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Christoph Waltz im Gespräch : „Ich wollte nie Spion sein“

  • -Aktualisiert am

James Bond und Bösewicht: Daniel Craig (links) und Christoph Waltz. Bild: Reuters

Er ist der Schurke im neuen James-Bond-Film Spectre. Im Interview spricht Christoph Waltz über Wodka-Martinis, Klischee-Machos und seine Rolle als Bösewicht.

          Herr Waltz, Sie haben so etwas wie eine Aversion gegen die Rollen-Beschreibung Schurke. Aber der Bond-Schurke ist ja nun einmal ein eigenes Fach.

          Der Bond-Schurke ist tatsächlich der einzige, bei dem sogar ich diesen Begriff gelten lasse. Das ist seine Funktion in der Geschichte. Da ist dramaturgische Differenzierung nicht unbedingt erforderlich.

          Als Schauspieler lieben Sie Ihre Freiheit bei der Interpretation einer Rolle. Aber können Genre-Grenzen wie bei den Bond-Filmen nicht auch ganz angenehm sein?

          Ich vergleiche Bond gerne mit dem Volkstheater. Man kann natürlich sagen, das ist moderne Mythologie. Möglich, das müsste man genauer untersuchen. Aber die Analogie zum Volkstheater leuchtet mir ein. Diese Archetypisierung, Kasperl, Gretel, Polizist, Krokodil, Großmutter und Räuber, haben wir bei James Bond auch, und die wollen wir auch. Wenn kein Krokodil vorkommt, dann waren wir nicht im Kasperl-Theater. Insofern spiele ich gerne das Krokodil.

          Ernsthaft?

          Ernsthaft. Ich habe ein Interesse am Volkstheater. Nicht an Bauernbühnen, das meine ich nicht.

          In der Bond-Ikonografie wollen wir uns wiedererkennen.

          Genau. Warum wollen wir zum Beispiel zum hundertsten Mal "Hamlet" sehen? Wir wissen doch, wovon es handelt, wir kennen die Geschichte. Aber wir wollen jetzt eben sehen, wie Benedict Cumberbatch den "Hamlet" spielt.

          Ich kann nicht behaupten, dass ich je ein Bond-Fan war.

          Ich auch nicht.

          Wann sind Sie das erste Mal mit der Welt von 007 in Kontakt gekommen?

          Als das erste Bond-Auto als Spielzeug auf den Markt kam, der Aston Martin, von dem aus man die Raketen abschießen konnte. Der Beifahrersitz war ein Schleudersitz, von dem man eine kleine Figur in die Luft katapultieren konnte. Die Figur habe ich am zweiten Tag verloren, ein Riesendrama. Und hinten kam die Panzerscheibe hoch.

          Sie erinnern sich also eher an das Auto als an den Film?

          Als man das Auto kaufen konnte, war ich viel zu jung, um die Filme zu sehen. Aber ich wusste, wer James Bond war - obwohl die Medien damals im paradiesischen Zustand der Ferne waren. Es war alles noch unschuldiger. Und trotzdem wusste ich als Sechsjähriger, wer 007 ist.

          Was hat Sie an dieser Welt fasziniert?

          Damals eigentlich nur das Auto. Mit Gewalt war ich bis dahin nicht in Berührung gekommen, glücklicherweise. Ins Kino haben sie mich nicht reingelassen. Ich glaube, es war die Aufregung der kleinen Jungs, die sich die Details von den älteren Brüdern erzählen ließen.

          Was hat Ihnen später daran gefallen?

          Ich habe das zwar nicht richtig verfolgt. Aber ich fand den Schmäh gut, der ja bei Roger Moore etwas plumper war. Trotzdem gefiel mir seine Frechheit in Kombination mit Charme, Stil und selbstverständlicher Lässigkeit. Das fand ich lustig, aber auch nicht wirklich aufregend.

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          Die unterschwellige Sexualität der Bond-Girls ist in diesem Alter faszinierend.

          Unterschwellig? Nichts war da unterschwellig! Vordergründig war die. Das war ja Teil der Attraktion, dass hier die sexuelle Revolution gefeiert wurde. Der hat ja alles umgenietet, was nicht rechtzeitig auf die Bäume kam. Aber er hat es mit Stil und Klasse gemacht und mit einer gewissen Diskretion. Natürlich hat der herumgevögelt. Aber das war nie als solches wahrnehmbar. Es passierte einfach irgendwie. Und das hat dann auch jeder Phantasie entsprochen. Es war immer leicht, und trotzdem ging es auch um die Rettung der Welt. Der Bösewicht hatte immer irgendwo eine Atombombe in der Hinterhand.

          Welchen Bond-Schurken mochten Sie am liebsten? Gert Fröbe in "Goldfinger"?

          Auf jeden Fall, weil er in dieser Rolle einfach toll ist. Das war auch noch eine andere Art der Schauspielerei. Weil die Schauspieler auch am Theater arbeiteten, hatten sie diesen sehr üppigen Ausdruck, ohne gleichzeitig die Rolle preiszugeben. Und sie konnten Pathos glaubhaft vermitteln.

          Wie fanden Sie Brandauer in "Sag niemals nie"?

          Sehr gut.

          Haben Sie sich als Kind vorgestellt, Agent zu sein? Sie hatten immerhin schon das Auto.

          Spion oder so etwas? Nein. Ich wollte jeden Tag etwas anderes sein, aber Agent war nicht dabei.

          Bond-Filme sind auch Abbilder eines Klischee-Macho-Kults. Von dieser Welt scheinen Sie recht weit entfernt zu sein.

          Das kann man so sagen.

          Gibt es irgendetwas aus diesem Universum, womit Sie sich anfreunden können?

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