16.11.2011 · Ein deutsches Crossover-Quartett unterstützt eine Schule in Chile. Die Musikerinnen spielen vor Publikum, üben mit Kindern aus dem Armenviertel und haben selbst richtig Spaß daran.
Von Sofia Dreisbach, Viña del MarAuf dem staubigen Fußballplatz steht ein Halbkreis aus grünen Klappstühlen. Die Sonne scheint, aber es ist windig, und die vier Frauen ziehen ihre Jacken enger um sich. Den Kindern ist auch im T-Shirt nicht zu kalt, sie sind den Wind auf den Hügeln der "Tomas" gewohnt, sie wohnen hier. Ungewöhnlich ist heute nur der Besuch. Das deutsche Quartett Salut Salon, bestehend aus den Gründerinnen Angelika Bachmann und Iris Siegfried an der Geige, der Cellistin Sonja Lena Schmid und der Pianistin Anne-Monika von Twardowski, besucht das Viertel "Villa la Cumbre", Haus auf dem Hügel. Das Viertel zählt zu den "Tomas", illegalen Landbesetzungen. Sie haben die Hänge über der Pazifikstadt Viña del Mar mit bunten Hütten überzogen, aber hier ist die Armut zu Hause.
Die Musikerinnen - berühmt für ihr Kammermusik-Crossover und ihre Bühnenshow - sind schon zum fünften Mal in Chile. Sie unterstützen hier die "Escuela Popular de Artes" (Epa), eine Musik- und Kunstschule im Armenviertel "Villa Independencia". 1998 vom deutsch-chilenischen Ehepaar Eduardo Cisternas und Michaela Weyand als Musikschule gegründet, bietet sie heute mehr als 300 Schülern aus armen Familien die Chance, ein Instrument zu lernen und an Tanz-, Theater- und Kunstworkshops teilzunehmen. Wenn "Salut Salon" in Chile ist, dann geben die vier Frauen immer auch ein Konzert in der Epa auf den Hügeln von Viña del Mar. Ein handgeschriebenes Plakat an der Hauswand kündigt es an: Eingeladen ist jeder, der Eintritt ist frei. Und es strömen viele in den orangefarbenen Neubau.
Jetzt steht die Sonne schon hoch, und es wird einer der heißesten Tage des chilenischen Frühlings. Über der steinernen Freilichtbühne auf dem Schulgelände werden schattenspendende schwarze Stoffbahnen gespannt. Das Bühnenbild haben die Kinder gebastelt. Vor dem blauen Notenschlüssel, dem roten Stern und dem grünen Haus spielen zuerst acht Ensembles der Musikschule. Manche der kleinen Schüler kommen vor Lampenfieber fast um, die anderen packen die Geige erst aus, als ihr Ensemble auf die Bühne gebeten wird. Am Schluss spielt das deutsche Quartett sein "Knallerprogramm" - neben Klassik auch Tangos und Medleys. Das Publikum klatscht begeistert und freut sich, dass die Frauen auf Spanisch durch das Konzert führen.
Auf das chilenische Projekt sind Salut Salon durch Professor Hans Bäßler vom Deutschen Musikrat gestoßen. Er bat die Musikerinnen, die Patenschaft für die "Escuela Popular de Artes" zu übernehmen. Seitdem haben sie schon etwa 300.000 Euro Spenden gesammelt und sie mit organisatorischer Hilfe der Duisburger Kindernothilfe auf die Hügel von Viña del Mar gebracht. Angelika Bachmann und Iris Siegfried wurden dafür im Oktober von Bundespräsident Christian Wulff mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Hamburgerinnen spielen auf ihren Tourneen nach jedem Konzert das chilenische Stück "Mercado Testaccio" und bitten um Geld und Instrumente für die Kinder.
Einmal in der Woche macht sich die Epa - 20 Lehrer und aktuell vier Praktikanten aus Deutschland - auf zu den Hütten der "Tomas", wo ihre Schützlinge wohnen. Salut Salon ist zum zweiten Mal dabei. Eltern und Kinder empfangen das Quartett im Gemeindehaus, der Tisch ist mit Plätzchen und Chips überhäuft. "Aber warum", fragt Iris Siegfried, "sind die Kinder nicht in der Schule?" Die Antwort ist einfach: Sie haben heute geschwänzt für Salut Salon. Alle stellen sich mit Namen und Alter vor und berichten, was sie in der Escuela machen.
Die Großmutter Felipes ist besonders gerührt. Ihr 15 Jahre alter Enkel leidet unter Multipler Sklerose; trotzdem ist sein Traum wahr geworden, er spielt Gitarre in der Schule. Seine Großmutter hat mit dem Singen begonnen, als die Schule einen Musikworkshop für Eltern anbot. Beim Konzert mit Salut Salon steht sie jetzt zum ersten Mal gemeinsam mit ihrem Enkel auf der Bühne. "Das ist ein großer Augenblick für mich", sagt sie unter Tränen, und auch Iris Siegfrieds Augen werden feucht. "Wir freuen uns zu sehen, was sich hier getan hat", sagt die studierte Juristin und Kulturmanagerin, "dass wir auch direkt Anteil daran haben, dass die Kinder an diese Schule gekommen sind."
Als die Kinder mit ihrem Besuch auf den Fußballplatz umziehen, werden die heißersehnten Instrumente ausgepackt. Aus Angelika Bachmanns Geigenkasten kommt eine Mini-Geige zum Vorschein, eigens für die Kleinen. Die vier Jahre alte Martina nimmt das Instrument sofort in Beschlag - und zupft mit, als die Frauen singen. Dann hat Felipe die kleine Geige in den Händen. "Spiel uns was vor", ruft Sonja Schmid, und die Musikerinnen hören zu, als er mit seinen dünnen Fingern die Saiten zupft.
"Das sind die schönsten Momente", sagt Angelika Bachmann, "dieses Musikmachen mit den Kindern, wenn mal niemand zuhört." An diesem Donnerstag spielen die vier wieder vor großem Publikum - im Konzerthaus in Dortmund. Auch dort werden sie wieder sammeln für ihre Kinder in Viña del Mar.