19.07.2011 · Kristen Wigg ist Autorin, Koproduzentin und Star des Films „Brautalarm“ und zeigt Potenzial für die erste Liga.
Von Bertram EisenhauerKristen Wiig gehört zu jenen Frauen, die einen schon beim „Hallo“ in der Tasche haben. Oder in ihrem Fall genauer: mit den ersten Bildern des Films, den sie sich auf den Leib geschrieben hat. Zu Beginn von „Bridesmaids“, im Deutschen etwas unglücklich zu „Brautalarm“ geworden, wacht Wiigs Figur, die Mittdreißigerin Annie, morgens neben einem schlafenden Kerl auf. Sie huscht ins Bad, richtet sich flugs ein wenig her, schlüpft zurück unters Laken - um ihren Beau, als er die Augen öffnet, scheinbar so natürlich frisch und strahlend wie der neue Morgen begrüßen zu können. „Oh ja, das habe ich auch schon gemacht“, sagt Wiig im Gespräch auf die Frage, ob sie die Szene aus persönlicher Erfahrung geschöpft hat. „Absolut. Sie wären überrascht. Viele Frauen, die das im Film gesehen haben, haben mir gesagt: Oh Gott, ja, das kenne ich.“ Es ist ein kleiner ehrlicher Moment, einer von mehreren in „Brautalarm“, der einen mit seiner Andeutung von Verwundbarkeit nicht nur für Wiigs fiktiven Charakter einnimmt.
Für Wiig steht mit dem Film einiges auf dem Spiel, und das aus mehreren Gründen. In den Vereinigten Staaten ist sie, die im August 38 wird, vor allem als einer der Stars der populär-legendären Comedy-Show „Saturday Night Live“ bekannt, wo sie ein ganzes Sortiment schräger Charaktere darstellt; auch ein paar Nebenrollen in Filmen hat sie schon gespielt, dabei bekannteren Kollegen gelegentlich die Show gestohlen. 2009 wurde sie unter die „25 lustigsten Frauen Hollywoods“ gezählt.
„Amerikas exzentrische Tante“
Der traditionellen Vorstellung von einer Hauptdarstellerin freilich, einem Star, der einen Film trägt, der entspreche sie nicht unbedingt, schrieb die „New York Times“ zum Start von „Brautalarm“; Wiig sei eher „Amerikas exzentrische Tante als Amerikas Sweetheart“. So oder so, die Komödie ist Wiigs „starring vehicle“, mit dem sie sich einem breiteren Publikum vorstellen kann: die Chance auf die erste Liga. Diesen Druck spürt sie auch: „Bei allen früheren Filmen wollte ich gut sein und war mit Leidenschaft dabei“, erzählt sie im „Adlon“ in Berlin in einem großen Konferenzraum, der bis auf einen einsamen Tisch in der Mitte und ein paar Stühle leer ist. „Aber wenn man bei einem Film Koautorin ist, ihn koproduziert und darin die Hauptrolle spielt, ist er dein Baby. Wenn er rauskommt, ist man ein bisschen nervöser; man ist verletzbarer, weil man sich selbst stärker exponiert.“
Aber da ist noch mehr. „Brautalarm“ lief noch gar nicht in den amerikanischen Kinos, da hörte man hier und da schon die bange Kritikerfrage: Und wenn sie nun nicht erfolgreich wird, diese Komödie, in der nicht wie bei „Hangover“ und ähnlicher Ware Männer die Hauptrolle spielen, sondern ausnahmsweise mal Frauen, von denen zudem noch keine ein eingeführter Filmstar ist? Kriegt dann keine Frau mehr von einem großen Studio so eine Rolle angeboten? „Ich dachte ständig, wenn ich das versaue, ruiniere ich für diese Frauen auf Jahre hinaus jede Chance“, sagt Regisseur Paul Feig noch heute.
Romantischer Freundschaftsfilm mit Erfolg
Dabei haben zumindest die Amerikaner diese Sorge bereits erledigt, per Ticketkauf; 158 Millionen Dollar hat der Film dort bislang eingespielt. Und das, obwohl selbst Wiig sich zunächst schwertut, zu sagen, worum es in ihrem Film geht, jenseits der Feststellung, dass da eben diese Annie ist, deren Leben nicht ganz rund läuft - und die nun, da ihre beste Freundin heiratet, auch noch ihren Platz als oberste Brautjungfer verteidigen muss, was in emotionale Untiefen führt, die komödiantisch in alle Richtungen ausgelotet werden. „Ich betrachte den Film zum Beispiel nicht als romantische Komödie“, sagt Wiig, „in der es zwei Stunden darum geht, ob der Junge ein Mädchen findet oder das Mädchen einen Jungen. Er ist ein“, sie zögert kurz, „ein Freundschaftsfilm - ich weiß nicht, ob es ein Wort dafür gibt. Es ist fast wie eine Romanze zwischen den beiden Freundinnen, nur eben nicht im romantisch-sexuellen Sinn.“
Es ist diese Sensibilität, die Wiig in ihrer Darstellung in Wärme zu übersetzen vermag; zusammen mit den drastischeren Szenen, die sich um Trunkenheit, Durchfall und dergleichen drehen und für die Erfolgsproduzent Judd Apatow gesorgt hat, ergibt sich die besondere Mischung des Films.
Die eigene Bestimmung finden? - Besser spät als nie
In „Brautalarm“ hat Wiig aber auch ein grundlegenderes Leitmotiv ihres Lebens einfließen lassen. „Die Hauptfigur sieht diese anderen Frauen und denkt, ach, vielleicht sollte ich ein Haus, eine Karriere, Kinder haben. Es geht um all diese Dinge-die-man-eigentlich-haben-sollte. Wenn man dreißig ist, gibt es den Druck, dass man auf die Frage, was man macht, eine gute Antwort hat. Manchmal weiß man das aber nicht. Manche Leute wissen es mit sechs, andere mit fünfzig.“
Ja, so ist das mit der Bestimmung im Leben. Man nehme zum Beispiel - Kristen Wiig. Als sie jünger war, hat sie sich da wie viele ihrer Komödiantenkollegen vorgenommen, eines Tages einer der witzigeren Menschen auf dem Planeten zu werden? „Nein. Das tue ich auch heute nicht.“ Sie lacht. Als sie in Arizona Kunst studierte, musste sie einen Kurs in Schauspiel belegen; ihr Lehrer ermunterte sie dazu, weiterzumachen. „Ich fragte mich: Wenn ich mir aussuchen könnte, was ich machen will - einfach alles -, was würde ich wollen? Die Antwort war: nach L.A. ziehen und versuchen, ob ich Schauspielerin werden kann. Zwei Tage später packte ich meine Klamotten und meine Katze.“ In Kalifornien arbeitete sie in allerlei Jobs, um die Miete zu verdienen, wurde Mitglied der Improvisationstheater-Truppe „The Groundlings“. Wiig hatte ihre Bestimmung gefunden - spät zwar, aber sobald es mal so weit war, wusste sie es auch, oder? „Oh ja.“
Schauspielerin mit Witz
Im persönlichen Gespräch ist Wiig zurückhaltend, fast schüchtern, so gar nicht die Art Komödiantin, die jede Chance zum Gag ergreift. (Nicht dass sie alle Gelegenheiten verstreichen ließe. Damit sie weiß, mit wem sie es zu tun hat, erläutere ich ihr zu Beginn leicht vereinfachend, ich käme von einer seriösen, intellektuellen Zeitung beziehungsweise deren leichterer, unterhaltsamerer Sonntagsausgabe. „Wenn ich also klüger wäre, wäre ich unter der Woche dran?“, fragt sie, ohne eine Miene zu verziehen.)
Aber so definiert Wiig ja auch, was das ist - witzig. „Das Wichtigste ist: dass man nicht merkt, dass die Leute unbedingt witzig sein wollen. Es ist überhaupt nichts Witziges an jemandem, der verzweifelt auf den Lacher aus ist. Ich habe Bühnenshows gesehen, bei denen technisch alles in Ordnung war - aber irgendwas stimmte nicht. Die Leute waren zu begierig.“
Nun kann auch Wiig als Komikerin hemmungslos auf die Tube drücken. Aber: Würde sie sich vielleicht gerne öfter mal an dramatischen Rollen versuchen? „Unbedingt. Das wollte ich schon immer, mein ganzes Leben lang.“ Ah, dann gab es ihn doch, einen frühen Funken? „Jedes Kind, das einen Film sieht, denkt: Es wäre toll, wenn man das könnte. Und besonders seit ich wusste, dass ich mit der Schauspielerei meinen Lebensunterhalt verdienen wollte, wollte ich dramatische Rollen spielen.“ Tatsächlich, wenn man sie so beobachtet in „Brautalarm“, wie selbst in ihren albernsten Momenten noch eine gelassene Menschlichkeit durchschimmert, fragt man sich: Sieht man nun einer Komödiantin zu, die sich als Schauspielerin versucht - oder ist es in Wahrheit nicht umgekehrt?
„Brautalarm“ läuft ab Donnerstag im Kino: www.brautalarm.at
Bertram Eisenhauer Verantwortlich für das Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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