Home
http://www.faz.net/-gun-74k26
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

China Beim letzten brennt noch das Licht

Luo Baogen und seine Frau leben in einem halb abgerissenen Gebäude, das inmitten einer neuen Straße steht. Ihres ist das letzte Haus, das endlich dem Fortschritt Platz machen soll – aber die beiden weigern sich, es zu verlassen.

© AFP Vergrößern So sah die das Haus vor dem Abriss aus. Die Straße wurde einfach drum herum gebaut.

Die Lage könnte kaum ungemütlicher sein. Der 67 Jahre alte Luo Baogen und seine Frau kämpfen seit vier Jahren hartnäckig mit den Behörden der Stadt Wenling in der zentralchinesischen Provinz Zhejiang um die Entschädigung für ihr fünfstöckiges Haus, das der neuen Straßen zum Bahnhof weichen soll. Rund um sie herum haben die Dorfbewohner ihre Häuser schon aufgegeben. Seit dem Jahr 2008, in dem das Bauprojekt in Angriff genommen wurde, haben 500 Familien ihre Wohnungen und Häuser verlassen. Die Luos sind die letzten, die von den lokalen Behörden stur mehr als die angebotenen 260000 Yuan, umgerechnet etwa 32000 Euro, verlangen. Luo Baogen sagt, das Haus habe ihn 600000 Yuan gekostet. Das Entschädigungsangebot der Stadtverwaltung reiche bei weitem nicht aus, um an anderer Stelle ein neues Haus zu bauen oder zu kaufen. Er verlangt mehr.

Petra  Kolonko Folgen:    

Die Stadtverwaltung verteidigt ihr Zahlungsangebot, das auf einem festen Quadratmeterpreis von 330 Yuan beruht, und sagt, wenn sie Herrn Luo jetzt mehr zahlen würde, wäre dies unfair den anderen gegenüber, die weniger bekommen haben. Sie sagt, wenn Herr Luo und seine Frau nicht gehen, müsste man die Straße um das Haus herum verlegen. Dass die beiden so lange ausgehalten haben, und die Stadtverwaltung noch nicht zu Zwang gegriffen hat, ist eine gute Nachricht in China, wo Übergriffe von Behörden in solchen Fällen an der Tagesordnung sind. Landnahmen durch Städte und Gemeinden verursachen überall in China große Konflikte. Oft führen solche Fälle nicht nur zu Klagen, sondern auch zu Protesten, Petitionen und Demonstrationen.

An old man looks down from his house which stands alone in the middle of a newly built road in Wenling, Zhejiang province © Reuters Vergrößern Gute Verkehrsanbindung: Herr Luo beim Blick aus dem Fenster, auf die neu gebaute Straße.

Gemeinden und Städte vertreiben Bauern und Bewohner von Mietshäusern, nicht nur, wie im Fall Luo, um Straßen zu bauen, sondern vor allem, um Bauland zu erschließen. Oft ist die an die alteingesessenen Bewohner gezahlte Entschädigung gering, während die Verwaltung das Land teuer verkaufen kann. Bei solchen Geschäften landet viel Geld in den Taschen korrupter Funktionäre. Immer wieder wird auch berichtet, dass gegen Bürger, die nicht wegziehen wollen oder mehr Entschädigung verlangen, Schlägertrupps eingesetzt werden, die schnell den Widerstand brechen.

Die Geschichte von Herrn Luo und seinem Haus fand am Freitag ihren Weg in mehrere chinesische Zeitungen. Im Internet gab es eine hitzige Diskussion. Ein Blogger schrieb, eine Entschädigung von 250000 Yuan für so ein großes Haus sei reiner Diebstahl. Viele lobten aber auch die Haltung der Stadtverwaltung, die Geduld mit dem alten Paar gezeigt und seine Rechte respektiert habe.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Israel Angst vor einer dritten Intifada

Ostjerusalem kommt nicht zur Ruhe. Palästinenser greifen die neu gebaute Straßenbahn an, die beide Teile der Stadt verbindet. Es könnte der Anfang weiterer Gewalt sein. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem

28.09.2014, 13:49 Uhr | Politik
Weitere Dörfer überschwemmt

Die Bewohner im Süden Chinas flüchten auf die Dächer ihrer Häuser, an einigen Stellen steht das Wasser meterhoch. Seit Tagen anhaltender starker Regen sorgt für große Schäden. Mehr

14.08.2014, 08:43 Uhr | Gesellschaft
Historisches E-Paper: 29.09.1914 Antwerpen im Krieg

Mit der deutschen Belagerung Antwerpens wurde die dort lebende deutsche Zivilbevölkerung aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Eine in diesem Zuge zurückgekehrte Dame berichtet aus erster Hand aktuelle Geschehnisse. Die Frankfurter Zeitung druckt am 29. September 1914 die Neuigkeiten. Mehr

29.09.2014, 00:00 Uhr | Politik
Suche nach Überlebenden geht weiter

Beinahe 400 Tote, 1.800 Verletzte, dazu mehr als 12.000 Häuser zerstört - das ist die traurige Zwischenbilanz der chinesischen Behörden. Die Rettungsteams suchen weiterhin fieberhaft nach Überlebenden. Mehr

05.08.2014, 13:26 Uhr | Gesellschaft
Antisemitismus Wenn Juden demonstrieren

Die Kundgebungen gegen den neuen Antisemitismus sind ungewöhnlich für die jüdischen Gemeinden in Deutschland. Selten setzten sie auf öffentlichen Protest. Die Straße jetzt zu mobilisieren, hat gute Gründe. Mehr Von Michael Brenner

18.09.2014, 14:42 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.11.2012, 16:50 Uhr

Angelina Jolie Teures Hochzeitsgeschenk

Angelina Jolie gab drei Millionen für Brads Hochzeitsgeschenk aus. Jennifer Lopez wurde in einen Auffahrunfall verwickelt und Girls-Star Lena Dunham musste früher auf Tische klopfen – der Smalltalk. Mehr

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden