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Samstag, 04. Februar 2012
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Boxer Nick Lukas Der Kampf ums tägliche Leben

12.09.2009 ·  Seit seinem ersten und einzigen Profi-Boxkampf vor drei Jahren ist Nick Lukas schwerbehindert. Dass er ein Einzelfall ist, grenzt an ein Wunder. Im deutschen Boxsport ist ein gefährlicher Teufelskreis in Gang gekommen.

Von Arne Leyenberg, Magdeburg
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Die Angreifer schlugen am helllichten Tag zu. Sie prügelten auf Nick Lukas ein, unter den Fausthieben zerbrach seine Brille. Die Schläger waren zu zweit, Widerstand war zwecklos. Dabei war ihr Opfer einst Profiboxer. „Für mich war er nie Profi“, sagt seine Mutter. Elke Lukas sitzt neben ihrem Sohn auf der hölzernen Eckbank im Wohnzimmer des kleinen Einfamilienhauses am Stadtrand von Magdeburg.

„Es war für mich ein Versuch, Profi zu werden“, sagt sie. Der Sohn nickt. Der erste - und einzige - Profikampf hat das Leben des Magdeburgers für immer verändert. Die Schläge seines Gegners im Ring waren fatal - Nick Lukas ist mit 30 Jahren Rentner, er ist schwerbehindert. „Es hätte schlimmer kommen können“, sagt er, „ich könnte tot sein.“ Er denkt positiv. Auch den Angriff vor Wochen auf der Straße nimmt er gelassen. „Die haben mich wohl verwechselt.“

Mutter und Sohn können wieder lachen. „Wir raufen uns schon zusammen“, sagt sie. Rund drei Jahre ist es her, dass Nick Lukas im Ring lebensgefährlich verletzt wurde. Heute weiß er, dass die Mutter, die ihn damals vor dem Schritt in den Boxsport gewarnt hat, recht hatte. Und heute ist er auf sie angewiesen. Sie verwaltet für ihn Rente und Sozialhilfe, sie setzt sich mit den Behörden auseinander, sie hilft ihm, die Erinnerungslücken zu füllen. „Er hat damals nur das Geld gesehen und dachte, die böse Mutter will ihm das nicht gönnen“, sagt sie.

„Ich bin im Krankenhaus aufgewacht, da waren meine Eltern schon da“

An den Abend des 17. November 2006 hat Nick Lukas keine Erinnerung mehr. Er weiß noch, dass er für den Kampf im Bürgerhaus von Fürstenwalde 300 Euro bekommen hat. Danach ist nur noch Leere. Die vier Runden im Federgewicht gegen Nico Schröder, den schweren K.o. kurz vor Schluss, die Erste Hilfe des Ringarztes, den Transport mit dem Rettungshubschrauber nach Berlin ins Unfallkrankenhaus Marzahn, die Notoperationen am Gehirn - all das kennt Nick Lukas nur aus Erzählungen. „Ich bin irgendwann im Krankenhaus aufgewacht, da waren meine Eltern schon da“, sagt er. Der Mutter hatte er den Kampftermin verschwiegen.

Durch das blonde, kurze Haar von Nick Lukas schimmert eine große Narbe, die sich fast von der Schläfe bis zum Hinterkopf zieht. Ein Stück Schädeldecke hatte ihm entfernt werden müssen, das Gehirn war stark angeschwollen. Noch in der Nacht wurden ihm zudem Blutgerinnsel entfernt, tagelang lag er im künstlichen Koma. „Es war so, als hätte ich mehrere Schlaganfälle gehabt“, sagt Lukas.

Die Brille, die er vor dem Kampf aus Eitelkeit nie aufsetzte, ist mittlerweile unentbehrlich. Sein Sichtfeld ist stark eingeschränkt. „Ich werde niemals den Führerschein machen“, sagt er. Selbst Fahrradfahren ist zu gefährlich. Einmal hat er es noch versucht nach dem Unfall. Jetzt nimmt er lieber die Bahn. Er fügt sich in sein Schicksal. Das hätte er früher nie getan. „Er ist vernünftiger geworden“, sagt die Mutter.

„Das hätte jedem passieren können. Sie haben ihn da reingetrieben.“

Frank Seile stand am 17. November 2006 als Trainer in der Ringecke von Nick Lukas. Seitdem haben die beiden keinen Kontakt mehr gehabt. Gefallene werden aus der Boxerfamilie ausgestoßen. „Das hätte jedem passieren können“, sagt Trainer Seile. „Sie haben ihn da reingetrieben“, sagt Mutter Elke. Nick Lukas war eigentlich Ringer. Zu den Boxern seines Klubs Magdeburger Sportverein 90 ging er nur, um vor den Kämpfen „Gewicht zu machen“. Als er davon einem Kumpel in einem Schnellimbiss erzählte, hörte am Nachbartisch jemand von den Magdeburger Profiboxern zu.

„Er hat mich gefragt, ob ich nicht mal bei ihnen trainieren will. Mal sehen, ob sie aus mir was machen können“, sagt Lukas. „Die haben ihm eingeredet, er wäre ein Superboxer“, sagt seine Mutter. Nach rund drei Monaten Training organisierten sie ihm einen Profikampf. „Das muss man sich mal vorstellen, ohne Amateurkampf Profi zu werden. Das ist verantwortungslos“, sagt Elke Lukas. Ihren Sohn, der zu dieser Zeit als arbeitsloser Fliesen-, Platten- und Mosaikleger von Hartz IV lebte, lockte das Geld. Den ersten Kampf sagte er noch ab, weil er sich nicht fit fühlte, das zweite Angebot nahm er an - für 100 Euro pro Runde, ein Viertel davon bekam der Trainer. „Und war es das wert?“, fragt die Mutter. „Wäre das nicht passiert, schon“, sagt der Sohn.

Folge der Liberalisierung: Jeder kann einen Boxabend aufziehen

Dass der Fall Nick Lukas bislang ein Einzelfall ist, grenzt an ein Wunder. Denn im deutschen Boxsport ist ein gefährlicher Teufelskreis in Gang gekommen. Jeder Veranstalter kann sich den Aufsicht führenden Verband mittlerweile selbst aussuchen - einheitliche Standards gibt es nicht. Bei den Kampfabenden der Hamburger Universum Box-Promotion führt der Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) Aufsicht, beim Berliner Sauerland-Stall der Faustkämpferverband Austria, bei der Arena Box-Promotion Hamburg der lettische Boxverband. Daneben gibt es die German Boxing Association (GBA), die von unzufriedenen GBA-Mitgliedern gegründete German Boxing Organization (GBO), außerdem sanktionieren der belgische, der serbische und der bosnische Boxverband Kampfabende in Deutschland.

Die GBA wurde vor fünf Jahren als Gegengewicht zum BDB ins Leben gerufen. Die Initiatoren fühlten sich vom deutschen Traditionsverband benachteiligt, der Einfluss des Marktführers Klaus-Peter Kohl von Universum erschien ihnen zu groß, die Gebühren für Kampfabende und Titelkämpfe zu hoch. Die Folge der Liberalisierung auf dem deutschen Boxmarkt: Jeder kann einen Boxabend aufziehen, jeder kann in den Ring steigen - als Profi. Nick Lukas war Sportler, kampferprobt in rund 500 Duellen als Ringer, er startete in der Oberliga und der zweiten Bundesliga. Das reichte als Qualifizierung.

„Er hat Speck angesetzt. Früher war er ein dünner Strich.“

„Jeder, der fit ist, kann Profi werden. Dann könnte ja jeder durchtrainierte Schwimmer Boxer werden“, sagt Elke Lukas. Wer als Amateurboxer erfolgreich war, unterschreibt einen Vertrag bei den Branchengrößen Universum, Sauerland oder Arena. Anderen bleiben in Deutschland nur die Kampfabende der obskuren Verbände. Lukas boxte mit Lizenz der GBA. „Ich habe vorher irgendetwas unterschrieben“, sagt er. Eine Versicherung lehnte er ab - zu teuer.

Die Mutter mustert ihren Sohn: „Er hat Speck angesetzt. Früher war er ein dünner Strich.“ Schließlich treibt Nick Lukas keinen Sport mehr: zum ersten Mal in seinem Leben. „Früher hat er sich nur bewegt. Jetzt überhaupt nicht mehr“, sagt Elke Lukas. Zweimal die Woche geht Nick Lukas zur Krankengymnastik und Ergotherapie. Sein Kurzzeitgedächtnis funktioniert schlecht, er hat Konzentrationsprobleme, seine linke Hand zittert. Anfang nächsten Jahres läuft sein Anspruch auf Rente aus. Dann wird er wieder untersucht, dann wird der Grad seiner Behinderung neu bewertet. Sein Kampf geht weiter.

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