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Casual Sex : Das neue Spiel mit der Intimität

Voneinander fasziniert: Nastassja Kinski und Wesley Snipes in „One-Night-Stand” Bild: picture-alliance / dpa

Mehr als ein One-Night-Stand und weniger als eine Affäre: Casual Sex - Gelegenheitssex. In einer Welt, in der alle mal Single sind, tun sich neue Chancen auf. Und Partnerbörsen im Internet ersetzen die Anmache im Kino oder in der Disko.

          Es hat bisher jedes Mal funktioniert. Sie ist mit Freundinnen unterwegs, ein netter Abend, alle haben Spaß. Sie tanzt. Er guckt. Sie guckt zurück, ein hübscher Kerl. Irgendwann geht sie zu ihm, wie immer ist viel zu viel Alkohol im Spiel. Wollen wir eine rauchen? Bald darauf knutschen sie. Kommst du mit zu mir? „Dann ist eigentlich klar, worauf es hinausläuft“, erzählt Lisa, 26. Damit es keine Verwicklungen gibt, die das Hochgefühl des nächsten Tages gefährden, sagt sie am liebsten direkt nach dem Aufwachen: „Hör' mal. Ich will gleich frühstücken, und das alleine. Deswegen fänd' ich super, wenn du jetzt gehst.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einmal hat einer sein Handy vergessen und kam deshalb am nächsten Abend wieder. Da haben sie stundenlang in der Küche gequatscht. Anschließend war er mit seinen Freunden verabredet und lud sie ein, mitzukommen. Plötzlich zog sich die Sache über Monate. Sie gefielen einander. Sie gingen spazieren und tranken Rotwein am Fluss. Wenn sie miteinander schliefen, gab es am nächsten Morgen Frühstück für zwei. Sie trauerte ihrem Exfreund nach, er schwärmte von einer Unerreichbaren. „Da haben wir halt gedacht: Machen wir uns eine nette Zeit“, sagt Lisa.

          „Die feste Beziehung hat die Sexualität fest im Griff“

          Es ist mehr als ein One-Night-Stand und weniger als eine Affäre, wobei es vor allem anders ist. „Casual Sex“ nennen es die Briten und sind zu beneiden, weil ihre Sprache so schillert und sich, wenn nötig, der Eindeutigkeit entzieht. Gelegenheitssex. Irgendwie ungezwungen. Beiläufig. Lässig. Und dabei so unendlich viel geschmeidiger, spielerischer, sympathischer und moderner als das Vokabular, dass einem hierzulande begegnet: Seitensprung. Erotisches Abenteuer. Fickbeziehung. „Das ist keine Mode“, sagt der Sexualwissenschaftler und Psychologieprofessor Ulrich Clement über seine Beobachtung, dass es auch in Deutschland immer häufiger undefinierte Beziehungen gibt. „Das ist wirklich etwas Neues. Das ist eine neue urbane Kultur.“

          Nicht, dass sich deshalb der Status quo ändern würde. 95 Prozent aller Sexualakte finden hierzulande innerhalb von festen Partnerschaften statt, wie Gunter Schmidt, Großmeister der deutschen Sexualforschung, schon seit Jahren argumentiert. Selbst in der Schwulenszene, wo selbstverständlicher zwischen sexueller und partnerschaftlicher Intimität getrennt wird, seien es immerhin noch 85 Prozent. „Die feste Beziehung hat die Sexualität fest im Griff“, sagt Schmidt. Singles führen ein sexuell vergleichsweise frustriertes Leben, Promiskuität bleibt eine Methode, um mit hohem Aufwand eine niedrige sexuelle Frequenz zu erwirtschaften.

          Je jünger die User, um so fließender die Übergänge

          Verändert haben sich auf dem Weg ins 21. Jahrhundert allerdings die Beziehungsbiographien: Wir alle sind häufiger oder immer mal wieder zwischendrin allein. Ein Dreißigjähriger hat Schmidt zufolge durchschnittlich drei bis vier feste Partnerschaften und drei Jahre Singledasein hinter sich. Für diese Zwischenphasen ist Casual Sex eine Option. Nachgerade ideal in einer Welt, in der Sex so selbstverständlich scheint wie iPods und frische Brötchen.

          „Ich nehme mir, was ich will“, sagt Lisa. „Was ist schon dabei?“, fragt Anna, 24: „Ich brauche niemanden, der mir jeden Abend den Nacken krault und mir sagt, wie toll ich bin. Sex ist nichts Heiliges.“ „Im Internet ist alles einfacher“, sagt Andreas, 31.

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