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Veröffentlicht: 16.05.2017, 13:43 Uhr

Sport-Accessoire von Chanel Wie rassistisch kann ein Bumerang sein?

Chanel verkauft einen Bumerang für 2000 Dollar. Ärger löst aber nicht der Preis aus. Sondern dass es sich um ein Symbol der Aborigines handelt. Für Kritiker ein Fall „kultureller Aneignung“.

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© Jeffree Star / Twitter Dieses Foto auf Twitter löste eine Kontroverse um den Bumerang von Chanel aus.

Die Modemarke Chanel verkauft einen Bumerang für knapp 2000 Dollar, und die Aufregung darüber ist groß. Jedoch ist sie das nicht aus dem naheliegenden Grund, dass es sich um ein überteuertes Stück Holz handelt. Sondern weil dem Unternehmen Rassismus vorgeworfen wird.

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Das klingt erst einmal erklärungsbedürftig und ist es auch. Die Menschen, die sich in den sozialen Netzwerken über Chanel aufregen, sagen, es handele sich um die kulturelle Aneignung eines Symbols der bis heute in Australien benachteiligten Aborigines. Um Geldmacherei mit den Ärmsten der Gesellschaft und um eine Verächtlichmachung ihrer Traditionen und Geschichte. Denn der Bumerang, immerhin seit einigen Jahrhunderten als Sportgerät genutzt, ist ursprünglich eine Waffe, wie sie von australischen Ureinwohnern verwendet wurde.

Rechtfertigt das die Aufregung? Zunächst einmal verkauft Chanel Bumerangs schon seit 2006. Wie der „Guardian“ berichtet, ist der jetzige Bumerang Teil der Frühjahrs- und Sommer-Kollektion der Luxusmarke in der Sparte Sport-Accessoires, in der auch Tennisbälle (drei Stück für 570 Dollar) und Schläger (für 2200 Dollar) angeboten werden. Dass der Shitstorm erst den aktuellen Bumerang trifft und nicht schon vor elf Jahren aufkam, hat vor allem zwei Gründe. Der erste hat mit Twitter zu tun, der zweite mit einer größeren Debatte um kulturelle Aneignung, die 2006 noch nicht so weite Kreise gezogen hatte.

Rund 2300 Kommentare innerhalb von drei Stunden

Die Sache mit Twitter ist schnell erzählt: Der amerikanische Make-up-Künstler und Designer Jeffree Star hat am Montag auf Twitter und anderen Plattformen erklärt, wie viel Spaß er mit seinem neuen Chanel-Bumerang habe. Star hat fast eine Million Follower auf Twitter, Tausenden Nutzern gefiel sein Beitrag. So geriet er ins Blickfeld einiger, denen er gar nicht gefiel. Rund 2300 Kommentare hagelte es innerhalb von nur drei Stunden.

© Twitter

Was die erwähnte Debatte betrifft, ist es etwas komplizierter und ziemlich theoretisch: Das Studiengebiet der „Critical Whiteness“, auf Deutsch teils mit Weißseinsforschung übersetzt, fordert Soziologen, Politologen und Kulturwissenschaftler auf, nicht immer nur auf soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit zu schauen und dabei Hautfarben auszublenden. Denn weiße Menschen, so die zentrale Idee des Konzepts, verfügen durch ihre Hautfarbe über gewisse Privilegien, die man sich bewusst machen müsse. Weiße seien stets die Norm, Nichtweiße die Ausnahme. Wer die Symbole nicht-weißer Kulturen zur Schau stelle, sie sich aneigne, verstärke damit die weiße Dominanz. Das Stichwort hier lautet „White Supremacy“.

Die Frage lautet, wo Aneignung und Dominanz beginnen und wo sie aufhören. Sicherlich finden es die wenigsten in Ordnung, wenn ein Weißer sich für eine Verkleidungsparty das Gesicht schwarz anmalt. Denn das sogenannte Blackfacing hat seinen Ursprung in den amerikanischen „Minstrel Shows“ Ende des 19. Jahrhunderts, in denen weiße Darsteller mit schwarzer Farbe im Gesicht Schwarze mimten. Die waren meist naiv und schwachsinnig, aber lustig. Aus heutiger Sicht eine rassistische Praxis.

Dreadlocks nur für Schwarze, Yoga nur für Inder?

Doch war es auch rassistisch, als das Model Karlie Kloss bei einer Victoria's-Secret-Modenschau eine Federhaube und Mokassins trug? Und wie steht es um Dreadlocks, ehemals eine Frisur, die eine linke politische Einstellung transportierte? In linken Kreisen werden heute teils Leute mit Dreadlocks von Partys ausgeschlossen. Der Vorwurf auch hier: kulturelle Aneignung einer „schwarzen“ Frisur. Und in der kanadischen Hauptstadt Ottawa wurden mit derselben Begründung kostenlose Yoga-Kurse auf dem Campus abgeblasen. Denn Yoga, so die Studentenvertretung, werde Kulturen entliehen, die unter Kolonialismus und westlicher Vorherrschaft gelitten hätten.

Dreadlocks nur für Schwarze, Yoga nur für Inder, jedem seine Kultur: Das klingt verdächtig nach den neuen Rechtsradikalen der „Identitären Bewegung“. Nicht nur deshalb ist die Idee der kulturellen Aneignung mindestens ambivalent. Sie geht auch von klar abgrenzbaren Kulturen aus und verkennt die kulturelle Vermischung, die es seit Jahrhunderten gibt. Das gilt für Mode und Sport ebenso wie für Ernährung.

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„Den Bagel haben die Deutschen von den Amis geklaut, und die aus Polen, von wo das Rundgebäck mit den Juden an die Lower East Side wanderte, dann als 'echt amerikanisch' zurück nach Europa“, schrieb Josef Joffe kürzlich in der „Zeit“. Und: „Ohne 'kulturelle Aneignung' wäre die ganze Welt wie Nordkorea.“ Der Anlass für seine Worte war eine Autorin, die sich in der „New York Times“ darüber echauffiert hatte, dass sie in einer Speisekarte „asiatischen Salat“ entdeckt hatte.

Das Beispiel mit dem asiatischen Salat reiht sich in eine lange Liste absurder Beispiele von vermeintlichem Rassismus und kultureller Aneignung ein. Es zeigt, wie schwer es ist, nicht überall kulturelle Aneignung zu wittern, hat man sich erst einmal auf dieses Konzept eingelassen. Chanel hat mit seinem Bumerang dieser Liste ein weiteres Beispiel hinzugefügt.

Zur Ehrenrettung der Twitter-Nutzer sei noch gesagt, dass es auch einige gab, die sich aus dem naheliegenderen Grund über den Bumerang lustig machten.

© Twitter

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