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Frühere Chemtrail-Anhängerin : Das Muster der Verschwörung

In Kondensstreifen sehen immer mehr Menschen „Chemtrails“ – eine Wortschöpfung aus chemistry, dem englischen Wort für Chemie, und contrail, dem englischen Wort für Kondensstreifen. Bild: dpa

Die Eliten vergiften uns, Nazis wohnen in der hohlen Erde. Absurde Theorien, die sich aber immer rasanter verbreiten. Warum nur? Eine Aussteigerin aus der Szene erzählt.

          Wenige Tage nach der Doku über den 11. September 2001 glaubte Stephanie Wittschier schon an Chemtrails. Also daran, dass die Kondensstreifen von Flugzeugen in Wirklichkeit Gifte sind, welche die Menschen gefügig machen sollen. Ihre wilde Reise durch die Welt der Verschwörungstheorien führte Wittschier dann von der Vorstellung, in der hohlen Erde lebten Nazis, bis hin zu Panikattacken und Selbstmordgedanken. Dabei hatte sie bloß einen Film angeschaut, in dem allerlei Ungereimtheiten rund um den Anschlag auf das World Trade Center gezeigt wurden, sich danach an ihren Rechner gesetzt und sich durch Internetseiten geklickt, die ihr rund um den 11. September empfohlen wurden.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft.

          Bald sah sie überall Gefahren: In den Kondensstreifen am Himmel, in den Wolken – auch die erschienen ihr vergiftet –, den Konservierungsstoffen im Essen. Ihr Gedanke, als sie Selbstmordvorstellungen quälten: Wenn die Elite sie doch ohnehin umbringen wollte, wieso es dann nicht gleich selbst erledigen, ohne unnötig unter all den Giften in Luft und Essen zu leiden?

          Verschwörungstheorien sind einerseits nichts Neues. Schon seit Jahrhunderten existieren Erzählungen darüber, dass eine geheim handelnde Gruppe ein Land oder die ganze Welt kontrollieren oder gar zerstören will, Stichwort Illuminati. Stephanie Wittschiers Fall ist außerdem extrem. Nicht jeder, der glaubt, die Anschläge auf das World Trade Center seien von den Amerikanern bewusst nicht verhindert oder gar selbst ausgeführt worden, glaubt irgendwann auch, dass uns Chemtrails vergiften, die Bundesrepublik kein wirklicher Staat oder die Erde hohl ist.

          Andererseits ist Wittschiers Fall exemplarisch. Denn in den vergangenen Jahren vervielfachen und verbreiten sich Verschwörungstheorien rasant, kommen laut Experten immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an und finden ihren Weg bis auf abgeschiedene Dörfer wie jenes, in dem Wittschier lebt.

          Internet wirkt wie ein Brandbeschleuniger

          Der Erfurter Philosophie-Dozent Karl Hepfer sagt: In einer komplizierter werdenden Welt nehme das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen zu, welche die Welt in Gut und Böse aufteilen. Das Internet wirke dabei wie ein Brandbeschleuniger. Denn wer früher in der nächsten Stadt eine esoterische Buchhandlung aufsuchen musste, findet heute im Netz Tausende Gleichgesinnte. Wer früher an eine krude Theorie glaubte, stieß nicht gleich auf Dutzende andere.

          Zumindest für Amerika belegen auch Umfragen diese Entwicklung: Mehr als die Hälfte der Amerikaner glaubt, die Anschläge vom 11.September seien von der amerikanischen Regierung absichtlich nicht verhindert worden, immerhin 15 Prozent denken sogar, die Zwillingstürme seien von der Regierung gesprengt worden. Es geht noch viel absurder: Vier Prozent der Amerikaner glauben, dass Reptilienwesen, die eine menschliche Gestalt annehmen können, die Welt beherrschen. Hillary Clinton etwa soll ein solcher Reptiloid sein.

          In Deutschland sorgten zuletzt vor allem rechtsradikale Verschwörungstheoretiker wie die Reichsbürger für Aufregung, die glauben, das Deutsche Reich existiere fort, und die sich deshalb nicht an die Gesetze der Bundesrepublik gebunden sehen. Am vergangenen Montag wurde der zur Reichsbügerszene zählende Wolfgang P. zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er im fränkischen Georgensgmünd einen Polizisten erschossen hatte.

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