Die Hitze flirrt über Berlin, 30 Grad, doch das kleine Studio ist wohltemperiert. Hier, im Gebäude der legendären Hansa-Studios, sitzt Christian Brückner in Socken, Stoffhose und halboffenem, weißem Hemd vorm Mikrofon und liest. Gürtel, Ringe, Schuhe hat er abgelegt, nichts soll seinen Vortrag hemmen. Die Unterarme liegen parallel auf dem Tisch, dazwischen das A4-Blatt mit dem Text, auf den der Lichtkegel der Leselampe fällt. Brückner spricht hochkonzentriert, ballt mal die Hände zur Faust, verschränkt dann die Arme vor der Brust, zeigt in den Raum. Er legt das gelesene Blatt rechts ab und beginnt mit dem nächsten, als jemand sagt: „Christian! Breite dich nicht so aus!“
Die Stimme gehört Waltraut Brückner, seiner Frau, die vor der Studioscheibe sitzt und als Regisseurin die Aufnahme verfolgt. „Du legst eine Schwere drauf, die die Sprache plattmacht“, sagt sie. „Dabei ist die so leicht.“ – „Hm“, sagt Christian Brückner. „Dann also noch mal.“ Er hat sich viel vorgenommen, in vier Tagen will er Don DeLillos „Der Engel Esmeralda“ einlesen, das im September auf Deutsch erscheinen wird, aber es ist abzusehen, dass die Zeit für die neun Erzählungen des 256 Seiten umfassenden Bandes kaum reichen wird.
Zu viele, die es nicht können
„Ich bin schwer reingekommen“, sagt Brückner, sichtlich erschöpft vom langen Lesetag. Zwei Erzählungen musste er heute ganz sein lassen, er traf einfach nicht den Ton. Brückner liebt DeLillo, es ist bereits das vierte Buch des Amerikaners, das er einliest, doch es fällt ihm immer wieder schwer, ihn richtig zu erwischen. „Bei DeLillo passiert viel zwischen den Zeilen“, erklärt er. „Diese Lücke muss ich als Interpret spielen, also mehr zum Besten geben, als dort steht, ohne zusätzliche Worte zu haben.“ Zig Mal hat er den Text zuvor stumm gelesen, geformt, verdaut. Bevor er ins Studio geht und den Text rauslässt, will er ihn verinnerlicht haben; erst am Mikrofon liest er zum ersten Mal laut.
Aber ist Lesen für ihn nicht längst Routine? „Nie“, sagt er. „Vielleicht auch, weil ich mir die Hürden so hoch lege.“ Brückner will Qualität liefern – bei Interpretation und Inhalt. Früher hat er auch Hörbücher am Fließband gelesen für andere Verlage. Das brachte Kohle, aber er fragte sich: Muss das sein? Vor zwölf Jahren gründeten er und seine Frau einen eigenen Verlag: „Parlando“. Bis zu 15 Produktionen stemmen beide im Jahr, viel Belletristik, etwas Lyrik, auch Politik. Sie bekommen dafür seit Anfang an viel Lob und häufig Preise, wirtschaftlich aber ist der Verlag ein Wagnis.
Das war anders geplant, sie hatten sich mehr, viel mehr erhofft. „Aber finanzieller Erfolg ist nicht das erste Motiv“, sagt Brückner. „Und mit DeLillo ist er schon gar nicht garantiert.“ Der Verlag ist so etwas wie sein Hobby. Kürzlich haben sie DeLillos „Cosmopolis“ herausgebracht, zur gleichen Zeit wie der Film von David Cronenberg. Es geht um einen New Yorker Milliardär, der sein Vermögen verliert, im Grunde der Roman zur Finanzkrise. „Eine wahnsinnig spannende Geschichte“, findet Brückner. „Leider ist der Film nicht gut.“ Auch das Hörbuch blieb in den Regalen liegen. Karl Marx’ „Manifest der Kommunistischen Partei“ dagegen, das er vor Jahren eingelesen hat, wurde jetzt, in der Krise, zum Bestseller. Eine CD, knapp 80 Minuten – und eine Lösung? „Nein“, sagt er. „Aber ein gutes Stück deutscher Prosa. Es sollte nicht einfach auf den Abfall kommen.“
Brückner weiß, dass er sein Publikum fordert. „Das Schlimmste wäre, wenn ich die Leute langweile. Aber um nicht zu langweilen, muss man ja nicht gleich doof sein.“ Vieles von dem, was heute unter „Hörbuch“ firmiert, findet er doof. Er sagt das voller Überzeugung; er kennt die Verlage, wo Promis heute alles lesen. Das mag sich verkaufen. Aber wenn er sich solche Produktionen anhört, verliert er meist ganz schnell die Lust. „Vieles ist einfach miserabel, nicht nur die Texte, auch die Interpretation. Jeder liest heute Hörbücher, und es sind einfach zu viele dabei, die es nicht können.“
Nur: Sind Hörbücher überhaupt Literatur? Muss man nicht selbst lesen, blättern, das Papier fühlen, die Druckerschwärze riechen, um Literatur erleben, ein Buch genießen zu können? „Ja, klar“, sagt Brückner. Aber Hören eröffne Details und andere Blickwinkel; nichts freue ihn mehr, als wenn Leute, angeregt durch sein Lesen, selbst zum Buch greifen.
Ob er aus einem Buch ein Hörbuch macht, hängt davon ab, ob es seiner Frau und ihm gefällt. „Es muss uns erfüllen.“ Sie haben Rilke, Kafka und Updike aufgenommen, Gedichte von Benn, Baudelaire und Heine. Besonders liebt er Titel aus seiner Jugend. Er hat die „Odyssee“ gelesen und 28 Stunden „Moby Dick“ – ungekürzt, aus Respekt gegenüber dem Autor. „Ich bin kein Literaturspezialist, wie oft verbreitet wird, nein, ich bin Liebhaber“, sagt er, während die Sonne hinter den Hochhäusern am Potsdamer Platz verschwindet. Die Hitze ist noch da, Brückner lehnt sich zurück, er hat ein Bier bestellt und zündet sich eine Zigarette an.
Moment mal: Bier und Zigaretten? Brückner gilt als renommiertester Sprecher Deutschlands, wird ehrfürchtig „The Voice“ genannt. „Ach was, die Stimme“, winkt er ab. Dabei hat er noch drei Studiotage vor sich. „Reste von Stimme, die ich brauche, werden schon vorhanden sein.“ Gepflegt habe er seine Stimme nie; überhaupt erst nach Jahrzehnten, und als der Erfolg schon da war, hat er erkannt, was sie für eine Macht hat. Tatsächlich ist sie ja bis heute eher rauh, brüchig, knarzig, fast ein wenig elend klingend, so dass ihm prophezeit wurde, dass er es damit nie zum Schauspieler, geschweige denn zum Sprecher, bringen werde. Aber Brückner hat etwas daraus gemacht.
„Ich hatte eine außerordentlich gute Sprecherziehung“, erzählt er. Bei SFB und RIAS, für die er in den Sechzigern nebenbei arbeitete, besuchte er Sprechkurse, lernte, wie man mit der Stimme arbeitet, sie nach außen bringt, sie nicht nur aus dem Bauch, sondern dem ganzen Körper, ja selbst aus den Zehenspitzen holt. Er hat all das aufgesogen und perfektioniert, auch die Pausen. „Wenn man nichts hört, das bin ich dann besonders“, sagt er da und lacht.
Sein Lachen klingt vertraut, man kennt es von Robert De Niro. Seit 40 Jahren spricht Brückner den Hollywood-Star. Er synchronisiert ihn mit seiner Alltagsstimme, Tempo und Pausen, ja selbst das charakteristische Knurren, das Abwägen und bisweilen dreckige Feixen sind original Christian Brückner. Martin Scorsese wählte ihn einst als De Niros deutsche Stimme für „Taxi Driver“ aus. „Du laberst mich an?!“ ist einer seiner Kult-Sätze aus dem Film, aber für Brückner war es erst mal nur ein Job. „Ich konnte ja nicht wissen, dass der Mann so lange so viele schöne große Filme machen würde.“
Es wurde eine Liaison fürs Leben; De Niro ist ja nur zwei Monate älter als er, und irgendwie ist er ihm über die Jahre in Aussehen und Gestik auch ähnlich geworden. Mehr als 60 Mal hat er ihn synchronisiert, aber viele seiner letzten Filme findet er schwach. „Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich“ – Brückner verzieht das Gesicht. Jetzt im August spricht er wieder einen, der gleich in die Videothek wandert. Es ist alles weit entfernt von „Der Pate“, „Raging Bull“, „In den Straßen der Bronx“. Einen Tag kostet es Brückner heute, einen ganzen Film zu synchronisieren. „Für mich ist dieser Job heute viel Routine und ein Rest von Vergnügen, ohne den ich nicht antrete.“
New York liebt er über alles
Brückner stammt aus Waldenburg/Schlesien und wuchs in Köln auf. Die Eltern schwärmten von der paradiesischen Heimat, aber er konnte damit nichts anfangen, er war nie dort, hat nicht mal eine Adresse, und Schlesier-Treffen verachtet er. Jetzt wachsen dort junge Leute auf, genau wie ich in Köln aufwachse, dachte er damals. „Und so ist das bis heute. Was bitte soll ich dort?“ Nach West-Berlin ging er, um dem Bund zu entgehen, zuvor hatte er in Bonn evangelische Theologie studiert, jetzt schrieb er sich an der Freien Universität in Germanistik und Soziologie ein, war aber mehr in Uni-Theater und Schauspielkursen zu finden. Sein Vater hatte ihm „dieses unseriöse Gewerbe“ noch auszureden versucht, aber als Sprecher hatte Brückner schnell Erfolg. In Berlin blieb er hängen, heiratete mit 22 Jahren, wurde Vater. Seine Heimat aber ist die Stadt nicht; zu Hause fühlt er sich an vielen Orten, am liebsten auf Föhr, Mallorca und in New York.
Vor allem New York liebt er über alles. Mitte der Achtziger lebte er dort mit Frau und Kindern. Zehn Jahre hatten sie gespart, um sich den Traum zu erfüllen, und dann stieg der Dollar; es war alles ein großes Abenteuer. Brückner spielte Off-Broadway-Theater und flog zwischendurch nach Deutschland, um Geld zu verdienen; seine Frau machte an der Uni Radio für deutsche Hörer, die Söhne gingen zur Schule. „Es war großartig für uns alle.“ Er kommt jetzt ins Schwärmen, Amerika fühlt er sich verbunden, auch wenn er die Lage dort heute trostlos findet. „Ich hänge dran, da ist nichts zu retten.“
Brückner hat seinen Salat beiseitegeschoben und zündet sich noch eine an, er kann so besser nachdenken. Er antwortet gelassen, wägt seine Worte. Ausgeflippt ist er mal, als die ARD einfach begann, ihre überquellenden Archive zu vermarkten. Jahrzehntelang hatte er Produktionen für alle ARD-Anstalten gesprochen, und dann warben sie plötzlich ungefragt mit seinem Namen; seine Beteiligung hat er sich erstritten.
Andere werden aufgefordert, „den Brückner zu machen“
Noch schlimmer treibt es die Werbung. Jahrelang hat er Spots für Porsche gemacht, sich aber weiteren Anfragen verweigert. Also werden andere Sprecher aufgefordert, „den Brückner zu machen“, wie es in der Branche heißt, und so preist seine gefälschte Stimme heute sogar Klopapier an. Er hat überlegt, dagegen vorzugehen. „Aber da sterbe ich ja an Ärger. Es ist die Mühe nicht wert.“ Lieber konzentriert er sich auf das, was ihn fordert. Live-Lesungen mit Musik etwa; er tritt mit Streichern und Philharmonieorchestern auf, kürzlich erst war er mit der Pianistin Ragna Schirmer bei den Händelfestspielen in Halle.
Ein seltsames Leben sei das, sagt er schließlich. Er habe das alles nicht geplant oder gar forciert. „Ich habe mich immer so wohl gefühlt, wie es sich gerade entwickelte.“ Das sei bis heute so. Die Zusammenarbeit mit seiner Frau, die ihn im Studio auch schon mal unterbricht, weil er zu langsam sei, empfinde er als großes Glück, sagt er. „Bei anderen Regisseuren höre ich nur: ‚Wunderbar!‘ und ‚Toll!‘. Aber das bringt einen doch nicht weiter.“ Schon gar nicht bei DeLillo. Ob es diesmal ein Erfolg wird? Er hofft. Unvorstellbar aber, dass er dafür „Die Stimme von Robert De Niro!“ aufs Cover drucken würde.
Christian Brückner kam 1943 zur Welt. Sein Vater war Toningenieur beim WDR, die Mutter Hausfrau. Nach dem Abitur ging er nach Berlin, wo er neben dem Studium Sprechrollen bei Radio und Film übernahm. 1967 fiel er als Synchronstimme Warren Beattys in „Bonnie und Clyde“ auf. Neben Robert De Niro lieh er seine Stimme under anderem Alain Delon, Robert Redford, Harvey Keitel, Dennis Hopper und Martin Sheen.
Über Jahrzehnte sprach er Hörspiele und Lesungen für die ARD und diverse Verlage; bis heute ist er Sprecher zahlreicher Dokumentationen. 2000 gründeten seine Frau Waltraut und er den Hörbuch-Verlag „Parlando“, dessen Produktionen mehrfach Preise gewannen, darunter 2005 den Hörbuchpreis für das Gesamtprogramm. Brückner erhielt 1990 den Grimme-Preis für herausragende Spercherleistungen sowie in diesem Frühjahr den Deutschen Hörbuchpreis für sein Lebenswerk. Er lebt mit seiner Frau in Berlin. Sie haben zwei Söhne und zwei Enkel.
„Der Engel Esmeralda“ erscheint Mitte September als Buch (bei Kiwi) und Hörbuch (Parlando). Bereits am 27. August erscheinen von Richard Fords „Kanada“ Buch (Hanser) und Hörbuch (Parlando). Ford und Brückner präsentieren „Kanada“ im Oktober auf einer Lesereise.
Wer ist Robert de Niro?
Jochen Lankenau (Kraenholm)
- 13.08.2012, 10:03 Uhr
Marke.
fridolin hinterhuber (montaxxmontaxx)
- 13.08.2012, 01:51 Uhr
Betr. Weniger wäre mehr
David Schindler (Publiovidius)
- 12.08.2012, 23:35 Uhr
Weniger wäre mehr...
Josef Tura (skaramoosh)
- 12.08.2012, 17:05 Uhr