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Bücher über Margot Honecker : Am Ende vertraute sie dem Klassenfeind

Sie hatte keinen Zweifel daran, dass der Sozialismus in Deutschland wiederkommt: Honecker 2010 in Santiago de Chile. Bild: dpa

Sie glaubte an die Rückkehr des Sozialismus in ihrer alten Heimat. Kurz vor ihrem Tod vertraute Margot Honecker ausgerechnet dem Klassenfeind. Ihm gab sie ihr letztes Interview.

          Als Margot Honecker Anfang Mai dieses Jahres starb, wurden in Deutschland zwei Rechner angeworfen. Der eine steht bei dem Berliner Verleger Frank Schumann, der in seinem Verlag „edition ost“ so ziemlich alles druckt, was die verbliebene einstige DDR-Nomenklatura zu Papier bringt. Der andere gehört Nils Ole Oermann, einem jungen Bielefelder Theologen und Historiker, der die ehemalige DDR-Volksbildungsministerin nur vier Wochen vor ihrem Tod noch einmal in ihrem chilenischen Exil getroffen hatte. Während Schumann eine Auswahl seiner „Korrespondenz mit Margot Honecker“ editierte, mit der er jahrelang via E-Mail in Kontakt gestanden hatte, verfasste Oermann seine „Begegnungen mit einer Unbeirrten“.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Beide Bücher kamen jüngst fast zeitgleich auf den Markt; es ist wohl die letzte Chance, mit der Hohepriesterin des Sozialismus noch einmal Aufmerksamkeit zu erzielen. Honecker zieht noch immer Publikum; 2012 sahen mehr als vier Millionen Menschen den NDR-Dokumentarfilm „Der Sturz – Honeckers Ende“, zu dem auch Verleger Schumann beigetragen hatte, indem er einen NDR-Mitarbeiter bei Frau Honecker einschleuste – unwissentlich, wie er bis heute behauptet. Für Schumann war in den vergangenen 25 Jahren alles ein Bestseller, wo Honecker draufsteht; er betrachtet sich schon aus Geschäftsgründen als geistiger Erbe der DDR-Führung, der Margot bis zuletzt ungefragt versprochen hat, weiter für „die gemeinsame Sache“ zu kämpfen.

          Herrschaft des Kapitalismus

          Oermann dagegen kam erst vor drei Jahren über einen Bekannten überhaupt mit Honecker in Kontakt und wurde – überraschend – von ihr nach Santiago de Chile eingeladen. Das Ganze sei „eher Zufall“ gewesen, sagt er. „Aber mich interessierte das. Immerhin ist sie eine Person der Zeitgeschichte, und da sage ich nicht nein, wenn ich die Möglichkeit bekomme, mit ihr einen Kaffee zu trinken.“

          Es sind dann ein paar Kaffee mehr geworden, weshalb das Buch „Zum Westkaffee bei Margot Honecker“ heißt; Ostkaffee war in Chile vermutlich auch schwer aufzutreiben. Viermal habe er sie in drei Jahren getroffen, immer nachmittags Punkt 15 Uhr, sagt Oermann. Er habe Kuchen mitgebracht, sie Kaffee serviert, und dann habe man bis in den Abend hinein miteinander gesprochen, vor allem über Familie, Bildung und Deutschland. Warum aber wollte die unbeirrte Stalinistin auf ihre alten Tage mit einem jungen Wissenschaftler plaudern, der für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble arbeitet, der bei Bundespräsident Horst Köhler Referent war und dessen Habilitation obendrein Richard Schröder betreute, der 1990 in der ersten frei gewählten Volkskammer Fraktionschef der SPD und damit als „Feind“ gebrandmarkt war?

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