02.09.2007 · Mehr als ein One-Night-Stand und weniger als eine Affäre: Casual Sex - Gelegenheitssex. In einer Welt, in der alle mal Single sind, tun sich neue Chancen auf. Und Partnerbörsen im Internet ersetzen die Anmache im Kino oder in der Disko.
Von Julia SchaafEs hat bisher jedes Mal funktioniert. Sie ist mit Freundinnen unterwegs, ein netter Abend, alle haben Spaß. Sie tanzt. Er guckt. Sie guckt zurück, ein hübscher Kerl. Irgendwann geht sie zu ihm, wie immer ist viel zu viel Alkohol im Spiel. Wollen wir eine rauchen? Bald darauf knutschen sie. Kommst du mit zu mir? „Dann ist eigentlich klar, worauf es hinausläuft“, erzählt Lisa, 26. Damit es keine Verwicklungen gibt, die das Hochgefühl des nächsten Tages gefährden, sagt sie am liebsten direkt nach dem Aufwachen: „Hör' mal. Ich will gleich frühstücken, und das alleine. Deswegen fänd' ich super, wenn du jetzt gehst.“
Einmal hat einer sein Handy vergessen und kam deshalb am nächsten Abend wieder. Da haben sie stundenlang in der Küche gequatscht. Anschließend war er mit seinen Freunden verabredet und lud sie ein, mitzukommen. Plötzlich zog sich die Sache über Monate. Sie gefielen einander. Sie gingen spazieren und tranken Rotwein am Fluss. Wenn sie miteinander schliefen, gab es am nächsten Morgen Frühstück für zwei. Sie trauerte ihrem Exfreund nach, er schwärmte von einer Unerreichbaren. „Da haben wir halt gedacht: Machen wir uns eine nette Zeit“, sagt Lisa.
„Die feste Beziehung hat die Sexualität fest im Griff“
Es ist mehr als ein One-Night-Stand und weniger als eine Affäre, wobei es vor allem anders ist. „Casual Sex“ nennen es die Briten und sind zu beneiden, weil ihre Sprache so schillert und sich, wenn nötig, der Eindeutigkeit entzieht. Gelegenheitssex. Irgendwie ungezwungen. Beiläufig. Lässig. Und dabei so unendlich viel geschmeidiger, spielerischer, sympathischer und moderner als das Vokabular, dass einem hierzulande begegnet: Seitensprung. Erotisches Abenteuer. Fickbeziehung. „Das ist keine Mode“, sagt der Sexualwissenschaftler und Psychologieprofessor Ulrich Clement über seine Beobachtung, dass es auch in Deutschland immer häufiger undefinierte Beziehungen gibt. „Das ist wirklich etwas Neues. Das ist eine neue urbane Kultur.“
Nicht, dass sich deshalb der Status quo ändern würde. 95 Prozent aller Sexualakte finden hierzulande innerhalb von festen Partnerschaften statt, wie Gunter Schmidt, Großmeister der deutschen Sexualforschung, schon seit Jahren argumentiert. Selbst in der Schwulenszene, wo selbstverständlicher zwischen sexueller und partnerschaftlicher Intimität getrennt wird, seien es immerhin noch 85 Prozent. „Die feste Beziehung hat die Sexualität fest im Griff“, sagt Schmidt. Singles führen ein sexuell vergleichsweise frustriertes Leben, Promiskuität bleibt eine Methode, um mit hohem Aufwand eine niedrige sexuelle Frequenz zu erwirtschaften.
Je jünger die User, um so fließender die Übergänge
Verändert haben sich auf dem Weg ins 21. Jahrhundert allerdings die Beziehungsbiographien: Wir alle sind häufiger oder immer mal wieder zwischendrin allein. Ein Dreißigjähriger hat Schmidt zufolge durchschnittlich drei bis vier feste Partnerschaften und drei Jahre Singledasein hinter sich. Für diese Zwischenphasen ist Casual Sex eine Option. Nachgerade ideal in einer Welt, in der Sex so selbstverständlich scheint wie iPods und frische Brötchen.
„Ich nehme mir, was ich will“, sagt Lisa. „Was ist schon dabei?“, fragt Anna, 24: „Ich brauche niemanden, der mir jeden Abend den Nacken krault und mir sagt, wie toll ich bin. Sex ist nichts Heiliges.“ „Im Internet ist alles einfacher“, sagt Andreas, 31.
Erst die sexuelle Revolution, die Pille, das neue Selbstbewusstsein der Frauen. Jetzt das Internet. Die Suchenden haben einen neuen Schauplatz der Balz, eine Alternative zu Bars und Clubs, und der hat neue Qualitäten. Jede Online-Community besitzt Flirtpotential. Andreas hat schon vor Jahren beim Chatten Frauen kennengelernt, denen er schließlich bei ChatterTreffen live begegnete. Womöglich fiel man schon bald übereinander her, sah sich wieder, wurde ein Paar, wurde keins. Je jünger die User, um so fließender sind die Übergänge zwischen virtueller Welt und Wirklichkeit, nach dem Nachmittags-Chat mit den Schulfreunden trifft man Internetbekanntschaften im Nachtleben.
„Hast du tagsüber auch mal Zeit?“
Ein Mausklick ersetzt wispernde Annäherungsversuche im Kino, Hemmschwellen sinken, ganz ohne Alkohol, weil niemand sieht, wenn einer rot wird, und selbst der Dreisteste keine Ohrfeige riskiert. Vor allem jedoch vereinfacht das Netz die Vorauswahl. Gezielter und kontrollierter war das Spiel mit der Lust noch nie.
Eine fliederfarbene Homepage, darauf Schreibschrift in Weiß und ein weichgezeichnetes Pärchen, er küsst ihre nackte Schulter: Schon zwei Minuten nach der Anmeldung landet eine Nachricht von humphrey07 im Postfach: „Kannst du dir vorstellen, mit einem gebundenen Mann eine Affäre zu haben?“ Feinstesahne offeriert einen erotischen Chat, Zola75 schreibt: „Was machst du denn so?“ Jan62 will wissen: „Hast du tagsüber auch mal Zeit?“ Lounger schlägt vor: „Schreib mir doch einfach, ob Du Lust auf die Lust hast, damit ich Dich nach allen Regeln der Kunst verwöhnen kann.“
Zwölf Kontaktversuche in einer Stunde, verheiratete Männer und Singles Mitte Zwanzig, Herren, die ihr Einkommen auf bis zu 100.000 Euro beziffern, andere geben lieber über sexuelle Ambitionen Auskunft. Burschi96 trägt ein Feinrippunterhemd, das tätowierte Oberarme freilegt, Langzeitschmeichler hat sich vor seinem Porsche fotografieren lassen, MUC43 posiert mit Krawatte, aventura66 nackt von hinten.
Höhere Trefferquote als in jeder Disko
Sie alle haben sich bei firstaffair.de angemeldet, dem führenden deutschen Portal für im Internet vermittelte Sexkontakte. Männer zahlen Gebühren von dreißig Euro im ersten Monat, wenn sie Nachrichten schreiben wollen, Frauen kostet der Service nichts. Die Seite ist jugendfrei, die Betreiber sind in Berlin erreichbar. Konkurrenten wie poppen.de sitzen nicht zufällig in Hongkong. Da ist die Optik so vulgär wie der Umgangston, und grundsätzlich gilt: Je schmieriger das Portal, desto eher drohen Abzocke und Prostitution.
Unter den 350.000 Mitgliedern von firstaffair.de sind knapp ein Drittel Userinnen - der niedrigere Frauenanteil auf solchen Seiten sorgt dafür, dass es im Netz ähnlich zugeht wie auf der Tanzfläche. Während die Mädels nur mit dem Finger schnipsen müssen, buhlen die Jungs gegen die Konkurrenz. „Man braucht genauso soziale Kompetenzen wie im realen Leben, um im Internet erfolgreich zu sein“, erinnert die Kölner Medienpsychologin Christiane Eichenberg. Trotzdem bleibt die Trefferquote höher als in jeder Disko.
Casual Sex fügt sich in den Lebensstil ein
Der Trend ist eindeutig. Unter der stetig wachsenden Zahl von Mitgliedern auf der Suche nach Sex ohne feste Bindung steigt der Anteil an Frauen und Singles. Das gilt auch für ein Portal wie lovepoint.de, das wie eine Partnervermittlung arbeitet, aber unter der Rubrik „Seitensprünge“ firmiert. Wie üblich in diesen Sphären muss jeder User seine sexuellen Vorlieben nennen, die Liste reicht von Kuschelsex über Lack & Leder, Dominanz und Gruppensex bis hin zu Intimschmuck. Das klingt nach Spartenprogramm als Norm. Aber Geschäftsführer Wolfgang Herkert winkt ab: „Die meisten Leute wünschen sich romantischen Sex mit Leidenschaft. Vom Olympiaathleten bis zum Professor von nebenan: das sind ganz normale Menschen mit ganz normalen Sehnsüchten.“
Natürlich gibt es Gruppen, für die sich Casual Sex in den Lebensstil einfügt wie der Business-Trip nach London und die Online-Bestellung bei Manufactum. Die Jungen, die Hippen, die Coolen, die um sich selber kreisen, während sie an ihrer Karriere basteln und den Mantras der Globalisierung huldigen: Mobilität und Flexibilität. „Ich bin niemandem etwas schuldig und zu nichts verpflichtet“, sagt Anna, die nach mehreren Praktika jetzt ein Auslandssemester plant.
Ein neues Feld jenseits von Verliebt-Verlobt-Verheiratet
Aber längst sickert das Beziehungsspiel der postmodernen Hedonisten in andere Kreise durch. „Ich möchte mich auf niemanden einstellen“ sagt Corinna, 28, Bankerin. Denn während Partnerschaft bedeutet, die eigene Lebensplanung mit einem anderen Menschen abzustimmen, gilt für Casual Sex: „Das verbindende Element ist das Zugeständnis von Freiheit.“ So formuliert es Sexualtherapeut Clement und ärgert sich über Kulturpessimisten, die immer gleich den Verfall der Sitten beschwören, wenn abwertend „nur“ von Sex die Rede ist.
Wichtiger sei doch, dass sich zwischen One-Night-Stand und der klassischen Verkettung Verliebt-Verlobt-Verheiratet ein neues Feld auftue, das Offenheit verspricht. Corinna trifft sich seit Wochen mit einem verheirateten Mann, den sie über lovepoint.de kennengelernt hat. Wie lange das wohl so weitergeht? „Das wird sich zeigen“, sagt Corinna. „Sobald ich merke, dass es mir nicht mehr guttut, werde ich es beenden.“
Ständige Abgrenzerei hält jede Begegnung steril
Interessanterweise macht es das Internet leichter, konventionelle Beziehungsvorstellungen hinter sich zu lassen, schon weil die Annäherung ihrer eigenen Logik folgt. Anna hat ihre Lektion zum Thema One-Night-Stand gelernt: Wenn sie jemanden abschleppt, kocht sie morgens um fünf keinen Tee, sondern serviert lieber Magnesiumbrausetabletten gegen den Kater. Sie fragt nicht, ob der andere eine Freundin hat, und findet es deplaziert, wenn der plötzlich von seinen Lieblingskinderbüchern erzählt. Nie würde sie einem ihr Herz ausschütten, und das heißt auch: „Es ist eigentlich ein Bruch der Spielregeln zu sagen: Mir bedeutet die Sache jetzt mehr.“
Psychologe Clement gibt zu bedenken, ständige Abgrenzerei halte jede Begegnung steril. Nun hat es immer Paare gegeben, die sich auch nach der Trennung im Bett wiederfinden, oder Verbindungen, in denen der Sex zwar dauerhaft prima ist, alles andere aber nicht ausbaufähig. Susanne, 36, erzählt beschwingt von ihrer „erotischen Dauerbeziehung“, die sie über das Internet angebahnt hat: „Der fasziniert mich als Mann. Wir können über Gott und die Welt plaudern, das ist alles: sexuelle Beziehung, eine freundschaftliche Komponente . . . Und der Reiz liegt ja nicht darin, dass es immer etwas Neues ist, sondern auch darin, dass man sich besser kennt.“
„Eigentlich ist es keine Dauerlösung“
Schon beim ersten Treffen waren da Anknüpfungspunkte, nach all diesen Mails. Jetzt sehen sie sich einmal in drei Wochen. Er lebt in einer festen Beziehung, sie hat davon die Nase voll. Sie teilen die Kosten für Café, Restaurant, Hotel. Sie wissen beide, dass ohne Diskretion und Kondome nichts läuft. Und Susanne hat sich bei den einschlägigen Portalen wieder abgemeldet. Bis auf weiteres.
Nur Lisa, die wieder in einer festen Beziehung ist, sagt: „Ich glaube, dass ich mir oft etwas vorgemacht habe. Eigentlich ist es halt keine Dauerlösung. Und gerade die längeren Geschichten werden irgendwann kompliziert. Dann tut es einem von beiden weh.“
The Schow must.....
St. Koch (Pensacola)
- 03.09.2007, 09:47 Uhr
Promiskuität
Jan Richter (jan_richter)
- 03.09.2007, 12:28 Uhr
@Herr Richter
Markus Leibold (MSL)
- 03.09.2007, 13:30 Uhr
Feste Beziehung vs. Casual Sex
Christian Knoche (christian.knoche)
- 03.09.2007, 14:07 Uhr
Es bezahlt das ganze wie üblich der Mann...
Norbert Ost (grohfuda)
- 03.09.2007, 15:06 Uhr
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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