http://www.faz.net/-gum-75eea
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.12.2012, 17:00 Uhr

Charlotte Link Die Frau mit der Formel

Sie ist die erfolgreichste Roman-Autorin Deutschlands. Zuverlässig liefert Charlotte Link einen Bestseller nach dem anderen, ihr Name ist längst eine Marke. Wie konnte es dazu kommen?

von
© Röth, Frank Charlotte Link zu Hause in ihrem Wohnzimmer

Charlotte Link? Das ist doch diese englische Autorin! Tscharlott Link? Ja, das passiere ihr häufiger, sagt Charlotte Link. Auf der Buchmesse im Herbst ist sie mal wieder auf Englisch interviewt worden - von einem deutschen Journalisten. Verblüffung dann, als sie akzentfrei Deutsch anbot, sie muss jetzt darüber lachen. Die Verwechslung liegt ja auch nahe, nicht nur wegen ihres Namens, sondern weil die meisten ihrer Bücher in England spielen, wo Steinmauern, Cottages, grüne Wiesen, rauhe Steilküsten, das Meer und natürlich Nebel und Regen zum Standard-Repertoire eines Romans gehören.

Stefan Locke Folgen:

Womöglich ist das ein raffinierter Trick von ihr, weil Krimi und England irgendwie zusammengehören und die Autorin mit dieser Kombination einen Bestseller nach dem anderen produziert. Die Handlung freilich könnte auch ohne weiteres im Harz oder in der Pfalz spielen. „Aber ich werde von englischen Namen, Orten und der Landschaft inspiriert und kann daraus Bilder, Figuren, Stimmungen entwickeln, die das Buch voranbringen“, sagt Link. Seit sie mit 13 Jahren zum ersten Mal in England war, fühle sie sich dort zu Hause; sie reist bis heute viel dorthin, und beim Schreiben daheim in Wiesbaden träumt sie sich hinüber auf die Insel.

Vom Feuilleton verachtet, vom Publikum verehrt

Alle anderthalb Jahre ein Buch, das ist Links Mindestpensum, sie verfasst Kriminalromane nicht unter 500, lieber noch mit mehr als 600 Seiten und wurde damit zur erfolgreichsten Autorin Deutschlands. Ihre inzwischen 24 Romane verkauften sich mehr als 20 Millionen Mal, doch über Link selbst ist, siehe oben, nicht allzu viel bekannt. Vom Feuilleton wird sie verachtet und geschmäht, von ihrem Publikum verehrt und geliebt, meistens jedenfalls.

Home-Storys lehnt sie ab, der Presse gegenüber ist sie skeptisch, aber weil jetzt ihr meistverkauftes Buch ins Fernsehen kommt, gibt sie dann doch Auskunft. Link ist eine zurückhaltende Frau mit gütigem Blick und sanfter Stimme: hundert Prozent bürgerlich, null Bohème. „Das andere Kind“ heißt der Roman, der natürlich in England spielt und, das ist neu, auch dort ein Erfolg wurde. Es geht um Mord, klar, aber darin eingebettet auch um eine Geschichte, die von der Kinderlandverschickung während des Zweiten Weltkriegs handelt, als die Deutschen London bombardierten. Das sichere Landleben erwies sich für so manches Kind als Hölle; viele seien von den Familien, die für die Aufnahme auch bezahlt wurden, als billige Arbeitskräfte missbraucht, ausgebeutet und so zusätzlich traumatisiert worden, sagt Link.

Sie hat Berichte über diese Kinder gelesen und daraus einen Fall konstruiert, der geradezu Gebrüder-Grimm-haft böse ist. Ein kleiner Junge, offiziell bei einem Angriff ums Leben gekommen, gerät auf dem Land in schlechte Hände und wird erst als alter Mann befreit. „Solche wehrlosen Geschöpfe ziehen ja das Böse oft geradezu magisch an, da ist die Tür offen für Leute, die nichts Gutes im Sinn haben“, sagt Link. Ihre Figuren, so hat sie das mal beschrieben, gerieten immer wieder in Situationen, bei denen man denke: „Wenn’s dumm läuft, könnte mir das auch passieren.“ Darauf gründeten sich Furcht und Spannung.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Buch Amok im Kopf Was den Attentäter von München animiert haben könnte

In der Wohnung des Amokläufers von München hat die Polizei einschlägige Literatur gefunden. Vor allem ein Buch sticht heraus. Auch eine Verbindung zu den Taten von Winnenden und in Norwegen liege auf der Hand. Mehr

23.07.2016, 19:01 Uhr | Gesellschaft
Quidditch-WM in Frankfurt Von wegen alberne Besenrennerei

Quidditch kennen viele nur aus den Harry-Potter-Romanen, doch der fiktive Besensport hat es längst auch in die reale Welt geschafft. In Frankfurt fand nun die Weltmeisterschaft statt. Mehr

26.07.2016, 14:03 Uhr | Sport
Clemens J. Setz im Gespräch Ich werde sicher nie irgendwo Stadtschreiber sein

Am Rande einer Tagung über sein Werk denkt der produktive österreichische Autor Clemens J. Setz über das Aufhören nach – und über unverdiente Stipendien im Literaturbetrieb. Mehr Von Jan Wiele

23.07.2016, 13:57 Uhr | Feuilleton
Wahlen in Amerika Clinton muss sich an die Kandidatur erst gewöhnen

In Philadelphia soll Hillary Clinton offiziell zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten gekürt werden. Bei einem Treffen mit Veteranen sagte sie, daran müsse auch sie sich erst mal gewöhnen. Mehr

26.07.2016, 15:57 Uhr | Politik
Emma Clines The Girls Wenn Blumenkinder vom Weg abkommen

Die amerikanische Autorin Emma Cline erzählt in ihrem Debüt The Girls von einer Verführung. Die Geschichte der Manson-Sekte ist dabei nur die Folie für ein psychologisches Drama. Mehr Von Sandra Kegel

27.07.2016, 11:44 Uhr | Feuilleton

Tochter von Til Schweiger Luna Schweiger will unter Trump keine Amerikanerin mehr sein

Luna Schweiger will bei einem Wahlsieg Trumps Konsequenzen ziehen, Hannes Jaenicke hat sich getrennt und Udo Lindenberg wird von seiner Geburtsstadt geehrt – der Smalltalk. Mehr 18

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden