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Claudia Roth : „Einsamkeit ist schon ein Thema“

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Weinte um Winnetou: Claudia Roth Anfang Oktober bei einer Parteiveranstaltung in Frankfurt Bild: Jonas Wresch

Claudia Roth, die Bundesvorsitzende der Grünen, im Gespräch über ihre Liebe zu Winnetou, einsame Abende im Hotel und Beziehungen in der Politik.

          Jeder Politiker hat seine Pose, im Fall von Claudia Roth ist es die innige Umarmung. Die Grünen-Chefin drückt gerne Menschen, sei es Jürgen Trittin auf einem Sonderparteitag in Berlin, der Angehörige eines Amoklauf-Opfers auf der Trauerfeier in Winnenden, ein bayerischer CSU-Bürgermeister bei einem Wahlkampfauftritt in Schwabach. Einer solchen Frau unterstellt man gern Gefühligkeit. Mit Claudia Roth ein Gespräch über Einsamkeit zu führen ist deshalb ein Paradoxon: Ausgerechnet jemand, der in der Öffentlichkeit für seine Menschenliebe bekannt sein will, erlebt im Privatleben das Gegenteil. Zum Gespräch erscheint Claudia Roth in wallendem Gewand, das bei jeder Bewegung einen Lufthauch erzeugt. An ihren Handgelenken und Ohren jede Menge Klimbim - Schmuck, Ringe, Kettchen. Im Haar bunte Strähnen, die ihr ins lächelnde Gesicht fallen.

          Frau Roth, wie lange sind Sie jetzt schon Single?

          Ach, seit ein paar Jahren.

          Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Liebe?

          Das war Winnetou.

          War es etwas Ernstes?

          Sie werden lachen, ja! Es war Sommer, ich war in der fünften Klasse des Gymnasiums und las Winnetou. Er war so galant, er war schön, er hatte ein Pferd. Mein erstes Zimmer war voller Pferdebildchen. Ich wusste ja, dass Nscho-Tschi im ersten Band stirbt. Aber als Winnetou im dritten Band starb, war das richtig schlimm. Ich bin regelrecht krank geworden.

          Krank vor Liebeskummer um eine Romanfigur?

          Mein Leben ist fast zusammengebrochen. Ich habe getrauert, und meine Mama erlaubte mir sogar, einen Tag von der Schule zu Hause zu bleiben. Ich habe das ganze Bett nass geweint. Ich konnte es nicht aushalten, dass Winnetou tot war.

          Das klingt überraschend dramatisch.

          Es war sehr dramatisch, ja. Später kamen dann Schwärmereien. Irgendwann habe ich mir eingebildet, ich sei in einen Fußballer verknallt.

          Jemand aus dem Fernsehen?

          Nein, jemand aus Babenhausen, wo wir wohnten. Er war sehr schön, mit blonden, langen Haaren. Das war eine Art politisches Aufbegehren. Ich kam ja aus einem bürgerlichen Haushalt, der Vater Zahnarzt, die Mutter Lehrerin, und dann sagte die Tochter eines Tages: „Ich bin jetzt in einen Fußballer verknallt.“

          Sie waren mit ihm zusammen?

          Nein, nein. Er hat überhaupt nie ein Auge auf mich geworfen. Trotzdem sagte meine Mutter: „Das geht nicht.“ Und ich entgegnete: „Natürlich geht das.“

          Also eher ein Streit um Prinzipien?

          Es ging nur ums Prinzip. Ich hatte ja nichts mit diesem Fußballer. Aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dass sie es mir bloß deshalb verbieten wollten, weil ich die Zahnarzttochter war und der Fußballer eben ein Fußballer. Da war ich super enttäuscht.

          In der Öffentlichkeit kennt man Sie als Politikerin, die auf Prinzipien beharrt. Aber sind Sie auch im Privaten so streng mit anderen?

          Ja, ich bin ziemlich anspruchsvoll. Ich kann schlecht loslassen und will immer weiter. Daher kann ich mir auch nicht vorstellen, wie der Job, den ich mache, mit einer Beziehung funktionieren soll.

          Vielleicht muss man Claudia Roths Geschichten kennen, um von ihr etwas über die dunkle Seite der Liebe zu erfahren, die Einsamkeit einer 57 Jahre alten Spitzenpolitikerin, deren Beziehungen nicht selten an ihrem Beruf zerbrochen sind. Roth hat sich warmgeredet in diesem Konferenzraum. Ein Partner, der mit ihr leben will, müsste diese Welt der Sitzungen und Teekannen mit ihr teilen, die späten Abende mit langen Fraktionssitzungen, mit Weinfesten im Wahlkreis oder Besuchergruppen im Bundestag.

          Ist es auch dieser Beruf, der jeden Politiker einsam macht?

          Einsamkeit ist in dem Job schon ein Thema. Man ist eine vollkommen öffentliche Person, geht abends ins Hotelzimmer, und dann wird es plötzlich leer. Ich kenne wenige Frauen, die in einer Spitzenposition sind und einen Mann haben, der zu Hause auf sie wartet. Der Preis, den Frauen zahlen, wenn sie Karriere machen, ist immer noch höher als der Preis, den Männer dafür zahlen.

          Manche Männer wären nicht einsam im Hotelzimmer, sondern würden vielleicht eine Kollegin aus dem Ministerium anbaggern. Das ist aber vermutlich nichts, was eine Frau glücklich machen würde.

          Stimmt.

          Es heißt immer, man müsse sich rar machen als Frau, auch einmal nicht ans Telefon gehen, wenn „er“ anruft.

          So ein Quatsch! Das hat mir meine Mutter auch immer erzählt. „Kind, sei doch mal diplomatisch. Halte dich mehr zurück.“ Aber ich finde, man sollte vor allem man selbst sein.

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