Home
http://www.faz.net/-gun-6xlyn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Chemnitzer Band Kraftklub „Was soll uns heute schon passieren?“

11.02.2012 ·  Die Chemnitzer Band Kraftklub macht Tanzmusik und hat Erfolg damit. Im Interview sprechen die fünf Männer über Fleiß, Geld, Merkel, Nazis, Kiffen, Hostels, Berlin, Musik – und echte Maloche.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)
© Busse, Christoph Es gibt nichts zu rebellieren: Max Marschk, Till und Felix Brummer, Karl Schumann und Steffen Israel (v.l.) vor dem Marx-Monument

Ihr werdet als Band der Stunde, des Jahres oder gar einer ganzen Generation gefeiert. Fühlt ihr euch wohl in dieser Rolle?

Felix: Nein, ich finde das albern. Wir wollten nie eine Generation repräsentieren. Ansonsten hätte ich mir auch mehr Mühe gegeben.

Beim Schreiben?

Felix: Ja, dann würde ich bedeutsamere Sachen singen.

Till: Dann würde ich mir auch beim Bass-Spielen mehr Mühe geben.

Steffen: Ich glaube schon, dass wir eine Generation ansprechen mit unseren Themen. Wir sprechen aber nicht für sie.

Was ist das für eine Generation?

Felix: Ich dachte immer, dass die meisten Leute in unserem Alter in Großraumdiskotheken gehen und sich ins Solarium legen. Ich hatte bislang das Gefühl, wir sind nicht Teil dieser Generation. Wir legen sehr wenig Wert auf Status, wir brauchen kein tolles Auto und keinen krassen Computer.

Seid ihr deswegen so erfolgreich geworden?

Felix: Wir machen einfach coole Musik. Und wir haben uns den Erfolg erarbeitet, haben 200 Konzerte gespielt, bevor wir ins Studio gegangen sind.

Ihr wart ziemlich fleißig. Das passt doch gut in die strebsame Generation Praktikum.

Felix: Wir hatten auch viel Glück. Uns wurde die Zeit gegeben, die wir brauchten. Wir singen über Themen, die mit der fleißigen Generation Praktikum nicht viel zu tun haben: Liebe, Verlassenwerden, Facebook, Partys, mit Freunden abhängen.

Ihr habt auch ein Lied über Ritalin geschrieben.

Till: Ich bin hyperaktiv und musste von der 4. bis zur 10. Klasse Ritalin einnehmen. Die Ärzte wollten, dass ich die Tabletten rund um die Uhr schlucke. Rückblickend finde ich das nicht richtig.

Felix: Da werden Kinder, die leicht von der Norm abweichen, unter Drogen gesetzt. In jedem anderen Zusammenhang würde man das verurteilen.

Warum ist das Thema ADHS das einzige einigermaßen politische oder gesellschaftskritische Thema auf eurem Album?

Felix: Ich glaube nicht, dass Popmusik das richtige Medium ist, um politisch zu werden. Auch die Ritalin-Geschichte bezieht sich auf unser Leben. Wir wollen damit nichts verändern, wir wollen nur die Zeit reflektieren, in der wir groß geworden sind.

Till: Wir würden uns extrem angreifbar machen, wenn wir politische Lieder singen.

Felix: Das finde ich nicht so schlimm, aber in Popliedern haben politische Botschaften nichts zu suchen. Ich finde das albern und unangebracht. Andere können das gern machen, für uns passt es nicht.

Einen Song wie Pinks „Dear Mr. President“ würdet ihr nicht schreiben?

Felix: Klar, ich würde nie im Leben singen: „Liebe Angela Merkel, bitte geh mit mir spazieren und lass uns über die Verhältnisse in Deutschland diskutieren.“ Peinlich wäre das.

Interessiert ihr euch für Politik?

Felix: Ich verfolge ein bisschen das Tagesgeschehen.

Till: Ich habe das Gefühl, dass ich ohnehin nichts verändern kann.

Felix: Mensch Till, du bist ja politikverdrossen.

Till: Heißt das so? Dann scheint das so zu sein. Ich gehe schon wählen, aber ich weiß nicht, ob es was bringt. Ob ich CDU oder SPD wähle - das ändert doch nichts.

Wart ihr schon mal auf einer Demonstration?

Felix: In Chemnitz waren wir schon oft auf Anti-Nazi-Demos.

Wollt ihr mal ein Lied gegen Nazis schreiben?

Till: Nö, wir machen Tanzmusik. Es ist eine Selbstverständlichkeit für uns, gegen Nazis zu sein. Das müssen wir nicht singen.

Wirtschaftskrise, Griechenland-Pleite - interessiert euch das?

Felix: Bei Finanzen sind wir alle raus. Das geht an unserer Lebensrealität vorbei. Wir haben alle nicht mehr Geld als ein Hartz-IV-Empfänger.

Also könnt ihr von eurer Musik nicht leben?

Felix: Es geht schon. Durch die Konzerte nehmen wir etwas Geld ein. Unser Album ist gerade erst erschienen, wir wissen noch nicht, wie viel wir damit verdienen.

Ihr seid ja bei einer großen Plattenfirma.

Felix: Wir dachten, dann müssen wir unsere Eltern nicht mehr um Geld bitten.

Steffen: Unter einem Indie-Label wäre die Platte vielleicht auch nicht so gut geworden.

Der alte Glaubenskrieg: Indie-Label gegen große Plattenfirma, war der für euch relevant?

Felix: Nein, wir haben auch keine riesige Fangemeinschaft, die das blöd finden könnte.

© dpa Kraftklub beim „Bundesvision Song Contest 2011“ in Köln

In einem Song heißt es, dass ihr gegen nichts mehr rebellieren könnt, weil eure Eltern ein viel wilderes Leben hatten.

Till: Man kann sich heute nur noch über Lappalien beschweren, nichts wirklich Schlimmes. Wir könnten uns über Wulff aufregen, aber trifft uns das wirklich? Unsere Eltern haben den Umbruch eines Systems erlebt. Was soll uns heute passieren?

Kiffen eure Eltern echt mehr als ihr, wie es in einem Song heißt?

Till: Ja, aber das ist auch nicht schwer, weil wir nicht kiffen.

Da steht aber in eurem Tourblog was anderes.

Till: Mist, das hast du gelesen. Wir bekamen einmal auf Tour etwas angeboten. Das mussten wir natürlich annehmen, genau so, wie man in Russland einen Schnaps aus Höflichkeit mittrinken muss.

Wie ist gerade euer Leben?

Felix: Auf Tour ungesund. Gerade geben wir den ganzen Tag Interviews - letztens habe ich betrunken in der Badewanne noch mit Journalisten telefoniert.

Till: Das Musikerleben ist nicht immer schön. Viele denken nur an die zwei Stunden auf der Bühne, aber nicht an die stundenlange Busfahrt, das ständige Ein- und Ausladen, den Kater am nächsten Morgen. Wir schlafen in Hostels. Die sind so hässlich - da kann man nur betrunken einschlafen.

Wie stellt ihr euch eure Zukunft vor?

Till: Wir spielen im Sommer auf Festivals, danach gehen wir in den Proberaum, spielen neue Songs, testen neue Biersorten.

Felix: Dann werden wir unser enttäuschendes zweites Album machen, und danach schmeißt uns das Label bestimmt raus. Ich finde die Vorstellung auch nicht so schlimm, dass es irgendwann vorbei sein könnte. Freunde von uns studieren oder machen eine Ausbildung. Die wissen genau so wenig wie wir, was sie danach machen sollen. Mit ihrem Germanistik-Studium werden die wenigsten einen Job finden.

Ihr habt keine Angst, mit 30 ohne Ausbildung dazustehen?

Felix: Nein, dafür kenne ich zu viele Leute, die das ähnlich machen und trotzdem gut drauf sind.

Karl: Dann ziehen wir eben doch nach Berlin und machen „Projekte“.

Mit dem Lied „Ich will nicht nach Berlin“ seid ihr bekannt geworden. Warum hat gerade dieser Song so eingeschlagen?

Felix: Weil sich viele damit identifizieren können, sogar die Berliner selbst.

Was gefällt euch denn nicht an Berlin?

Felix: Ich finde es unangenehm, wie viel Quatsch die Leute in Berlin erzählen, alle reden von ihren „Projekten“ und davon, was sie in der Zukunft vorhaben. So was wird in Chemnitz aufs Schärfste verurteilt.

Till: Wenn du in Chemnitz erzählst, was du gerade Tolles vorhast, dann wirst du vielleicht in vier Wochen noch einmal gefragt, wie es um dein Projekt steht. Und wenn du dann immer noch das Gleiche erzählst, weiß jeder, dass du nur redest und nichts tust.

Deswegen singt ihr lieber von eurer Langeweile?

Felix: Ja, aber Langeweile kann auch gut sein, da kann etwas Gutes entstehen. Wir haben nie nachmittags Fernsehen geguckt, wir haben keine Spielkonsole. Wir waren immer zusammen draußen und haben Mist gebaut.

Was habt ihr gemacht?

Till: Wir haben einmal drei Stunden lang die Tür eines Mehrfamilienhauses mit Schnee zugeschippt. Dann kam die Polizei, und wir mussten alles wieder wegräumen.

Was würdet ihr machen, wenn ihr keine Musiker geworden wärt?

Karl: Ich würde eine Ausbildung machen, was Sinnloses.

Till: Ich würde in einem Club an der Bar arbeiten. Felix würde Partys organisieren. Steffen würde Förster werden, und Max würde als Einziger von uns richtig malochen und jeden Tag auf Montage fahren.

Die Fragen stellte Anne Hähnig.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel