Charlotte Link? Das ist doch diese englische Autorin! Tscharlott Link? Ja, das passiere ihr häufiger, sagt Charlotte Link. Auf der Buchmesse im Herbst ist sie mal wieder auf Englisch interviewt worden - von einem deutschen Journalisten. Verblüffung dann, als sie akzentfrei Deutsch anbot, sie muss jetzt darüber lachen. Die Verwechslung liegt ja auch nahe, nicht nur wegen ihres Namens, sondern weil die meisten ihrer Bücher in England spielen, wo Steinmauern, Cottages, grüne Wiesen, rauhe Steilküsten, das Meer und natürlich Nebel und Regen zum Standard-Repertoire eines Romans gehören.
Womöglich ist das ein raffinierter Trick von ihr, weil Krimi und England irgendwie zusammengehören und die Autorin mit dieser Kombination einen Bestseller nach dem anderen produziert. Die Handlung freilich könnte auch ohne weiteres im Harz oder in der Pfalz spielen. „Aber ich werde von englischen Namen, Orten und der Landschaft inspiriert und kann daraus Bilder, Figuren, Stimmungen entwickeln, die das Buch voranbringen“, sagt Link. Seit sie mit 13 Jahren zum ersten Mal in England war, fühle sie sich dort zu Hause; sie reist bis heute viel dorthin, und beim Schreiben daheim in Wiesbaden träumt sie sich hinüber auf die Insel.
Vom Feuilleton verachtet, vom Publikum verehrt
Alle anderthalb Jahre ein Buch, das ist Links Mindestpensum, sie verfasst Kriminalromane nicht unter 500, lieber noch mit mehr als 600 Seiten und wurde damit zur erfolgreichsten Autorin Deutschlands. Ihre inzwischen 24 Romane verkauften sich mehr als 20 Millionen Mal, doch über Link selbst ist, siehe oben, nicht allzu viel bekannt. Vom Feuilleton wird sie verachtet und geschmäht, von ihrem Publikum verehrt und geliebt, meistens jedenfalls.
Home-Storys lehnt sie ab, der Presse gegenüber ist sie skeptisch, aber weil jetzt ihr meistverkauftes Buch ins Fernsehen kommt, gibt sie dann doch Auskunft. Link ist eine zurückhaltende Frau mit gütigem Blick und sanfter Stimme: hundert Prozent bürgerlich, null Bohème. „Das andere Kind“ heißt der Roman, der natürlich in England spielt und, das ist neu, auch dort ein Erfolg wurde. Es geht um Mord, klar, aber darin eingebettet auch um eine Geschichte, die von der Kinderlandverschickung während des Zweiten Weltkriegs handelt, als die Deutschen London bombardierten. Das sichere Landleben erwies sich für so manches Kind als Hölle; viele seien von den Familien, die für die Aufnahme auch bezahlt wurden, als billige Arbeitskräfte missbraucht, ausgebeutet und so zusätzlich traumatisiert worden, sagt Link.
Sie hat Berichte über diese Kinder gelesen und daraus einen Fall konstruiert, der geradezu Gebrüder-Grimm-haft böse ist. Ein kleiner Junge, offiziell bei einem Angriff ums Leben gekommen, gerät auf dem Land in schlechte Hände und wird erst als alter Mann befreit. „Solche wehrlosen Geschöpfe ziehen ja das Böse oft geradezu magisch an, da ist die Tür offen für Leute, die nichts Gutes im Sinn haben“, sagt Link. Ihre Figuren, so hat sie das mal beschrieben, gerieten immer wieder in Situationen, bei denen man denke: „Wenn’s dumm läuft, könnte mir das auch passieren.“ Darauf gründeten sich Furcht und Spannung.
Mit 16 beginnt sie ihr Erstlingswerk
Allerdings müsste es schon sehr dumm laufen, wenn einem das, was sie schildert, im realen Leben widerfahren würde. Denn bei Link lauert das Böse immer und überall, bevorzugt an abgelegenen Plätzen in der Natur oder in dunklen Unterführungen, wo in der Realität so gut wie nie, aber in ihren Krimis eben immer etwas Furchtbares geschieht. Das jedoch scheint genauso mit der Angst und auch der Erwartung ihres Publikums zu korrespondieren wie ihre Intention als Verfasserin: „Mich reizt am Krimischreiben, Figuren zu entwickeln, die ohne echte kriminelle Energie schuldig werden, weil sie das Falsche getan oder das Richtige unterlassen haben.“ Auch in ihrem neuesten Roman, „Im Tal des Fuchses“, ist ein solcher Typ wieder eine der Hauptfiguren.
Nun hatte Link anfangs mit Krimis nichts zu tun, sondern verfasste Historienromane. Geschichte ist neben England ihre zweite Leidenschaft, und beides führte sehr früh zu ihrer dritten: dem Schreiben. Ihr Erstlingswerk, „Die schöne Helena“, siedelte sie im England des 17. Jahrhunderts an. Das sei gar nicht schwer gewesen, der englische Bürgerkrieg bildete den Rahmen, in den sie eine Familie stellte und begleitete. Mit 16 Jahren hatte sie begonnen, die Geschichte zu notieren, handschriftlich nach der Schule, und mit 19, zeitgleich mit dem Abitur, war das 800-Seiten-Werk perfekt; das Manuskript mit drei Durchschlägen hackte sie in die mechanische Schreibmaschine ihres Vaters, danach waren ihre Handgelenke ruiniert, aber die Seele hatte Ruh’: Fertig!
Das Paket schickte sie kühn an den Rowohlt-Verlag, der zugriff und ihr prompt einen Vertrag für ein zweites Buch anbot, sie aber auch zwang, ein Drittel ihres Manuskripts zu kürzen. Schriftstellerin sei damals gar nicht ihr Ziel gewesen, stattdessen wollte sie Anwältin werden und neben dem Studium Romane schreiben. Das klappte, bis Bertelsmann ihr einen Vertrag über drei Bücher anbot - mit garantierter Abnahme, garantiertem Honorar und fester Lieferzeit. Das sei eine ihrer schwierigsten Entscheidungen gewesen, erzählt Link. „Weg von der bürgerlichen Zukunft hin zum freien Schriftstellertum, darauf war ich nicht geeicht. Ich bin sehr sicherheitsorientiert und wollte einen richtigen Beruf mit Abschluss haben.“
Ihre frühen Werke seien ihr heute peinlich
Ein Freund ging dann mit ihr durch Frankfurt und zeigte auf die zahlreichen Schilder von Rechtsanwaltskanzleien. „Willst du dich da einreihen?“, habe er gefragt, und überhaupt: Kamen nicht ständig Anwälte in die Vorlesung, die vom Jura-Studium wegen der Advokatenschwemme abrieten? Andererseits war sie schon im siebten Semester, hatte alle Scheine, nur noch das Staatsexamen fehlte. Link entschied sich dann doch fürs Schreiben, mit allen Konsequenzen, zog von Frankfurt nach München, nahm sich ein Zimmer und kein Geld mehr vom Vater. „Ich dachte: Ob das jetzt klappt, merke ich nur, wenn ich wirklich davon leben muss.“
Der Verlag zahlte ihr 5.000 Mark Vorschuss pro Buch, noch mal so viel gab es jeweils bei Abgabe und Erscheinen. Um bis zur Abgabe über die Runden zu kommen, jobbte sie bei Versicherungen und wandelte unter Pseudonym Drehbücher von Vorabendserien in Romane um. „Das war reine Lohnschreiberei, aber es ging schnell und wurde sehr gut bezahlt.“ 10.000 Mark bekam sie für 250 Seiten. „Ich bin kein Shootingstar“, sagt Link, wie um zu bekräftigen, dass ihr nichts in den Schoß gefallen ist. „Ich musste mich mühsam hocharbeiten.“
Ihre ersten Buchtitel heißen „Wenn die Liebe nicht endet“, „Die Sterne von Marmalon“, „Verbotene Wege“ und triefen vor Kitsch. Ihre frühen Werke seien ihr heute peinlich, sagt Link dann, die deshalb auch jede Neuauflage verweigert, obwohl das sicher lukrativ wäre. „Die Bücher sind so anders, ich bin ja inzwischen viel älter und habe mich verändert. Damals hatte ich natürlich viel weniger Lebenserfahrung.“
Der Durchbruch gelingt ihr in den Neunzigern
Der Durchbruch gelingt ihr Anfang der Neunziger mit der „Sturmzeit“-Trilogie, in der sie eine Familie von der Zeit des Ersten Weltkriegs über das Nazi-Regime bis in die junge Bundesrepublik begleitet. Die Besprechungen sind durchaus wohlwollend, Link verfasse gehobene Gesellschaftsliteratur, heißt es, für die es in Deutschland eine Marktlücke gebe. Danach gibt sie die Nebenjobs auf, mit noch nicht mal 30 Jahren kann sie von ihren Büchern leben, und 1997 steht sie mit „Das Haus der Schwestern“ erstmals auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Das aber ist schon kein Historienroman mehr, sondern eine Kriminalgeschichte und damit ein Genre, dem Link bis heute treu bleibt.
Sie könne am besten arbeiten, wenn niemand da sei, der ihr beim Lautlesen zuhören oder beim Auf- und Abgehen zugucken könnte, erzählt sie. So schreibt sie diszipliniert von montags bis freitags, meist von 9 bis 16 Uhr, dann kommt ihre Tochter aus der Schule. Wenn es aber auf das Ende eines Romans zugeht, dann läuft die Linksche Schreibfabrik am Limit. „Da komme ich mir vor wie ein Pferd, das den Stall schon wittert, da schreibe ich durch.“ Wobei das Ende für sie stets schwieriger als der Anfang eines Buches sei, weil sie ihre vielen Protagonisten und Handlungsstränge sinnvoll zusammenführen und allen gerecht werden müsse; Abgabetermine halte sie penibel ein. „Ich brauche den Druck.“
Ihre Hauptfiguren sind meist Frauen, ihr Publikum ist überwiegend weiblich, auch wenn sie viel mehr Fanpost von Männern erhält, die meistens nach einem Autogramm fragen. Frauen dagegen schrieben ihr gern „ausführliche Lebensgeschichten“, darunter oft Tragisches und Erschütterndes, aber auch viel Ermunterung und Lob.
„Ich lese keine Kritiken zu meinen Büchern“
Bei der Literaturkritik dagegen fällt Link regelmäßig durch, sofern sie überhaupt beachtet wird. Dann werden ihr holzschnittartige Charaktere, konstruierte Handlungen und Küchenpsychologie vorgeworfen. „Druckfrisch“-Kritiker Denis Scheck urteilte, Links Bücher seien „pseudo-britische Thriller in steriler Plastikprosa“, Elke Heidenreich befand, die Romane „unterhalten zwei Stunden lang, aber dann lässt man sie am Strand liegen“, die „Zeit“ immerhin attestierte ihr, eine „tadellose Romandramaturgin“ zu sein, die freilich „Unterhaltung fürs Massenpublikum mit trivialen Elementen“ verfasse.
Ihr sei schon klar, dass sie Unterhaltungsliteratur schreibe, sagt Link. „Manchmal sagen mir das Journalisten in einem Ton, als würden sie mir gleich was ganz Schlimmes eröffnen.“ Sie habe anfangs sehr unter der fehlenden Anerkennung gelitten und Kritik sehr persönlich genommen. „Heute lese ich keinerlei Kritiken mehr zu meinen Büchern.“
Das sagen zwar die meisten Autoren, denen es geht wie ihr, Link aber versichert, dass das keine Schutzbehauptung sei: „Ich bin meinen Weg gegangen.“ Längst erscheint ihr Name auf den Einbänden ihrer Romane viel größer als der Titel selbst; Charlotte Link ist zu ihrer eigenen Marke geworden, die vor allem ihren Leserinnen Verlässlichkeit signalisiert.
Eins bringt sie auf die Palme
Diesen zuverlässigen Erfolg würden gern auch andere haben, immer wieder wird Link deshalb zu Seminaren eingeladen, auf denen Literaturwissenschaftler und Verleger an ihrem Beispiel versuchen, die Bestseller-Weltformel zu ermitteln. Am Ende aber sei es stets ähnlich wie mit Titelseiten von Zeitungen und Magazinen: Man weiß es einfach nicht. Von Handlung und Stil her völlig ähnlich aufgebaute Romane liefen gut und schlecht.
Fürchtet sich Charlotte Link vor dem Moment, in dem eines ihrer Bücher floppen könnte? „Ich denke jedes Mal: Was, wenn es diesmal nicht gut geht?“ Man glaubt jetzt den Druck zu spüren, Druck, unter den sie sich auch selbst setzt, vor allem an Tagen, an denen das Blatt auf ihrem Bildschirm weiß bleibt. Jetzt bloß nicht versagen! Dabei muss sie sich nichts mehr beweisen.
Eines allerdings bringt sie dann doch auf die Palme: wenn man sie in einem Atemzug mit Rosamunde Pilcher nennt. „Ich springe jedem ins Gesicht, der das tut“, sagt sie so energisch, dass man glatt in Deckung gehen möchte. „Wie kommt man denn darauf?“ Aufgrund der Schauplätze könne man „einfach nicht anders, als dabei an Rosamunde Pilchers Romanwelt zu denken, wo Natur und menschliche Tragödie eine schmalzige Einheit ergeben“, schrieb unter anderen die „Zeit“, doch Link lässt das nicht gelten. „Pilcher ist heile Welt, bei mir ist die Krimi-Handlung ganz entscheidend. Nichts in meinen Themen ist jemals versöhnlich.“ Man könne schließlich nicht jeden Roman kurzerhand zum Pilcher-Stoff erklären, nur weil er in England spielt.
Film scheint nicht ihr Ding zu sein
Vielleicht entstand der Eindruck ja auch durch die Verfilmungen ihrer Bücher, die das ZDF in die Rubrik „Romantik“ gleich neben Pilcher einsortierte. „Diese Filme sind Pilcher total“, gibt Link zu. „Aber ich habe weder die Drehbücher geschrieben noch Regie geführt oder die Schauplätze ausgesucht.“ Die Rechte seien früh verkauft gewesen, so dass sie kaum Einfluss nehmen konnte. „Man hörte mir zwar zu, aber letztlich drückte der Sender seine Vorstellungen durch, die sich komplett von meinen unterschieden.“
Das sei auch der Grund, weshalb sie die Produktionsfirma gewechselt habe. Mit der Verfilmung von „Das andere Kind“ ist Link zufrieden, auch wenn sie nicht alle Volten des Drehbuchs nachvollziehen kann. Dass etwa zwei am Anfang durch ein schreckliches Erlebnis traumatisierte Kinder ausgerechnet von der Psychotherapeutin betreut werden, die am Ende den Fall löst, sei ihr zu viel Zufall. „So was würde ich nie schreiben, und mir leuchtet es auch immer noch nicht ein, aber ich kann damit leben.“
Film scheint einfach nicht ihr Ding zu sein, auch wenn ihr schon mal zum Oscar-Gewinn gratuliert wurde. Der Glückwunsch allerdings galt der Regisseurin Caroline Link, mit der sie auch ab und an verwechselt wird. Charlotte Link dagegen hat einen Buchvertrag für das kommende Jahrzehnt, dafür muss sie zuverlässig liefern. Sie schließt nicht aus, auch das Genre noch einmal zu wechseln. Zwei A4-Blätter schafft sie am Tag, das entspricht vier Buchseiten.
Charlotte Link kam 1963 in Frankfurt am Main zur Welt. Ihr Vater arbeitete als Richter, ihre Mutter ist die Autorin und Journalistin Almuth Link. Nach dem Abitur studierte Link zunächst Jura, gab das Studium jedoch bald wegen mehrerer Buchverträge auf. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie mit 19, bis heute folgten knapp 30 weitere Bücher.
Links Spezialität waren zunächst Gesellschaftsromane, heute schreibt sie vor allem psychologische Thriller; mit ihren Titeln war sie insgesamt 677 Wochen auf der Bestsellerliste. Rund die Hälfte ihrer Romane wurde verfilmt, darunter jüngst „Das andere Kind“, den das Erste u. a. mit Marie Bäumer und Hannelore Hoger am 2. und 3. Januar um 20:15 Uhr ausstrahlt. Link engagiert sich im Tierschutz, vor allem gegen die Tötung von Straßenhunden in Südosteuropa. Sie lebt mit Mann und elfjähriger Tochter in Wiesbaden.
Gelungene Weltbildvermittlung
Franz Becker (FBXL9)
- 31.12.2012, 00:31 Uhr