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Falsches Formular : Flüchtlingsheim statt Rundreise für chinesischen Tourist

Es war viel Verkehr am Stuttgarter Flughafen, als der Tourist aus China bestohlen wurde und damit seine Odyssee begann. Bild: dpa

Eigentlich wollte der Tourist aus China am Stuttgarter Flughafen einen Diebstahl melden. Doch er erwischt das falsche Formular. Auf seiner Europa-Reise stoppt er deshalb in einer ungewöhnlichen Unterkunft.

          Wer von weit her gereist kommt, um seinen Urlaub in Deutschland zu verbringen, tut dies aus verschiedenen Gründen. Der eine hat von der legendären Schönheit deutscher Wälder und Berglandschaften gehört, den anderen zieht die Magie historischer Bauten in seinen Bann, von der viele deutsche Städte durchzogen sind. Dass Touristen Tausende Kilometer Reise auf sich nehmen, um zwei Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft zu verbringen, ist allerdings ein höchst seltener Fall. Wie die Westfälischen Nachrichten berichten, ist einem 31 Jahre alten Chinesen aber genau das widerfahren: Er hatte nach Angaben des Blatts eine Diebstahlsanzeige mit einem Asylantrag verwechselt.

          Der Reisefreund aus der Gegend von Peking war gerade in Stuttgart gelandet, um von dort eine Tour durch mehrere europäische Städte zu starten. Dabei sollte der Aufenthalt in deutschen Landen kurz ausfallen: Reiseziele waren Paris und Rom. Dass daraus nichts wurde, hat gleich mehrere Ursachen: Mangelnde Sprachkenntnisse, die Mühlen der deutschen Bürokratie und einen Dieb.

          Die Odyssee begann mit einem Diebstahl

          Dabei steht der Dieb am Anfang einer Odyssee, die wohl niemand besser nacherzählen kann als Christoph Schlütermann vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Coesfeld. Schlütermann hat den chinesischen Gast mit Klaudio Kolakovic, dem Leiter der Flüchtlingsunterkunft im Ort Dülmen, betreut. Fast zwei Wochen. Laut Schlütermann begann alles in Stuttgart, wo dem Mann 1000 Euro gestohlen wurden. Um eine Anzeige wegen Diebstahls einzureichen, wandte er sich an Ort und Stelle an die Behörden. Da der Chinese jedoch nur seiner Muttersprache Mandarin mächtig war und gleichzeitig mit Flüchtlingen aus verschiedensten Ländern eingereist war, hielt man ihn dort für einen ebensolchen. Die Folge: Ihm wurde keine Anzeige vorgelegt, sondern ein Asylantrag.

          Anschließend wurde der Reisende sofort in die Erstaufnahmeeinrichtung in Heidelberg geschickt, wo er drei Tage verbrachte, bis man ihn von dort in eine Dortmunder Unterkunft weiterschickte. „Um sich mit dem Problem nicht beschäftigen zu müssen“, so Schlütermann, der die ungeklärten Zuständigkeiten für ein generelles Problem bei den Heimen hält. Und so wollte man den unerwarteten Gast auch in Dortmund nicht lange bei sich behalten, sondern schickte ihn eilig weiter in die Dülmener Unterkunft, wo er gemeinsam mit 50 anderen Flüchtlingen empfangen wurde. Dass unter ihnen eine weitere Chinesin war, die ebenfalls kein Wort Deutsch oder Englisch sprach, gehört zu den Besonderheiten der Geschichte.

          Und so ist die Lösung des Rätsels um den gut gekleideten Herrn aus Peking der Aufmerksamkeit Schlütermanns zu verdanken, der sofort bemerkte, dass hier etwas nicht stimmte: „Er war irgendwie anders, sah aus wie ein Offizieller, mit Schlips und Kragen“, so Schlütermann. Eine Sprach-App habe schließlich geholfen, dem Chinesen zu entlocken, dass er eigentlich nach Italien wollte, nicht nach Dülmen – wo er dann trotzdem zwölf Tage in erstaunlicher Duldsamkeit ausharrte, während Schlütermann und Kolakovic die chinesischen Konsulate abtelefonierten. „Er hat sich während dieser Zeit klaglos und diszipliniert in den Alltag der Unterkunft integriert“, schildert der DRK-Vorstand anerkennend. Auf chinesischer Seite fühlte sich derweil auch niemand für den Fall zuständig, und der Pass des Mannes, den man ihm nach seinem irrtümlich gestellten Asylantrag abgenommen hatte, war für kurze Zeit auf dem Behördenweg zwischen Heidelberg und Dortmund hängengeblieben. Als sich alles geklärt hatte, konnte die Reise aber schließlich doch weitergehen.

          Der chinesische Tourist scheint im Zuge seines chaotischen Abenteuerurlaubs zumindest eines erreicht zu haben: seinen Aufstieg zum international gefragten Medienstar. Schlütermann, der sich vor Presseanfragen zu dem kuriosen Fall kaum retten kann, sagte der F.A.Z. am Telefon, dass sogar die New York Times sich schon in die Warteliste für ein Gespräch eingetragen habe. „Nur von chinesischen Medien kam noch keine Anfrage.“

          Quelle: F.A.Z.

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