Herr Herbst, es gehen Gerüchte über Sie, die auch Sie selbst in dem einen oder anderen Interview genährt haben: Sie sollen, so heißt es, ein netter Kerl sein. Warum tun Sie in Ihrer Arbeit alles, um diesen Eindruck zunichtezumachen?
(Lacht.) Ich spiele halt gerne diese Kotzbrocken. Am Stadttheater Bremerhaven – ja, in Bremerhaven gibt’s ein Stadttheater – hätte ich vor zwanzig Jahren auch viel lieber den Mercutio gespielt, nur wurde ich als der Langweiler Romeo besetzt, das kann man sich heute auch nicht mehr vorstellen. „Stromberg“ hat das ja alles losgetreten. Diesen Kreutzer mögen die Leute auch nicht, was ich gar nicht verstehe – ich finde den klasse.
Der Kommissar Kreutzer, den Sie für Pro Sieben gespielt haben, setzt die Verdächtigen mit Psychotricks unter Druck. Befreundet sein möchte man mit ihm nicht.
Ja, das hat er gemein mit Stromberg. Ansonsten sehe ich keine Parallelen zwischen den beiden. Der „Stromberg“-Regisseur Arne Feldhusen hat mir erzählt, dass er oft angesprochen wird (flüstert): Das muss doch eine Katastrophe sein, mit dem Herbst zu arbeiten – ist das ein Arsch! Es ist irre, wie sich Fiktion und Realität überdecken. Wie oft wurde ein Georg Uecker schon gefragt, ob er Bescheid sagen könne, wenn in der Lindenstraße eine Wohnung frei würde. Mir hat man nach der ersten „Stromberg“-Staffel in der Fußgängerzone Prügel angeboten, weil die Leute glaubten, das sei echt. Das ist ein merkwürdiges Gesetz der Serie, Fluch und Segen zugleich. Vielleicht versuche ich deswegen, in der Öffentlichkeit einen Kontrapunkt zu setzen, um diese Larve Stromberg komplett abzureißen – damit die Leute sagen: Och, so furchtbar ist er ja gar nicht.
Im vergangenen Winter waren Sie auf dem ZDF-„Traumschiff“ unterwegs und haben darüber nun Ihr erstes Buch geschrieben, „eine Art Roman“. Auch der Christoph Maria Herbst, der hier als Ich-Erzähler fungiert, ist kein großer Sympathieträger. Er lästert über seine Mitreisenden, er fährt durch die Welt und findet eigentlich alles irgendwie hässlich.
Stimmt. Bora Bora zum Beispiel habe ich mir als den Südseestaat schlechthin vorgestellt mit schönen Menschen, Palmen ohne Ende und Kokosnüssen, die mir ihren Saft noch von der Palme hängend in den Mund hineintropfen. Weit gefehlt! Ich habe zum Beispiel keinen einzigen Fisch gesehen in dieser Bucht. Dass dann noch ein Zyklon über uns niederging, nun, dafür kann Bora Bora nichts. Doch anscheinend verschwinden auch die letzten Paradiese von der Welt. Aber das Buch sollte ja auch unterhaltsam sein – und das ist es nur, wenn ich eine Fallhöhe aufbaue, indem ich etwa aus meinen Ressentiments keinen Hehl mache.
War die Idee, ein Buch zu schreiben, älter als die Schiffsreise?
Überhaupt nicht. Ich habe nie darüber nachgedacht, ein Buch zu schreiben, weil ich meinte, es nicht zu können – ob ich’s kann, weiß ich jetzt auch noch nicht. Ich habe fürs Schreiben einfach kein Gehirnschmalz. Das ist sicherlich biochemisch-physiologisch nachweisbar, dass ich dafür keine trainierten Hirnzellen habe; meine sind nur im Kurzzeitgedächtnis super. Ich hatte einfach nach einer gewissen Zeit auf dem Schiff, wo jede DVD geguckt, jedes Buch gelesen und jedes Bier mit jedem Kollegen und jeder Kollegin getrunken war, eine Art Ventil für meine Langeweile gesucht und es im Schreiben von E-Mails gefunden. Meine Freunde und Familie wollten mehr. Als wir wieder auf deutschem Boden waren, war das Ding schon zu zwei Dritteln fertig. Das letzte Drittel war am härtesten. Ich sitze zwar tatsächlich schon am nächsten Buch, aber ich muss mich prügeln, weil ich als Teamplayer konditioniert bin: Vom Theater bin ich es gewohnt, in Ensembles zu arbeiten. Aber wenn Sie mich fragen würden, ob ich auf etwas stolz wäre im Leben, dann sind es zwei Dinge: einmal der Umstand, dass ich es nach meiner Banklehre geschafft habe, der Bank den Rücken zu kehren und Schauspieler zu werden. Und zum zweiten, dass ich – egal, wie man das Buch findet – etwas, das ich selbst geschrieben habe, ganz konkret ins Regal stellen kann. Das macht mich stolz.
Ein Zitat von Thomas Mann leitet das Buch ein, mit Stefan Zweig hört es auf. Sie haben keine Angst vor großen Namen.
Finden Sie das hybrid? Es sind einfach zwei große Kollegen – ich bleib’ jetzt einfach mal bei der Hybris und bezeichne die als Kollegen –, vor denen ich mich besonders verneige. Und wo ich schon vom Neigen rede, ich selbst neige vielleicht auch mal zu dem einen oder anderen Schachtelsatz. Aber als Vergleichsinstitutionen würden mir doch eher Tommy Jaud und der „Stromberg“-Autor Ralf Husmann einfallen. Ich bin nicht so knapp und habe nicht die Gagfrequenz eines Jaud, und ich habe auch nicht die metaphorisch-allegorische Kraft und das kranke Hirn eines Husmann, sondern befinde mich irgendwo dazwischen.
Haben die beiden Herren einen Blick in das Buch geworfen?
Nein, ich würde es ihnen auch nicht geben. Ich glaube, Ralf fänd’s ein bisschen merkwürdig, dass ein Schauspieler jetzt auch noch schreiben muss. Das hat auch was mit Angst zu tun. Ich war, glaube ich, noch nie so dünnhäutig wie gerade. Ich habe Stromberg oder Kreutzer und alles, was ich so mache, nie meine Babys genannt. Hier möchte ich ausnahmsweise mal zu diesem merkwürdigen Bild greifen und das Buch als Baby bezeichnen. Auch wenn’s irgendwie eine unbefleckte Empfängnis war und ich alles in Personalunion bin, Vater und Mutter. Bin gespannt, was das noch so mit mir macht.
Man hätte denken können, das Buch sei die Abrechnung eines Helden des Minderheitenfernsehens mit dem Mainstream, das aber ist es nicht geworden. Hatten Sie Angst vor der eigenen Courage?
Da ich nie ein Buch schreiben wollte, konnte ich auch nicht die Absicht haben, mit jemandem abzurechnen. Das „Traumschiff“-Ensemble in meinem Roman ist ja nicht das real existierende. Die Folge läuft am 1. Januar 2011 im ZDF, da sehen Sie die Kling-Schwestern, Friedrich von Thun, Maria Sebaldt, die kommen alle nicht vor im Buch. Ich wollte nicht auf Oliver Pocher in literarischer Form machen und nur drauflosschlagen.
Welche Jugenderinnerungen hatten Sie an das „Traumschiff“?
Eigentlich all das, was ich beschreibe: Boah, möchte ich auch, boah, da komm’ ich ja nie hin, boah, sind die alle schön, boah, ich versteh’ kein Wort. Diese Geschichten haben mich jedenfalls nie berührt. Aber die Bilder, die Bilder!
Auf dem „Traumschiff“ spielen Sie immerhin eine für Sie ganz neue Rolle: einen Familienvater.
Wolfgang Rademann, der „Traumschiff“-Produzent, hat gesagt: Christoph, der Rollenfachwechsel ist gelungen. Du spielst einen sehr liebevollen Vater, den ich dir abnehme. Ob ich ihm wiederum das abnehmen kann, weiß ich nicht. Aber es hat keinen Spaß gemacht. Es ist eindimensional, es wurde nicht wirklich was verhandelt: Du gibst da nur Hülsen von dir. Ich habe seitdem auch keine weiteren Anfragen von der Produktionsfirma Degeto bekommen, ob ich in Kent oder Sussex mal den Grafen spielen möchte. Aber warten wir mal den 1. Januar ab.
Ihr Vater, sagten Sie einmal, könne mit „Stromberg“ nichts anfangen . . .
Der konnte schon mit „Ladykracher“ nichts anfangen, das war meinen Eltern zu frivol. Und „Stromberg“ ist ihnen zu schnell.
Aber mit dem „Traumschiff“ können sie etwas anfangen.
Ja! Ein bisschen habe ich es vielleicht auch für sie gemacht.
Und mit Ihrem Buch?
Ich glaube nicht. Sie werden es toll finden, dass ihr Sohn beim „Traumschiff“ mitspielt ...
Und sagen: Tolle Rolle?
Das glaube ich schon. Meine Eltern sehen immer ihren Sohn, egal, was ich spiele. Das sind schon sehr alte Herrschaften, sie gehen auf die neunzig zu. Die haben sich tatsächlich auch den „Kreutzer“ zugemutet und dann ganz diplomatisch gesagt, das sei ja sehr interessant gewesen. Und wenn du was richtig scheiße findest, dann sagst du immer: „interessant“. Sie werden mehr Spaß haben am 1. Januar als am 17. Dezember, wenn das Buch rauskommt. Das ist auch okay so.
Ihr „Stromberg“-Kollege Lars Gärtner hat gesagt, es sei nicht einfach, mit Ihnen zu spielen, weil Sie sehr schnell seien, spontan, schwer auszurechnen. Kann Schauspiel bei allem Ensemblegeist auch ein Wettstreit sein?
Für mich niemals, ich bin eigentlich der totale Verabreder. Wenn etwas verabredet ist, dann bin ich wie ein Tonband, da können Sie mich zurückspulen, ich spiele es genauso noch mal. Aber auf dem Weg dorthin, da kann ich Lars verstehen, bin ich sehr schnell. Und wenn du eine Hauptfigur spielst, die jede Szene führt, gehst du noch mal mit ganz anderer Energie daran. Bei „Stromberg“ stehe ich eigentlich immer wie ein Gehetzter am Set. Nach einem Zehn- oder Elfstundendreh sind meine Batterien dann auch echt leer.
Wollen Sie womöglich in dem, was Sie machen, dann doch der Beste sein? Auch bei Ihrer Banklehre waren Sie Jahrgangsbester.
Ja, aber doch nicht, weil ich besser sein wollte als die anderen. Ich war einfach einer von zwei Abiturienten. Ich habe vor zwanzig Jahren mit der Klarinette auch bei „Jugend musiziert“ mitgemacht und den dritten Platz belegt, wie geil ist das denn? Die Wahrheit ist aber auch, es haben nur drei Leute teilgenommen. Und der Pianist, der mich begleitet hat, bekam den ersten Preis. Dabei ging’s gar nicht um den. Mit so etwas musst du natürlich erst mal leben lernen. Ich kann so vieles nicht. Das Einzige, was ich vielleicht habe, ist eine gewisse Selbstdisziplin.
Und Sie schwören auf Schüssler-Salze.
(Lacht.) Habe ich eben erst genommen. Damit komme ich immer gut durch den Winter, ich hatte seit acht Jahren keine Erkältung mehr. Vielleicht ist das auch alles dummes Zeug, aber mir hilft’s – und wenn’s Autosuggestion ist, dann lebe der Geist.
Vegetarier sind Sie außerdem.
Jein. Da würde ich Sie bitten, falls Sie da Zugriff haben, das auf Wikipedia vielleicht mal zu ändern.
Soll ich’s auch in Ihrem Buch ändern? Da beschreiben Sie, wie Sie als Vegetarier vorm fleischhaltigen „Traumschiff“-Buffet stehen.
Gut aufgepasst. Das fand ich lustig. In solchen Momenten möchte ich unterhalten und nicht die Realität abbilden, ich bin ja nicht Peter Scholl-Latour. Dann lüge ich auch gerne, dass ich weiter Vegetarier sei. Was ich auch mal war, aber wenn du einen Film in Tschechien drehst, stellst du einfach fest, dass es da kein Gemüse gibt und wenn, dann aus der Konserve. Das kannst du nicht essen. Da habe ich mir mühselig den Fleischkonsum wieder antrainiert. Doch es bleibt für mich tot, gibt mir keine Energie.
Eine ästhetische Frage, durchaus mit persönlichem Hintergrund: Ab wann ist ein Bart ein Kinderschänderbart?
Also, Ihren Stromberg-verdächtigen Bart würde ich noch ohne das Attribut Kinderschänder durchgehen lassen. Ich glaube, das Wort hat Husmann mal ins Gespräch gebracht. Ich habe es übernommen, mit dem Begriff muss man natürlich sehr vorsichtig sein. Klobrillenbart ist eigentlich der noch schönere Ausdruck. Den Bart, den ich als Stromberg trage, kenne ich von alten Lateinlehrern und von Leuten aus der Zeit meiner Banklehre. Den musste ich wirklich durchsetzen, Ralf wollte das nicht. Er sagte, er könne nicht zum Sender gehen und sagen, das ist der aus „Ladykracher“, aber du erkennst ihn nicht.
Die fünfte Staffel von „Stromberg“ steht inzwischen fest?
Ja, wir drehen ab März, sie startet im Herbst. „Kreutzer“ geht auch weiter, auch beim Kinofilm sieht es sehr gut aus. Ich habe mich auf kein Jahr mehr gefreut als auf 2011.