03.11.2007 · In Burkina Faso regiert der Aberglaube: Frauen werden immer wieder als „Hexen“ bezeichnet, verprügelt und aus ihren Dörfern vertrieben. Die Regierung ist weitgehend machtlos. Von Thomas Veser.
Von Thomas Veser, OuagadougouMit seinen Staubpisten, Mietshäusern und kärglichen Märkten gehört „Secteur 12“ zu den volkstümlichen Wohnvierteln von Ougadougou, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Burkina Faso. Hinter einer Brunnenanlage erheben sich die verwitterten Umfassungsmauern eines größeren Gebäudes, durch das geöffnete Tor erkennt man schemenhaft ältere Frauen, die auf dem Boden des Innenhofs kauern. Als sie den Fremden am Eingang erblicken, bricht regelrecht Panik aus, schnell springen sie auf und bringen sich im Gebäudeinneren in Sicherheit.
Die Bewohnerinnen sind Frauen, die von ihren Dorfgemeinschaften über ein fragwürdiges Gottesurteil als angebliche Hexen enttarnt, misshandelt und mit Schimpf und Schande aus ihrer Heimat verjagt wurden. Die in ganz Schwarzafrika populäre Vorstellung, dass vor allem Frauen mit den Mächten der Finsternis paktieren, um Unglück über die Gemeinschaft zu bringen, ist im Land der Mossi-Ethnie rund um die Hauptstadt besonders ausgeprägt. Jahr für Jahr fallen Tausende unschuldiger Frauen dem Hexenwahn zum Opfer, zwischen 600 und 800 haben in einem Betreuungszentrum Zuflucht gefunden.
„Sie haben Schreckliches durchgemacht“
Im „Secteur 12“, wo das Sozialministerium ein solches Zentrum betreibt, liegt ihre Zahl bei etwa 60 Bewohnerinnen, die jüngsten sind 50, die ältesten 90 Jahre alt. Natürlich wissen alle im Quartier, wer sich in dem Gebäude aufhält, nur reden will darüber niemand. „Dort leben alte Frauen“, meint lapidar eine Gemüsehändlerin an ihrem Stand, mehr ist ihr beim besten Willen nicht zu entlocken.
Zwar sei der Besuch den Frauen zuvor angekündigt worden, versichert Suzanne Balkoum vom Sozialministerium. Doch dass die Leidgeprüften Fremden misstrauen, „muss man verstehen, denn sie haben in ihrem Leben Schreckliches durchgemacht“. Wie viele Opfer Jahr für Jahr der Hexenwahn im Land der Mossi fordert, lässt sich schwer in Zahlen fassen. Die in den zwei Zentren der Hauptstadt betreuten Frauen machen jedenfalls nach den Worten Suzanne Balkoums nur einen kleinen Teil aus. Im ostafrikanischen Tansania müssen der Hexerei verdächtige Frauen sogar mit dem Schlimmsten rechnen: Schätzungen des Familienministeriums zufolge sind dort zwischen 1994 und 1998 rund 5000 Frauen umgebracht worden.
Die kollektive Suche nach einem Sündenbock
Warum und wie Frauen in der trocken-heißen und dicht bevölkerten Hochebene um die Hauptstadt zu Hexen abgestempelt werden, schildert Suzanne Balkoum so: Auslöser sei meist der vorzeitige und damit als unnatürlich empfundene Tod eines Dorfbewohners, dessen Lebenskreis sich noch nicht geschlossen habe. Stirbt ein Kindes oder ein an Aids Erkrankter, nähre das den Verdacht, eine „Soaba“ (Seelenfresserin) habe im Verbund mit den Mächten der Finsternis ihre Hände im Spiel gehabt. Bisweilen genügen geringere Anlässe, eine nicht bestandene Prüfung oder eine weitere Missernte, um die kollektive Suche nach einem Sündenbock auszulösen. Es gibt kaum ein afrikanisches Land, in dem diese Zwangsvorstellung nicht vorhanden wäre. Sie hält sich in fast allen Kulturen, Bevölkerungsgruppen und Milieus als Kennzeichen einer vormodernen Gesellschaft sowohl auf dem Land als auch in den Großstädten.
Um den Schuldigen, der innerhalb der Familie oder deren unmittelbarer Nähe vermutet wird, zu identifizieren, greift man in Burkina Faso auf das uralte Songo-Ritual zurück. Wie man sich das in der Praxis vorzustellen hat, hat der einheimische Regisseur Pierre Jaméogo in einem halbdokumentarischen Film dargestellt: In ihm tragen zwei Männer eine aus Bambusrohr gefertigte Matte mit einem eingehüllten Leichnam des Verstorbenen oder einem speziellen Fetisch, der meist aus Erdreich, Glasperlen und Muscheln hergestellt wird, durch das Dorf und halten vor jeder Hütte an. Den Betrachtern dieser Prozession werde dann vorgespiegelt, sagt Albert Ouédraogo, Fachmann auf dem Gebiet der Mossi-Kultur, dass jähe, ruckartige Bewegungen der Träger nicht von ihnen selbst, sondern durch den Leichnam oder Fetisch hervorgerufen würden.
Verprügelt, kahlgeschoren und vertrieben
Hat der Leichnam oder Fetisch vor einer Hütte auf diese Weise „gesprochen“, müssen ihre Bewohner einzeln vortreten und die Frage stellen: „War ich es?“ Bei erneutem Zittern steht der Schuldige fest: Es handelt sich in den meisten Fällen um Frauen, allerdings mit einer Ausnahme - die Mutter des Dorfchefs steht per se über dem Verdacht der Hexerei. In Jaméogos Film ist der wahre Auslöser der Hexenjagd ein rachsüchtiger Ehemann, der seiner Frau überdrüssig ist, sich als Fetischträger aufdrängt und den zweiten Träger bestochen hat.
Als idealtypische Opfer dieser fragwürdigen Suche nach Sündenböcken kristallisieren sich meist Witwen, Kinderlose, Sonderlinge, Hilfsbedürftige und Fremde heraus. „So wird man Frauen los, die nur noch als Last empfunden werden“, sagt Suzanne Balkoum. Bisweilen trifft das Verdikt jedoch auch ökonomisch erfolgreiche Frauen, etwa Besitzerinnen kleiner Dorfläden, die in der Vorstellungswelt neiderfüllter Mitmenschen ihren Reichtum einem Pakt mit dem Bösen verdanken. Dass der Besitz dieser Menschen geplündert und die Wohnhütte niedergebrannt wird, betrachten die Habenichtse als gerechte Strafe. Anschließend werden die Unglücklichen verprügelt, kahlgeschoren und oft mit Steinwürfen aus dem Dorf getrieben. Da ihnen die Rückkehr untersagt ist, irren sie oft wochenlang durch die Savannenlandschaft, bis die Überlebenden in der Anonymität der Großstadt untertauchen können.
„Gesellschaftlich ein bisschen anerkannt“
Keine der Frauen, die sich während des Besuchs im Hilfszentrum versteckt halten, ist zunächst bereit, über ihr Schicksal zu berichten. Erst nach einigen Überredungsversuchen nähert sich eine Frau mit unsicheren Schritten und in gebeugter Körperhaltung. Ihr Alter gibt die Frau, die aus einem 60 Kilometer von Ouagadougou entfernt liegenden Ort stammt, mit 65 Jahren an, sie wirkt allerdings wesentlich älter. „In meinem Alter bringt man den Menschen Respekt entgegen, man ehrt sie und fragt sie um Rat, denn sie haben ihre feste Position in der Gemeinschaft“, sagt sie nach langem Schweigen. „Mich aber hat man ausgestoßen und verjagt, mich gibt es nicht mehr, meine Kinder und Enkel werde ich nie mehr wiedersehen.“
Wenig ist ihr geblieben. Wie ihre Leidensgenossinnen spinnt sie Baumwolle, verkauft in den Straßen Erdnüsse oder Wasser von der Brunnenanlage des Hofs, und ab und zu arbeitet sie auf den Gemüsefeldern. Diese Tätigkeiten seien für die Frauen immer wichtiger geworden, „weil staatliche Lebensmittellieferungen immer häufiger ausbleiben“, sagt Suzanne Balkoum. Andererseits gebe diese Arbeit den Frauen das Gefühl, „nicht völlig überflüssig zu sein, sie fühlen sich gesellschaftlich wenigstens ein bisschen anerkannt“.
„Sie erkennen das Urteil des Staates nicht an“
Offiziell haben die Angestellten des Zentrums auch die Aufgabe, wann immer möglich, verstoßene Frauen in die Dorfgemeinschaft zu reintegrieren. Illusionen gibt sich Suzanne Balkoum jedoch mittlerweile nicht mehr hin. „Selbst wenn sie durch ein staatliches Dokument von sämtlicher Schuld freigesprochen werden, verweigert die Gemeinschaft fast immer die Rückkehr mit aller Entschiedenheit.“ Zwar setze der Staat in den betroffenen Dörfern systematisch Gerichtsverhandlungen an, an denen auch die Dorfbewohner teilnähmen. „Sie erkennen das Urteil des Staates aber nicht an. Für sie hat nur das traditionelle Urteil Gültigkeit.“
Dass der moderne Staat, dessen verfassungsmäßiger Machtanspruch auf dem Gebiet der Rechtsprechung durch diese Selbstjustiz in Frage gestellt wird, im Kampf gegen die Hexenverfolgung nennenswerte Fortschritte erzielt hätte, lässt sich nicht behaupten. Die jüngste Gegenkampagne, die auf das Jahr 2000 zurückgeht, hatte die Regierung sogar vorzeitig abgebrochen, weil die Öffentlichkeit ungewöhnlich heftig dagegen protestierte. Denn im „Land der Integren“, so die deutsche Übersetzung des Namens Burkina Faso, bringt nach allgemeiner Auffassung schon das Aussprechen des Begriffs Hexerei in der Öffentlichkeit Unglück.