine Vorbilder?
Dass jemand in entscheidender Position im Rollstuhl sitzt, bringt sicher Akzeptanz. Aber in der Politik fehlt viel Aufrichtigkeit. Zwar wird immer wieder über Inklusion geredet, aber sich wirklich persönlich für Behinderte einzusetzen, der Wille fehlt, glaube ich, komplett. Nehmen Sie die Arbeitslosenzahlen. Die gehen seit Jahren zurück, aber der Anteil Arbeitsloser mit Behinderung steigt. Da läuft was falsch.
Behinderte werden bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt.
Ja, weil Arbeitgeber dazu verpflichtet sind. Aber in Unternehmen ist doch sofort Angst da: O Gott, ’n Behinderter, da brauch ich Rampen, rollstuhlfreundliche Toiletten. Würden sie wirklich mal einen Behinderten einstellen, würde sich der Umgang ändern. Sobald Behinderte sichtbar sind, werden Zwänge aufgelöst, Ängste beseitigt. Aber Firmen zahlen lieber Strafen, als sich mit Behinderten abzugeben.
Im Fernsehen spielen häufig Nichtbehinderte Behinderte.
Das ist verrückt. Edgar Selge, der im „Polizeiruf 110“ einen einarmigen Kommissar spielt, hat seinen Arm immer auf dem Bauch oder Rücken abgeschnürt, das sieht komplett unnatürlich aus. Mir fällt das sofort auf, aber die Macher haben keinen Arsch in der Hose, einen Behinderten zu besetzen. Vor kurzem gab es einen Film über Inklusion, aber ohne Schauspieler mit Behinderung. Das hätte mehr Zeit und Geld gekostet, hieß es dann, aber das ist doch Idiotie. Inklusion kostet nun mal Zeit und Geld, und wenn man das nicht investieren will, soll man’s lassen. Behinderung ist normal, und genau das muss gezeigt werden.
So wie Guildo Horn in seiner Talkshow mit geistig Behinderten?
Die war phantastisch, die Behinderung war in den Gesprächen kein Thema, und genau so muss das sein. Aber der SWR hat die Show eingestellt. Warum? Quote? Das ist doch öffentlich-rechtlicher Rundfunk, und der hat die Pflicht, solche Formate anzubieten. Eine Fernsehserie, wo die Behinderung anfangs gezeigt wird, aber dann keine Rolle mehr spielt, ist überfällig.
Bei „Stromberg“ haben Sie Gernot Graf gespielt, einen bösen Behinderten.
Eine absolute Superrolle. Ich war beim Casting, und ich wollte unbedingt ein Arschloch spielen, jemanden, der die Rolle bricht, ohne Mitleid. Das traf sich mit den Vorstellungen von Ralf Husmann, dem Chefautor. Meine Behinderung ist nur am Anfang Thema, als Stromberg mich mit dem Satz „Weniger ist manchmal mehr“, einstellt.
Wie sind Sie aufgewachsen?
Absolut normal. Ich habe diese Gliedmaßenfehlbildung von Geburt an, keiner kann sagen, woran es lag. Es war die Contergan-Zeit, aber das war nicht der Grund. Es ist eben eine Laune der Natur. Ich bin in eine ganz normale Schule gegangen, die meisten dort kannten mich schon aus dem Kindergarten, und ich habe immer alles mitgemacht, bin auch ins Handballtor gegangen. Ich nehme meinen Körper so, wie er ist. Der fehlende Arm bestimmt nicht mein Leben, er ist einfach ein Körperteil, das nicht da ist.
So lebensbejahend wie Sie ist freilich nicht jeder.
Deshalb versuche ich, mit meinem Programm zur Normalität beizutragen. Ich merke, dass sich die Leute hinterher mehr trauen; egal ob behindert oder nicht behindert, sie verlieren Berührungsängste. Da war mal eine Frau, auch einarmig, die das aber nicht zeigte. Beim zweiten Mal in meiner Show war sie nur im Pulli da, beim dritten Mal nur im T-Shirt, und beim vierten Mal hat sie Gitarre auf der Bühne gespielt.
Was finden Sie nicht witzig?
Beleidigungen, fehlendes Feingefühl. Das Wort „behindert“ wird ja heute sehr vieldeutig verwendet. Wenn mich jemand fragt „Ey, bist du behindert?“, sage ich „Ja, klar!“ Ich fühle mich da nicht beleidigt, der Sprachgebrauch hat sich eben geändert. Aber Sachen wie Spasti oder Mongo sind daneben.
Wie lautet die korrekte Bezeichnung?
Mensch mit Behinderung, aber das finde ich lächerlich, das nimmt sofort die Natürlichkeit. Behinderter ist für mich völlig in Ordnung. Man sollte sich nicht an Begrifflichkeiten aufhalten, sondern respektvoll miteinander umgehen.
Haben Sie deshalb nun auch ein Buch geschrieben?
Ja, da habe ich mich zum ersten Mal komplett auf die Behinderung reduziert und versucht, einen Einblick in die Welt der Behinderten zu geben. Es geht mir dabei um ernste Dinge, die ich mit Humor angehe. Daheim beim Lesen können dann auch Nichtbehinderte lachen, ohne dass sie jemand sieht. Wenn wir eines Tages so akzeptiert sind wie Ethno-Comedy, hätten wir viel erreicht.
Martin Frommes Buch „Besser Arm ab als arm dran“ (Carlsen-Verlag, 160 Seiten, 12,90 Euro) erscheint am 19. Dezember
Arbeitslosigkeit von Behinderten
Thomas Berger (tberger)
- 18.12.2012, 14:06 Uhr
finde ich lustig!
Martin Worch (Tartaruga)
- 18.12.2012, 10:05 Uhr