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Angst vor dem Altern : Was wir gewinnen, wenn wir älter werden? Nichts!

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Philosoph Wilhelm Schmid ist der Autor des Werks „Gelassenheit: Was wir gewinnen, wenn wir älter werden“. Bild: dpa

Wilhelm Schmid hat ein Buch geschrieben, das sich mit dem Älterwerden beschäftigt. Unser Autor hat es gelesen – und findet darin wenig, das wirklich Vorfreude auf den Prozess macht.

          Ich bin 70 Jahre alt, verfluche mein Alter und bewundere Philip Roth. Um die Jahrtausendwende habe ich mal kurz damit geliebäugelt, etwas über diesen verheerenden letzten Lebensabschnitt zu Papier zu bringen, aber dann hat mir der amerikanische Meister der menschlichen Abgründe mit seinem „Jedermann“ den Wind aus den Segeln genommen. „Das Alter ist ein Massaker“, lautet das lakonische Resümee seines namenlosen Protagonisten, und damit schien mir zum Thema alles Wesentliche gesagt zu sein.

          Dass ich das nicht auf sich beruhen lassen kann und dennoch – der Ausdruck ist verstaubt, aber hart erarbeitet – zur Feder greife, hat nichts mit einer vom Größenwahn beflügelten Verirrung in die falsche literarische Gewichtsklasse zu tun, sondern mit einer tiefsitzenden, zweifellos ans Neurotische grenzenden Abneigung gegen den laut Homepage 1953 in Billenshausen/Bayerisch-Schwaben geborenen Philosophen Prof. Dr. Wilhelm Schmid.

          Als ich am 15. November 2016 um 20 Uhr 20 nach einem gleichermaßen verregneten wie vergrübelten Tag in meinem Fernsehsessel versank, um mich auf 3sat bei einer alterskonformen Flasche Rotspon über den Verlauf der Buchmesse in Istanbul zu informieren, fragte der Redakteur die vom Goethe-Institut alimentierte, auf einer Restaurant-Barkasse über den Bosporus schippernde deutsche Kulturprominenz, warum nur fünf der fröhlich zechenden fünfzig Ehrengäste vor dem Zentralgefängnis gegen die Inhaftierung ihrer türkischen Kollegin Asli Erdogan protestiert hätten.

          Nach einem Augenblick des betretenen Schweigens trat der graumelierte, in einen dunklen Mantel mit Schalkragen gehüllte, mir bis dato gänzlich unbekannte Vollakademiker namens Schmid vor das Mikrofon und sagte mit der zittrig-trotzigen Stimme eines beim Schwänzen erwischten Angehörigen der gymnasialen Oberstufe: „Ich habe meiner Familie schlicht versprochen: Ich begebe mich in keinerlei Gefahr.“

          Das Oeuvre Willhelm Schmids schmeckt wie warme Semmeln

          Seit der Erstveröffentlichung des Märchens von den sieben Schwaben im Jahre 1601 ist zwar allgemein bekannt, dass der Männerstolz vor Fürstenthronen keine Eigenschaft ist, die den Stamm der wackeren Häuslebauer ziert, aber meine nicht ganz vorurteilsfreie Neugier war geweckt. Wie mag wohl, dachte ich bei mir, eine Philosophie beschaffen sein, deren Vertreter sich beim ersten Kontakt mit der ungemütlichen außerhäusigen Wirklichkeit der Lieben daheim versichern muss und sich bei möglichen, eher symbolischen Aufmüpfigkeiten in die Verliese des größten Sultans aller Zeiten phantasiert?

          Aber dann erinnerte ich mich an das in meinen Revolutionsjahren weitverbreitete, dem zaudernden Theodor W. Adorno zugutegehaltene Diktum vom notwendigen Theorie-Praxis-Gefälle und an die Tatsache, dass nicht wenige von der Natur mit Hasenherzen bedachte Größen unseres Geisteslebens dachten und schrieben wie die Löwen. Um es vorwegzunehmen: Wilhelm Schmid gehört nicht dazu.

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