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Cem Özdemir im Interview „Meine Frau hat ein Vetorecht“

 ·  Cem Özdemir ist im Dezember zum zweiten Mal Vater geworden. Im Interview spricht der Grünen-Chef mit Oliver Hoischen über seine sechswöchige Babypause, Ehrgeiz im Job und wahre Gleichberechtigung.

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Grünen-Chef Cem Özdemir über seine Babypause, Ehrgeiz im Job und wahre Gleichberechtigung.

Herr Özdemir, im Dezember sind Sie zum zweiten Mal Vater geworden. Sie haben jetzt sechs Wochen Babypause hinter sich, sechs Wochen ohne Parteitermine und Pressestatements. War es eine schlimme Zeit für Sie?

Das war schon eine Umstellung, wenn nicht der Terminkalender, sondern die Stillzeiten den Tages- und Nachtablauf diktieren. Aber Sie sehen ja, mir geht's gut. Zeitung lesen und Radio hören darf man außerdem auch als Papa.

Sie haben keine E-Mails gecheckt morgens, mittags, abends?

Klar habe ich auch das ein oder andere Telefonat geführt und Mails gecheckt. Aber an den Sitzungen der Gremien habe ich konsequent nicht teilgenommen, obwohl ich in Berlin um die Ecke wohne. Natürlich gab es da so manches Thema, zu dem ich gerne auch öffentlich etwas gesagt hätte. Aber die Grünen waren in den sechs Wochen ja auch mit Claudia Roth sehr gut sichtbar.

Da hat die Doppelspitze also auch einen Vorteil: Claudia Roth macht die Arbeit, Sie bleiben zu Hause.

Geschadet hat's jedenfalls nicht! (lacht). Aber mal ernsthaft: In dieser Zeit hat die Kollegin allein den Job von uns beiden geschmissen, dafür bin ich ihr auch dankbar. Der Bundesvorstand und meine Kollegen haben verständnisvoll reagiert und mich sehr entlastet. Ich weiß nicht, ob das auch anderswo so wäre. Auch jetzt nehmen sie Rücksicht darauf, dass ich morgens vor der Arbeit meine Tochter in den Kindergarten bringe. Unsere morgendliche Presselage muss dann eben etwas später beginnen.

Wie haben Sie sich zu Hause denn nützlich gemacht? Können Sie die Badetemperatur jetzt mit einmal Fingerreinhalten bestimmen?

Also, ich habe meiner Frau nicht nur über die Schulter geschaut und ihr kluge Vorschläge unterbreitet. Außer Stillen habe ich das ganze Programm mitgemacht. Ich bin in unserer Familie auch zuständig dafür, die diversen Ratgeber auswendig zu lernen. Vor allem aber habe ich viel Zeit mit unserer vier Jahre alten Tochter verbracht, die muss jetzt erst einmal damit klarkommen, dass sie einen kleinen Bruder hat.

Welche Rolle spielen die verschiedenen Sprachen in Ihrer Familie?

Meine Tochter geht seit ihrem ersten Lebensjahr in einen zweisprachigen Kindergarten, Deutsch und Spanisch wird dort gesprochen, meine Frau stammt ja aus Argentinien. Zu Hause sprechen wir beides. Das geht sehr gut. Mit Schwäbisch und Türkisch konnte ich mich leider nicht durchsetzen - aber Türkisch wird später hoffentlich die dritte Sprache der Kinder. Die lernen sie jetzt vor allem von meinen Eltern.

Sie sind Erzieher von Beruf...

Ja, ich bin Erzieher und Sozialpädagoge. Wenn es um Lieder, Spiele und Kinderbücher geht, muss ich nicht von null anfangen. In den sechs Wochen war ich mit meiner Tochter oft im Kindertheater. Das hat dann auch seine Spuren hinterlassen: Die Migrationsbeauftragte Maria Böhmer habe ich ja mal als Fräulein Rottenmeier bezeichnet, die unnachgiebige Hausdame aus dem Roman Heidi. Und die Steuerpolitik der Bundesregierung erinnert mich zunehmend an die Grimmschen Märchen, so jenseits der Realität sind sie.

Sechs Wochen sind nicht gerade lang und klingen doch sehr nach Wickelvolontariat. Wofür war das überhaupt gut: Als PR für einen prominenten Politiker?

Ich habe großen Respekt vor Männern, die trotz Karriere und beruflicher Verpflichtungen für einen längeren Zeitraum zu Hause bleiben, und würde mir wünschen, dass es mehr davon gibt. Als Parteivorsitzender bin ich nur für zwei Jahre gewählt, da waren mehr als sechs Wochen nicht drin. Mir ging es jetzt darum, in den ersten Wochen nach der Geburt voll bei meiner Frau, dem frischgeborenen Sohn und meiner Tochter sein zu können. Besonders in dieser Zeit ist es wichtig, die Verantwortung zwischen den beiden Partnern zu teilen. Bei uns wohnen die Großeltern nicht gerade um die Ecke. Man tut dabei aber nicht nur dem Partner etwas Gutes - im Grunde macht man das für sich selbst.

Wahre Gleichberechtigung wäre es doch, wenn Sie jetzt nur noch Teilzeit arbeiten würden. Ist Ihre Frau nicht sauer, dass Sie nach sechs Wochen schon wieder ins Büro gegangen sind?

Ihr war es wichtig, dass ich mir trotz Parteivorsitz diese sechs Wochen wirklich ganz freigenommen habe. Das heißt ja nicht, dass ich jetzt wieder völlig weg vom Fenster wäre.

Ihre Frau ist Journalistin. Arbeitet Sie wieder, oder gilt bei Ihnen die klassische Arbeitsteilung?

Noch ist sie zu Hause, aber in ein paar Wochen wird sie wieder arbeiten. Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen ist eine tägliche Herausforderung, die viele Familien kennen. Organisation ist da verdammt wichtig. Meine Frau hat auch ein Vetorecht bei meinem Terminkalender und kann sagen, dass sie an einem bestimmten Wochenende arbeiten möchte und der Cem Özdemir darum bitte möglichst zu Hause sein sollte.

Ist da eine richtige Karriere überhaupt möglich? Joschka Fischer jedenfalls hätte man sich kaum am Sandkasten vorstellen können.

...ich habe ihn dort nicht gesehen...

Nun hat auch der grüne Bürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, angekündigt, er wolle im Herbst dieses Jahres für zwei Monate in Elternzeit gehen. Gehört das für einen Grünen-Politiker inzwischen zum guten Ton?

In meiner Generation wird es einfach zunehmend selbstverständlich. Es geht nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie. Es geht darum, Baby und Beruf unter einen Hut zu bringen, ich will beides. Weder mir noch Boris Palmer mangelt es an Ehrgeiz, keine Sorge - wir wollen nur nicht, dass unser Karrierestreben zu Lasten der Familie geht. Frauen machen diese Erfahrung schon seit Jahren.

Aber ist die Elternzeit der früheren Familienministerin von der Leyen nicht ein Flop? Mehr Kinder werden jetzt jedenfalls nicht geboren.

Es wäre absurd zu glauben, dass nur deshalb mehr Kinder geboren werden, weil es jetzt Elterngeld gibt. Das Geld ist wichtig, aber nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass die immer noch katastrophalen Bedingungen für eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie endlich verbessert werden.

Wie haben Sie die Babypause finanziert?

Ich selbst habe kein Elterngeld bekommen. Bis zum Jahresende habe ich Übergangsgeld von meiner Zeit als Europaparlamentarier erhalten. Wenn Sie als Abgeordneter bezahlt werden, bekommen Sie bei uns Grünen kein Geld für den Parteivorsitz. Erst seit Jahresbeginn bezahlt mich jetzt die Partei, wobei sich diese Bezahlung an der Bezahlung von Abgeordneten orientiert.

Was hat denn die türkische Community zu Ihrer Aktion gesagt? Sind Sie da jetzt als Weichei unten durch?

Ich habe viele Anrufe aus der Türkei bekommen, von Leuten, die davon in der Zeitung gelesen hatten. Gerade Journalistinnen haben die Geschichte aufgeschrieben, um zu zeigen, dass auch in der Türkei eine Revision des Vaterbildes überfällig ist. Nicht nur die Frauen leiden unter dem Konflikt zwischen Beruf und Familie. Und auch in Deutschland ist die Kindergartensituation noch weit davon entfernt, dass Sie Familie und Beruf wirklich miteinander vereinbaren können. Es muss für jedes Kind in Deutschland einen sicheren Kindergartenplatz geben.

Und wer soll das bezahlen?

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat ja beteuert, an dem Fahrplan festhalten zu wollen, dass es ab 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gibt. Genau das ist jetzt aber die Frage: Wie soll das finanziert werden? Mit ihren unsinnigen Steuergeschenken fährt Schwarz-Gelb die Finanzen der Kommunen völlig an die Wand. Schwarz-Gelb tut leider alles dafür, dass das Ziel, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren, ein sehr fernes Ziel bleibt.

Die Fragen stellte Oliver Hoischen.

Quelle: F.A.S.
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