16.01.2005 · Die zusehends angefochtene englische Monarchie hat Grund sich zu sorgen: Prinz Harry liefert mit seiner jüngsten Entgleisung weitere Munition für die Kampagne gegen das Erbprinzip.
Von Gina Thomas, LondonAls vor einigen Jahren ruchbar wurde, daß Prinz Harry des öfteren Haschisch geraucht hatte, wurde auf Wunsch des Vaters eine Visite in einer Entzugsklinik organisiert. Dort führte ein ehemaliger Heroinsüchtiger den jungen Prinzen herum. Aus dem Palast verlautete, man habe ihm somit die möglichen Folgen des Haschischrauchens vor Augen führen wollen.
Prinz Charles war der Ansicht, die Erfahrung sei „lehrreich und schockierend“ gewesen. Nun, da der wilde Knabe ein weiteres Tabu gebrochen hat mit dem Hakenkreuz, das bei einem Kostümfest an seinem Arm prangte, regnen die erzieherischen Ratschläge auf ihn hinein. Eine Reise nach Auschwitz würde den Ignoranten bald eines Besseren belehren, hieß es. Andere haben einen Besuch der etwas näher liegenden Holocaust-Ausstellung im Londoner Imperial War Museum empfohlen.
Mangelndes Feingefühl
Es ist jedoch höchst unwahrscheinlich, daß Prinz Harry zu den angeblich sechzig Prozent der Briten unter 35 Jahren gehört, für die Auschwitz kein Begriff ist. Man kann ihm, wie unterdurchschnittlich er in der Schule auch war, eher mangelndes Feingefühl vorwerfen als Unkenntnis. Der junge Prinz bewegt sich in einem Kreis von unterbeschäftigten und überprivilegierten jungen Menschen, die ähnlich den „bright young things“ der zwanziger Jahre, durch Herkunft und Wohlstand abgeschirmt von der realen Welt und von den Eltern verwöhnt, einen schönen Lebenswandel führen.
Schon das Motto des Kostümfestes „Eingeborene und Koloniale“, bei dem Prinz Harry in der dem Afrikakorps von Rommel entlehnten Verkleidung wohl glaubte, den Überkolonialherr zu verkörpern, sagt alles über die Geisteshaltung der „Hooray Henrys“ aus der Gutsherrenwelt, deren Hauptbeschäftigungen die Jagd, das Angeln und Polo zu sein scheinen. Unter der Woche sind sie vorwiegend im Lodoner Stadtteil Chelsea anzutreffen, am Wochende in Gloucestershire.
Exzesse unter Ausschluß der Öffentlichkeit
Aus diesem Milieu stammen die Freunde des Prinzen, für die Prinz Charles im Keller seines Landsitzes Highgrove sogar eine Diskothek einrichten ließ, den sogenannten Club H, damit die Exzesse, die seinen Sohn mitunter in die Schlagzeilen gebracht haben, zumindest unter Auschluß der Öffentlichkeit stattfinden können. Keiner von ihnen soll die Nazi-Aufmachung des Prinzen als besonders anstößig empfunden haben.
Weder Prinz William, der ältere Bruder, der ihn von Highgrove in die benachbarte Ortschaft zum Kostümverleih begleitete, noch der Freund, der sich zur Erheiterung der versammelten Gesellschaft dort die Requisiten für seinen Auftritt als Königin von England besorgte, hielten es für notwendig, ihm von dem Aufzug abzuraten. Es ist bezeichnend, daß der bislang anonym gebliebene Gast, der sich durch den Verkauf des Fotos von Prinz Harry an die „Sun“ um 10.000 Pfund bereicherte, glaubte, daß sein Schnappschuß des Prinzen William mit Leopardenschwanz und -pfoten das viel brisantere Bild sei.
Abgestumpft durch Fernsehserien
Auf Londoner Partys sind Miglieder der Schickeria schon manchmal als Nazis erschienen, ohne Aufsehen zu erregen. Wie verbreitet dieser kindische Spaß ist, belegen auch die Fotos von Kadetten an der Militärakademie Sandhurst, wo Prinz Harry demnächst seine Ausbildung beginnen wird, in Nazi-Uniformen mit dem Hakenkreuz. Die Bilder, die der Presse jetzt zugespielt worden sind, sind offenbar früheren Datums . Ein Sprecher der Akademie sagte, es seien im Jahr 2002 Richtlinien erlassen worden, um dieser Art von Tollerei ein Ende zu setzen.
Die Empfindsamkeit über das, was zum guten Geschmack gehört, wird freilich abgestumpft durch die endlosen Fernsehserien von „Dad's Army“ über „Fawtly Towers“bis hin zu „'Allo,'Allo“, wo die Nazis als Ulkfiguren karikiert werden. Eine Kampagne gegen den britischen Beitritt zum Euro ließ einen Schauspieler unlängst mit der Pickelhaube auftreten und „Ein Volk! Ein Reich! Ein Euro“ brüllen. Und als sich der Springer Konzern als möglicher Käufer der „Telegraph“-Gruppe hervortat, fand der Besitzer des „Daily Express“ in Verhandlungen mit „Telegraph“-Vertetern nichts dabei, im Stechschritt durch den Raum zu marschieren und den Hitler-Gruß zu machen.
Schaden für die Monarchie
Auf dem Kostümfest im Hause des Springreiters Richard Meade, wo sich die „Kolonialen und Eingeborenen“ in einem Zelt amüsierten, das auf der einen Seite Weiß, auf der anderen Schwarz war, fiel die Nazi-Aufmachung Prinz Harrys ebensowenig aus der Reihe wie die geschwärzten Gesichter mancher Gäste. In diesem Milieu fällt das F-Wort ebenso leicht von der Zunge wie flapsige Bezeichnungen für Ausländer.
Prinz Harry erhielt bei einer Kneipe Hausverbot, weil er einen französischen Barman als „f****** frog“ bezeichnete. Wenn die Entrüstung über seine jüngste Entgleisung nicht halb so groß ist, wie die Medien glauben lassen, so hat die zusehends angefochtene Monarchie dennoch Grund sich zu sorgen. Denn ohne Schaden kommt sie nicht davon. Der Vorfall hat ein unvorteilhaftes Licht auf die „jeunesse doree“ geworfen, deren Umgang Prinz Harry und den Gegnern des Königshauses weitere Munition geliefert für ihre Kampgane gegen das Erbprinzip. Steht der Tropfen höhlt der Stein.