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Charlotte Link Die Frau mit der Formel

Sie ist die erfolgreichste Roman-Autorin Deutschlands. Zuverlässig liefert Charlotte Link einen Bestseller nach dem anderen, ihr Name ist längst eine Marke. Wie konnte es dazu kommen?

© Röth, Frank Charlotte Link zu Hause in ihrem Wohnzimmer

Charlotte Link? Das ist doch diese englische Autorin! Tscharlott Link? Ja, das passiere ihr häufiger, sagt Charlotte Link. Auf der Buchmesse im Herbst ist sie mal wieder auf Englisch interviewt worden - von einem deutschen Journalisten. Verblüffung dann, als sie akzentfrei Deutsch anbot, sie muss jetzt darüber lachen. Die Verwechslung liegt ja auch nahe, nicht nur wegen ihres Namens, sondern weil die meisten ihrer Bücher in England spielen, wo Steinmauern, Cottages, grüne Wiesen, rauhe Steilküsten, das Meer und natürlich Nebel und Regen zum Standard-Repertoire eines Romans gehören.

Stefan Locke Folgen:

Womöglich ist das ein raffinierter Trick von ihr, weil Krimi und England irgendwie zusammengehören und die Autorin mit dieser Kombination einen Bestseller nach dem anderen produziert. Die Handlung freilich könnte auch ohne weiteres im Harz oder in der Pfalz spielen. „Aber ich werde von englischen Namen, Orten und der Landschaft inspiriert und kann daraus Bilder, Figuren, Stimmungen entwickeln, die das Buch voranbringen“, sagt Link. Seit sie mit 13 Jahren zum ersten Mal in England war, fühle sie sich dort zu Hause; sie reist bis heute viel dorthin, und beim Schreiben daheim in Wiesbaden träumt sie sich hinüber auf die Insel.

Vom Feuilleton verachtet, vom Publikum verehrt

Alle anderthalb Jahre ein Buch, das ist Links Mindestpensum, sie verfasst Kriminalromane nicht unter 500, lieber noch mit mehr als 600 Seiten und wurde damit zur erfolgreichsten Autorin Deutschlands. Ihre inzwischen 24 Romane verkauften sich mehr als 20 Millionen Mal, doch über Link selbst ist, siehe oben, nicht allzu viel bekannt. Vom Feuilleton wird sie verachtet und geschmäht, von ihrem Publikum verehrt und geliebt, meistens jedenfalls.

Home-Storys lehnt sie ab, der Presse gegenüber ist sie skeptisch, aber weil jetzt ihr meistverkauftes Buch ins Fernsehen kommt, gibt sie dann doch Auskunft. Link ist eine zurückhaltende Frau mit gütigem Blick und sanfter Stimme: hundert Prozent bürgerlich, null Bohème. „Das andere Kind“ heißt der Roman, der natürlich in England spielt und, das ist neu, auch dort ein Erfolg wurde. Es geht um Mord, klar, aber darin eingebettet auch um eine Geschichte, die von der Kinderlandverschickung während des Zweiten Weltkriegs handelt, als die Deutschen London bombardierten. Das sichere Landleben erwies sich für so manches Kind als Hölle; viele seien von den Familien, die für die Aufnahme auch bezahlt wurden, als billige Arbeitskräfte missbraucht, ausgebeutet und so zusätzlich traumatisiert worden, sagt Link.

Sie hat Berichte über diese Kinder gelesen und daraus einen Fall konstruiert, der geradezu Gebrüder-Grimm-haft böse ist. Ein kleiner Junge, offiziell bei einem Angriff ums Leben gekommen, gerät auf dem Land in schlechte Hände und wird erst als alter Mann befreit. „Solche wehrlosen Geschöpfe ziehen ja das Böse oft geradezu magisch an, da ist die Tür offen für Leute, die nichts Gutes im Sinn haben“, sagt Link. Ihre Figuren, so hat sie das mal beschrieben, gerieten immer wieder in Situationen, bei denen man denke: „Wenn’s dumm läuft, könnte mir das auch passieren.“ Darauf gründeten sich Furcht und Spannung.

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